von Irene Dische
Hier legen die Menschen ihr Leben – von der Geburt bis zum Tod – in Gottes Hand. Hier ist Amerika ganz anders. Eine Reise in die Welt der Obama-Hasser und Super-Christen.
Entscheidet man sich gegen die Straßen, die fast alle zu der Vergnügungsstätte Floridas, also Richtung Disneyworld führen, und fährt stattdessen landeinwärts, weg vom dunklen Ozean, dann durchquert man eine Landschaft, die so flach ist, wie man sich einst die Erde vorgestellt hatte, vorbei an viereckigen fensterlosen Gebäuden, in denen Lebensmittel, Viehfutter und Munition lagern. Wer ein gleichmäßiges Tempo einhält, erreicht den Bezirk Lake County in weniger als einer Stunde.
Unterwegs sieht man am Straßenrand aufgestellte Tische, bedeckt mit gebrauchtem Hausrat zum Verkauf und Schilder mit handgeschriebenen Lettern: „YARD SALE“. Wenn immer mehr Schilder zu sehen sind, bis sie ganze Siedlungen von privaten Flohmärkten bilden, nähert man sich einem der entlegenen Nester, in denen sich die Lebensbedingungen seit Obamas Amtsantritt verschlechtert haben, wie die Leute dort glauben.
Die reicheren Christen, deren Vorfahren es bereits vor Generationen nach Florida verschlagen hat, haben sich vor langer Zeit in den etwas größeren Ortschaften des Bezirks niedergelassen, um ihren Geschäften nachzugehen. Sie leben in großen Häusern mit Seeblick, fahren metallisch glänzende Geländewagen und machen auch sonst einen wohlhabenden Eindruck. Sie sind die Entscheidungsträger in Lake County, haben in den Stadträten und bei der Polizei das Sagen. Sie pflegen gute Verbindungen zu den Gläubigen, die in den entlegenen Gegenden leben; sie bleiben jahrelang in Kontakt mit der Führung der Zentralregierung in Washington, ein Zugang, den sie sich mit Geschenken offen halten, für die sie wiederum mit einem Essen im Weißen Haus reich belohnt werden können. Mit Ungläubigen haben sie wenig zu tun. Die Dunkelhäutigen bleiben in einem abgegrenzten Teil der Stadt unter sich, die Polizei ist ihr einziger Außenkontakt.
Die natürlichen Feinde der Gläubigen sind die klebrigen Liberalen, die Obama immer noch unterstützen und weder das ungeborene Leben achten noch das Vorrecht Gottes anerkennen, alleine die Gesundheitsfürsorge zu regeln.
Die beiden Gruppen lassen sich anhand ihrer Kleidung und Größe leicht auseinanderhalten: Die Gläubigen haben ausufernde Leiber, die sie gerne in bunte Kleidung hüllen. Die Liberalen treiben Sport, sind meist kleiner und gedrungener, ihre Kleidung ist unauffällig. Die beiden Gruppen mögen sich nicht, auch wenn sie vielleicht ihre For-Sale-Tische mit dem Hausrat nebeneinander aufstellen, wobei kein Unterschied zwischen dem besteht, was sie veräußern wollen. Beide jedoch erklären der Besucherin aus New York freimütig, dass sie harte Zeiten durchmachen, und jeder schiebt die Schuld dafür auf den anderen.
Jenseits dieser abgelegenen Ortschaften herrscht die Natur mit gelassener Entschiedenheit. In zahlreichen Seen tummeln sich Alligatoren und Wassermokassinschlangen, in Knöchelhöhe wimmelt es von Flöhen und Zecken, weiter oben liegt das Reich der anderen stechenden und beißenden Insekten. Dies ist der natürliche Lebensraum der armen Gläubigen – oft nennen sie sich selbst Charismatiker –, die in Häusern aus billigen Schwemmsteinen leben oder in Wohnwagen, die an schmalen Straßen stehen oder tief verborgen im halbtropischen Ocala-Wald. Manche ziehen es vor, allein zu leben, andere in den warmherzigen Schranken einer Familie, einschließlich Kötern und Schrott-Karren. Nicht jedes Haus hat Fliegengitter. Die Insekten schwirren ein und aus, und eine angereiste New Yorkerin verwechselt leicht eine marodierende Kakerlake mit einer Maus.
