von Gabriela M. Keller
Die Hälfte aller irakischen Christen ist vor der systematischen Verfolgung aus der Heimat geflohen. Im Vorfeld der Parlamentswahlen im März nimmt die Gewalt erneut zu. Erzbischof Jean Sleiman ist trotzdem entschlossen zu bleiben
Jean Sleiman sitzt an der Stirnseite seines Wohnzimmers, in einem Sessel aus verschnörkeltem, golden lackiertem Holz. Eine Hausangestellte bringt Sahnelikör in geschliffenen Gläschen. Er überlegt, wie er anfangen soll. Wie beschreibt man ein Leben in Todesangst? Der Erzbischof von Bagdad ist ein ruhiger Mann mit zurückhaltenden Gesten. Er wählt seine Worte achtsam. Die Angst, sagt der 63-Jährige, habe sich im Irak zu einem Grundgefühl entwickelt, das mit der tatsächlichen Bedrohungslage nur noch lose zusammenhänge. Die Zahl der Anschläge in Bagdad ist zwar gesunken. Die Angst der Christen ist gestiegen. „Mittlerweile“, sagt er, „reicht es, wenn eine einzige Person entführt wird, um die gesamte Gemeinde in Panik zu versetzen.“
Bagdad, fast genau sieben Jahre nach dem US-Einmarsch, wenige Wochen bevor die Bewohner des Landes zum zweiten Mal seit dem Sturz Saddam Husseins ein neues Parlament wählen sollen, ist ein unsicherer Ort für Christen.
Im vergangenen Juni haben die USA mit dem Abzug ihrer Truppen begonnen. Die Wahlen am 7. März gelten als Meilenstein, nach dem der Rückzug in zügigen Schritten zu Ende gebracht werden soll. Es gibt Meldungen, die den Eindruck vermitteln, dass im Irak langsam eine Nachkriegsgesellschaft Konturen annimmt, in der Konflikte auf politischem Wege gelöst werden.
Michel Sleiman winkt müde ab; er weiß, wie schnell die Abgründe im Irak aufreißen können und dass die christliche Minderheit der Gewalt weitgehend schutzlos ausgeliefert ist. „Es ist durchaus möglich, dass die Christen bald vollständig aus dem Irak verschwunden sein werden“, sagt er leise.
Die Minderheit existiert im Irak seit den Anfängen des Christentums. Rund die Hälfte der ehemals 1,2 Millionen Christen ist seit dem Beginn des Krieges im März 2003 aus dem Land geflohen.
Immer wieder wurden in Bagdad und Mosul Kirchen in die Luft gesprengt, Christen systematisch entführt, ermordet, vertrieben, ganze Stadtviertel mit Gewalt konfessionell gesäubert. „Was viel gefährlicher als die Gewalt selbst ist, ist der Verlust des Gefühls, in den Irak zu gehören“, schildert der Erzbischof. „Die Menschen in meiner Gemeinde sagen: ,Dieses Land, das ist nicht mehr für uns da.‘“
Der Geistliche will daran glauben, dass die Christen trotz allem noch eine Zukunft im Irak haben – dazu jedoch müssten sie selbst daran glauben. Doch wie sollen Menschen diese Zuversicht aufrechterhalten, die jederzeit Ziel einer neuen Welle von Angriffen sein könnten? Auch der Erzbischof weiß es nicht so genau. „Wir versuchen, die Hoffnung zu leben“, murmelt er, „doch die Hoffnung wird tagtäglich auf die Probe gestellt.“ Zuletzt kam es in Bagdad im vergangenen Sommer zu einer Reihe von Angriffen auf Kirchen, sechs innerhalb von 48 Stunden. Seither hat Al Qaida hauptsächlich im Nordirak zugeschlagen. Die Terrororganisation versucht, den Krieg, der zwischen Schiiten und Sunniten abgeflaut ist, zwischen Kurden und Arabern neu zu entfachen. Und einmal mehr stehen die Christen zwischen den Fronten. Seit Monaten zeichnet sich zudem ab, dass die Gewalt im Vorfeld der Wahlen wieder deutlich zunimmt.
„Wir werden in Konflikte hineingezogen, in denen wir keine Protagonisten sind“, sagt Jean Sleiman.
„Die Gewalt ist zu einer politischen Sprache geworden. Das bedeutet, dass jedes Mal, wenn es zu politischen Problemen kommt, eine neue Welle der Gewalt ausbricht.“
Jean Sleiman hat an der Sorbonne Theologie und Sozialwissenschaften studiert. 2001 wurde der Libanese zum Erzbischof von Bagdad ernannt. Die Entwicklungen im Irak seit dem Sturz Saddam Husseins verfolgt der weltoffene Intellektuelle mit Entsetzen. Angesprochen auf die bevorstehenden Wahlen, zuckt er etwas ratlos die Schultern: „Fundamentalismus und Tribalismus sind in den Irak zurückgekehrt.
Dazwischen ist nicht viel Platz für gesunden Menschenverstand.“ Immer wieder weist er darauf hin, dass die Gewalt nicht nur die Christen trifft, sondern auch alle anderen Konfessionen. Er will nicht, dass der Eindruck entsteht, er betreibe kleingeistige Klientelpolitik. Das ist ihm wichtig.
Die Forderung einiger Politiker in Deutschland, vorrangig christliche Asylbewerber aus dem Irak aufzunehmen, lehnt er entschieden ab. Eine solche Bevorzugung könne den Zorn der Muslime heraufbeschwören – und von den Christen als Aufforderung verstanden werden, den Irak entgültig zu verlassen. „Gut für die Christen wäre, was auch gut für alle anderen Iraker wäre“, sagt er: „der Aufbau eines funktionierenden Rechtsstaats.“
Der Geistliche ist sich bewusst, welchen Risiken er ausgesetzt ist. Die Leiche von Faraj Raho, des Erzbischofs von Mosul, wurde zwei Wochen nach seiner Entführung im Februar 2008 gefunden.
Sechs Monate später wurde sein Nachfolger ermordet. „Ich laufe nicht mehr viel auf der Straße herum“, sagt er, die persönlichen Kontakte zu den Familien in seiner Gemeinde musste er weitgehend einstellen. Dafür spricht er in seinen Predigten oft über die Verfolgung der Christen, versucht, der Erfahrung willkürlicher Gewalt einen höheren Sinn zu geben. „Wenn es den Christen gelingt, den Schmerz zu ertragen, ist das wie eine Teilhabe am Leiden Christi“, erklärt er. Sleiman will die Mitglieder seiner Gemeinde spirituell stärken, damit sie durchhalten. Er selbst ist entschlossen zu bleiben, auch wenn er der letzte Christ im Irak wäre. „Ich habe nicht darum gebeten, herkommen zu können, und werde nicht darum bitten, gehen zu dürfen“, sagt er knapp. „Ich hätte sonst das Gefühl, den Willen meines Herrn zu verraten.“ |