In den Vormittagsstunden, zwischen neun und elf, wird es in dem Wald allerdings so laut wie mitten in Manhattan – Explosionen erschüttern den Wald, der Boden zittert, ja, sogar Scheiben bersten bisweilen, sodass es einer Fremden bange wird. Die Bewohner hingegen bleiben ruhig. Es ist ja nur das Militär. Im Ocala-Wald liegt das größte Bombentestgelände der US Navy.
Hier werden 3500 Kilo schwere Bomben auf ihre Tauglichkeit geprüft. Der Himmel ist voller Kampfflugzeuge, die von einem Militärstützpunkt im Norden mit wahnwitziger Geschwindigkeit einfliegen, dann zittert die Erde im Umkreis von sechzig Kilometer. Manchmal verfehlt eine Bombe ihr Ziel und landet irgendwo im Wald. Doch die Bewohner nehmen davon kaum Notiz. Ihre wahre Aufmerksamkeit gilt Gebetsstunden, der Sonntagsschule, Teufelsaustreibungen, Ausflügen, dem Internet, in dem sie ewig spielen können, und Wundern – dies alles schafft Bindungen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
Es ist auffällig, dass diese Menschen nur wenige Kinder haben, wahrscheinlich weil ihre Gesundheit es nicht zulässt. Tatsächlich drücken sie die durchschnittliche Lebenserwartung in den Bezirken Zentralfloridas um neun Jahre unter den Landesdurchschnitt – und diese neun Jahre kürzere Lebenszeit trifft auch auf die Wohlhabenden zu, die sich Krankenversicherung und Arztbesuche leisten können.
Es gibt keine offizielle Erklärung dafür, wer für diese kurze Lebensdauer verantwortlich ist; denn das Büro der Gerichtsmedizin wurde privatisiert und darf keine Statistiken mehr über die Bewohner des Bezirks herausgeben. Aber für eine Besucherin mit normaler Beobachtungsgabe ist die Ursache offensichtlich. Die 40- und 50-Jährigen hier haben nicht die rosigen Wangen und kräftigen Zähne eines, sagen wir, 70 Jahre alten Bauern im schweizerischen Fextal. Man gewinnt leicht den Eindruck, dass bestimmte Krankheiten eine Plage unter den ländlichen Gläubigen darstellen. Man sieht viele Süchtige, und sie sind leicht zu erkennen – süchtig nach Essen, wenn sie dick sind, und nach den Drogen Meth oder Crack, wenn sie dünn sind. Belege früherer Expeditionen in die ländlichen Gebiete von Lake County ergeben die höchste Pro-Kopf-Zahl von Methamphetamin-Abhängigkeit im ganzen Land. Meth ist die Droge der Armen, es ist billiger als Crack, billiger als Candy, zerstörerischer als der Teufel, und alle Zutaten, die man zu seiner Herstellung braucht, kann man bei Walmart kaufen.
Die Segnung Walmart
Die Feinde der Gläubigen sollten allerdings einer Tatsache ins Auge sehen: Walmart ist eine Zweigstelle des Paradieses. Man beachte allein die Anlage des Parkplatzes: ein unbeschreiblich großzügiger Zufluchtsort, viele Buchten im Schatten von Bäumen, damit die Fahrzeuge auch an tropischen Tagen kühl bleiben. Der Weg vom Auto zum Supermarkt führt angenehm windgeschützt über glänzend schwarzen Asphalt.
Für Behinderte gibt es spezielle Einkaufsbuggys und an der Tür helfende Hände, die einem den Zutritt erleichtern. Man sehe sich diese Hände an.
Die meisten sind alt, um nicht zu sagen, uralt.
Auch die Gesichter sind alt. Betrachtet man die Mitarbeiter in dem kathedralenartigen Geschäft, entdeckt man eine Besonderheit: In einer Walmart-Filiale in Lake County ist die jüngste Verkäuferin 71 Jahre alt. Sie hatte ein Herzleiden, das sie vor einigen Jahren aus dem Verkehr zog. Über ein Jahr lang lag sie im Krankenhaus und in der Rehaklinik. Die anderen Angestellten besuchten sie regelmäßig, erzählt sie, und man hielt ihre Stelle frei. Die Älteste in dieser Filiale ist 86. Sie war einst Schulrätin in einem großen Bundesstaat im Norden Amerikas, wurde pensioniert, zog mit ihrem Mann in den Süden, und dann ließ er sie im Stich, indem er starb. Am Tag nach seiner Beerdigung bewarb sie sich bei Walmart und wurde sofort eingestellt.
Die Bezahlung ist schlecht, aber es geht nicht um die Bezahlung. Wenn man vierzehn Stunden pro Woche arbeitet, wird man vom Arbeitgeber krankenversichert, aber es geht auch nicht um die Krankenversicherung. Fast jeder, der bei Walmart arbeitet, macht es wegen des sozialen Umfelds und des beglückenden Gefühls, in dieser Gesellschaft noch gebraucht zu werden. Josie beispielsweise bekommt mit 83 eine kleine ausreichende Rente aufgrund ihres früheren Jobs als Buchhalterin in New York, und da sie über 70 ist, zahlt die staatliche Krankenkasse Medicare ihre Arzt- und Krankenhausrechnungen, ob sie arbeitet oder nicht. Sie besitzt ein Haus mit einem kleinen Garten, und ihre vier Kinder bleiben telefonisch in Verbindung. Ihr Alltag bei Walmart macht ihr viel Freude. Sie vermisst ihren Mann, aber sie sagt: „Ich lebe nun mal zufällig gern.“ Allerdings gibt es auch einen jungen knallharten Manager. Er kann seit seiner Kindheit nicht laufen und bewegt sich im Rollstuhl.
Der Mensch ist angeblich entweder Jäger oder Sammler. In Lake County gehen die Männer auf die Jagd, aber nur ein paar Wochen im Jahr während der Saison –, in der übrigen Zeit trifft man sich. Sich treffen, bedeutet, einkaufen gehen. Bei Walmart sind die Kunden größtenteils arm oder gehören der konservativen Mittelschicht an. Sie sind dankbar für die niedrigen Preise, denn von Fernsehgeräten bis zu orthopädischen Kissen, Kinderkleidung, Windeln, Lebensmitteln, Pharmazeutika ist hier alles billig. Selbst Naturkost. Die hochnäsigen Tante-Emma-Bioläden, die ihre Kundschaft mit ihrer Selbstgerechtigkeit terrorisieren, ihren fiesen kleinen Zetteln über die Umwelt, der kultivierten Langsamkeit an der Kasse und ihren sehr hohen Preisen können ihnen gestohlen bleiben. Bei Walmart erhält man sämtliche Produkte zum halben Preis, und niemand zuckt zusammen, wenn auch eine Cola-Flasche im Einkaufswagen liegt.
Die entzückte Besucherin stellt verdutzt fest, dass selbst die ärmeren Liberalen vom Walmart fernbleiben. Ein Vorräte hamsternder Liberaler geht lieber in Spezialgeschäfte, eins für Elektrogeräte, dann ein Supermarkt, anschließend eine Apotheke. Stunden vergehen, in denen er oft ein- und ausparkt. Aber der Liberale zahlt gern mit seiner Zeit und mit Benzin, denn sein Gewissen ist rein – er ist nicht von ausgebeuteten Arbeitern bedient worden, sondern beispielsweise bei „Best Buy“ von jungen Angestellten, die sogar Verkaufsbelohnungen kassieren. Die Atmosphäre dort gleicht allerdings einem Schlachtfeld, auf dem die Verkäufer den Kunden auflauern, ihn mit Halbwahrheiten terrorisieren und jedes Mittel anwenden, um ihn zum Kauf des teuersten Produkts zu überreden.
Sollten Sie aber jemals Zweifel hegen, ob jemand ein Liberaler ist, sagen Sie nur „Walmart“ –, und es folgt ein unwillkürlicher Reflex, das gutmütige Gesicht des Liberalen wird zu einer eisigen Maske der Missbilligung. Sichern Sie Ihren Test ab, indem Sie die billigen Preise bei Walmart erwähnen, und man wird Sie anfahren: „Weil die Waren in Asien hergestellt werden und den Amerikanern Arbeitsplätze wegnehmen!“ Wundern Sie sich nicht über die Logik der Liberalen, die etwas dagegen haben, dass arme Menschen in der Dritten Welt Geld verdienen, das sonst in amerikanische Taschen gewandert wäre.
Erinneren Sie sich auch an das Geschrei und Gezeter, als herauskam, dass Walmart billige mexikanische Arbeitskräfte illegal als Reinigungspersonal beschäftigt und ihnen weniger gezahlt hatte, als sie verdient hätten, wenn sie amerikanische Staatsbürger gewesen wären, aber mehr, viel mehr, als sie ohne irgend eine Beschäftigung verdient hätten.
Argumentieren ist zwecklos, denn es führt nur zu einer Suada über den Niedergang der Tante-Emma-Laden-Kultur, von denen die letzten die verbliebenen Naturkostläden (siehe oben) und Bestattungsunternehmen sind.
Wenn auch die Liberalen nicht bei Walmart anzutreffen sind, so sind es doch alle anderen – man sieht die Dunkelhäutigen, die Meth-Süchtigen, die Gläubigen, Familien, Junge, Alte, Walmart ist die zentrale Handelsstelle. Als kürzlich in North Carolina ein Mädchen entführt wurde, trat ihr Vater in der Oprah-Winfrey-Show auf und bat um die unversehrte Rückgabe seiner Tochter. „Setzen Sie sie einfach bei Walmart ab“, sagte er. Walmart regelt Leben und Tod – das Unternehmen verteilte kostenlose Grippeimpfungen an sein ärmeres Klientel und ist seit kurzem auch ins Sarggeschäft eingestiegen.
Geboten werden Niedrigstpreise und Lieferung binnen 48 Stunden für Modelle wie „Dad Remembered“ aus Stahl, Hochglanz silberblau, mit handgenähter Kreppbespannung für nur 895 Dollar. Oder „Mom Remembered“, gleicher Preis, innen mit eingestickter Orchidee. Das Modell „American Patriot“ ist ebenfalls aus Stahl, mit handgenähter Kreppbespannung und „Stars and Stripes“-Stickerei – immer noch günstig für 1099 Dollar. Es gibt sogar Sonderausführungen wie den „Regal Wide Body“ – er ist breiter als die Standardgröße und für Übergewichtige gedacht (1199 Dollar). Und zur Freude der Patrioten sind diese Särge ausdrücklich „Made In The USA“.
Der apostolische Käsekuchen
Im God’s Café in Eustis diskutieren die gut situierten weiblichen Gläubigen über den Tod, das heißt, sie vergleichen ihren jeweiligen Gesundheitszustand. Obwohl sie zum Arzt gehen, sobald es notwendig ist, löst das Thema der staatlichen Krankenversicherung eine Art Kriegstanz aus. „Wir sind das einzige Land der Welt ohne verstaatlichte Medizin!“, schimpft eine der Frauen, „die Leute kommen aus Europa und Kanada nach Amerika, nur um sich hier medizinisch behandeln zu lassen!“ Sie und ihre Freundinnen sind aber, ohne es genau zu wissen, über Medicare versichert, ein staatliches Programm, das die medizinischen Kosten aller über 65-Jährigen trägt (auch von Ausländern, die seit mindestens fünf Jahren ihren gesetzlichen Wohnsitz in den Staaten haben). Medicare gibt es seit 1965, und viele Amerikaner haben sich so daran gewöhnt, dass sie leugnen, dass die Regierung für sie zahlt. Ausländern ist darum zu raten, nicht darüber zu reden, wie Medicare funktioniert und das „magische Denken“ nicht in Zweifel zu ziehen, wenn ihnen ihre Gesundheit etwas wert ist.
Wenn Sie in dieser Region mit jemandem in Kontakt kommen, den Sie nicht kennen, sollten Sie lieber Ihre friedfertigen Absichten in ein Kompliment kleiden: „Ich mag Ihr Hemd!“ Oder: „Woher haben Sie diese hübschen Schuhe?“ Die schlichte Antwort lautet: „Oh vielen Dank!“, und dann wird das Kompliment erwidert: „Was für eine tolle Uhr.“ Gehen Sie mit dem erwiderten Kompliment behutsam um. Erzählen Sie, woher die Uhr stammt, erzählen Sie eine kleine Geschichte über Ihren Großvater, der Ihnen die Uhr auf dem Sterbebett geschenkt hat, etwas Persönliches. Dann bleiben die Schusswaffen unter dem Tisch und der Ton der Einheimischen bleibt freundlich. Selbstverständlich unterliegen auch diese strengen Konversationsregeln Ausnahmen, und der Besitzer des God’s Café ist eine solche Ausnahme. Er sucht nicht diese Dialogform und erwartet sie auch nicht. Wenn man sein Café betritt, kommt er zu einem und hält eine kurze Predigt über die Güte Gottes, dann überreicht er die Speisekarte. Wenn man weiterfragt, erzählt er, wie es dazu kam, dass Gott ihm diese Immobilie, eine der erlesensten Adressen im Bezirk, geschenkt hat. Viele Jahre lang beherbergte sie das Blumengeschäft „Pearl Florist“.
In einem Land, in dem die meisten schönen tropischen Blumen wild wachsen, war „Pearl Florist“ mit seinem Angebot gezüchteter Blumen der Inbegriff der örtlichen Hochkultur – hier wurden Hochzeiten, Taufen und auch Bestattungen mit ebenso viel Aufwand und Sorgfalt geplant wie eine Opernproduktion im Norden der USA. Passenderweise befand sich „Pearl Florist“ im schönsten Gebäude der Stadt, wie Einheimische immer noch finden, einem Blockhaus mit zwei Etagen, einschließlich Umkleidekabinen für Bräute und einem Springbrunnen in der Haupthalle. Als „Pearl Florist“ schloss, weil die Leute anfingen, Blumen in Großmärkten wie Walmart zu kaufen, trat Gary Hagen an den Besitzer heran und versprach ihm, dass Gott ihm gefällig wäre, wenn er seinem Café mietfrei Unterkunft gewähren würde. Der Besitzer übergab ihm die Schlüssel. Hagen baute eine Küche ein, druckte eine Speisekarte ohne Preise, stellte Spendendosen auf die Tische und öffnete die Tür für alle. Gewiss bietet dieses Restaurant das beste Essen in der Region. Denn Hagen ist ein guter Koch, genau genommen ein Konditor, der schon mehrere exquisite Restaurants eröffnet und geführt hat – in seinem ersten in Carmel-by-the-Sea an Kaliforniens Küste war der Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood Stammgast.
Hagen ist ein verträumter Kauz um Mitte fünfzig, ein ehemaliger katholischer Ministrant, der nichts von irgendwelchen Meinungen hält, auch nicht, wenn es um Moral geht. Sich selbst stellt er gern als schlichte Seele dar, die Gott zum Dienen auserwählt hat. Er ist überzeugt: Gott heile durch ihn und schenke ihm gute Ideen. Als Gott ihm sagte, er solle seine äußerst profitablen Geschäfte aufgeben und sein gesamtes Geld verschenken, zögerte er. Er wollte wissen, was Gott mit ihm vorhatte. Schließlich gab er nach und folgte der Aufforderung, in ein fremdes Land zu gehen. Das nächste fremde Land war Missouri, wo er in einem Wohnwagen lebte und für ein paar Tage Berühmtheit erlangte, als er, wie er behauptet, einen Serienvergewaltiger „persönlich zur Strecke brachte“, ihn seiner gerechten Strafe zuführte. Er arbeitete dann weiter für die Armen, bis Gott ihm bedeutete, nach Florida zurückzukehren und in Lake County ein Restaurant zu eröffnen, in dem es umsonst Essen gibt. „Wenn ich kein Geld einnehme, mache ich kein Geschäft“, sagt er. „Und wenn ich kein Geschäft mache, kann ich nichts verlieren.“ Die Armen kommen regelmäßig zum Essen vorbei, ebenso Reiche, die ansehnliche Schecks in die Spendenbüchse legen. Hagen selbst sieht nicht sehr gesund aus, sein Gesicht ist maskenhaft und ziemlich grau, aber er will keine Anteilnahme und sagt, er sei fröhlich und keineswegs erschöpft, denn vor einer Stunde habe er einen kranken Restaurantgast geheilt. Man kommt nicht um den Verdacht herum, dass der Käsekuchen auch ein bisschen geholfen hat, denn der ist außergewöhnlich gut. Zwölf verschiedene Sorten gibt es, von leicht und luftig bis zu schwer und sahnig, manche Kuchen durchsetzt von Früchten, andere voller Spezereien.
Es war Gottes Idee, dass Hagen eine geschiedene Pferdezüchterin als Bedienung engagieren sollte, die ihm bei seinen Heilungen im Rückraum des Cafés und bei der Durchführung des Freitagabendgottesdienstes hilft. Sie ist nicht verträumt. Die Kellnerin serviert mit Kriegsbemalung; ihre Ohren sind mit schwerem Schmuck gepierct, ihr Kleid knallbunt. „Der Heilige Geist ist in mir“, behauptet sie. „Er ist reine Liebe. Reine Kraft.“ Sie ist Anhängerin eines in Orlando ansässigen Fernsehpredigers. Pastor Patrick gehorcht Gott. Bei seinen Predigten lastet die Verantwortung schwer auf ihm. „Gott!“, hebt er vorne in der Kirche an. „Sprich! Lass mich nicht allein und stumm vor meinen Gemeindemitgliedern. Sonst langweilen sie sich, sonst gehen sie. Du weißt, ich habe ihnen nichts zu sagen. Gott! Sprich! Sprich durch mich!“ Und es dauert nicht lange, da spricht Gott mit tiefer Stimme und starkem Südstaatenakzent. Und er sagt seiner versammelten Gemeinde, dass Obama der Antichrist ist. Hagen wirft mit müder Stimme ein: „Dann sollten wir frohlocken, denn das heißt, wir sind den Verzückungen beim jüngsten Gericht näher!“ Die Kellnerin fühlt sich nicht verpflichtet, ihrem Boss zuzustimmen. Gott hat durch ihren Pastor genau erklärt, was Obamas über 2000 Seiten umfassender Gesundheitsplan vorsieht – nämlich nicht nur Ausschüsse, die bestimmen, wie lange ein alter Mensch leben soll, sondern schlimmer noch, Krieg zu führen gegen die wahren Gläubigen und ihre Neun-Monats-Kinder zu töten, wenn sie durch den Geburtskanal kommen, indem man ihnen eine dicke Spritze in den Schädel rammt und das Gehirn heraussaugt. Die anfangs mit der Kellnerin ausgetauschten Komplimente der Besucherin aus New York haben bei ihr mit Sicherheit nicht genug Wohlwollen erzeugt, um eine Auseinandersetzung mit ihr zu überleben.
Ihr Zorn ist erschreckend. Doch sie konzentriert sich und sagt ohne Groll: „Gott verbietet das Töten von unschuldigem Leben.“ Aber, fragt die Besucherin, was ist mit dem Krieg in Irak und all den Kindern, die dort getötet werden? „Das ist was anderes“, sagt sie. „Gott will, dass wir jene töten, die nicht an ihn glauben.“
Die Besucherin aus New York sagt, dass sie ihren Salat und den Käsekuchenteller mit 50 Dollar bezahlen möchte. Eine Spende. God’s Café nimmt auch Kreditkarten. „Möchten Sie das Trinkgeld auf dem Tisch liegen lassen oder auch auf die Karte setzen?“, fragt die Kellnerin. Ist man erst einmal geboren, spielt Geld eine große Rolle.
Das ungeborene Leben
Ungeborenes Leben sündigt nicht. Nicht in Gedanken, Worten und Werken. Es hegt keine bösen Gedanken und nimmt auch keine Drogen, es entehrt den Namen Gottes nicht. Ungeborenes Leben stellt keine Fragen.
Abtreibung ist insofern kaltblütiger Mord an diesem reinen, unschuldigen Leben. Einen Gläubigen erkennt man an seiner eisigen Miene der Missbilligung, wenn er das Wort „Abtreibung“ hört. Die Zentralregierung sollte sich aus jeglichem Privatleben heraushalten, aber in erster Linie sollte sie die kaputte Straßenlaterne an der Bay Street reparieren und Abtreibung kriminalisieren. Eine Mutter von drei Kindern, die im God’s Café regelmäßig zu Mittag isst, erfuhr im vierten Schwangerschaftsmonat, dass ihr Kind nicht lebensfähig sei. Der Fötus nahm Fruchtwasser in seinem Gewebe auf, was dazu führte, dass sein Körper eine monströse Größe erreichen, das Gehirn jedoch gar nicht wachsen würde. Die Ärzte erklärten den Eltern, ihr Kind hätte keine Chance, die Geburt zu überleben und würde der Mutter während der Entbindung vermutlich schwere Schäden zufügen; sie empfahlen dringend eine Abtreibung. Die Eltern lehnten ab. Sie beteten unaufhörlich, Gott möge ihnen eine Chance geben und ihnen ein erstklassiges Wunder und ein gesundes Kind bescheren. Untersuchungen zeigten, dass Gott ihre Gebete nicht erhörte. Sie beteten trotzdem bis zum neunten Monat weiter; inzwischen war der Fötus gewaltig, das Gehirn dagegen so groß wie eine Mirabelle. Drei Tage lag die Mutter in Wehen, bis sie von ihrem toten, missgebildeten Nachwuchs entbunden wurde. Da sie überdies unter einer Menge gesundheitlicher Probleme litt und die Geburt so traumatisch verlaufen war, musste sie noch mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen. Die Familie war nicht krankenversichert und gezwungen, alles zu verkaufen, um die Behandlungskosten zu bezahlen. Gefragt, ob sie die gleiche Entscheidung noch einmal treffen würden, wenn sie über die Folgen Bescheid wüssten, sagte der Vater recht mutig, es sei die Entscheidung der Mutter, da sie die Schmerzen tragen müsse, und die Mutter sagte, sie würde das Ganze wieder so machen, weil Gott Abtreibung nun einmal nicht dulde. Und: „Wenn Sie darüber diskutieren wollen, fragen Sie einen der Prediger!“
Pastor Miller (der richtige Name ist der Redaktion bekannt) ist ein ortsansässiger Exorzist und ein aufwühlender Prediger. Mit seiner recht schmächtigen Statur erfüllt er nicht die körperlichen Richtwerte der Gläubigen, allerdings leidet er an Diabetes, wenngleich fast jeder, den man hier trifft, anscheinend unter Diabetes leidet. Er hat etwas von einem Soldaten an sich.
Er trägt viereckige Brillengläser, was ihm ein intellektuelles Aussehen verleiht, und er führt stets zwei Pistolen mit sich. Seine Predigten sind nicht volkstümelnd, sondern militärisch gefärbt, und wenn er nicht predigt oder Menschen von Dämonen heilt, unterweist er sie in diversen Bildungseinrichtungen im Gebrauch von Feuerwaffen. Seine Spezialgebiete sind verdeckt getragene Waffen und das Austreiben böser Geister. Nach seiner Predigt fängt die Besucherin ein Gespräch mit ihm an. Der Pastor ist offensichtlich klug, und er ist neugierig. Früher, sagt er, habe er in Europa gelebt, und bei weiterem Nachbohren fügt er hinzu, er habe für die CIA als Spion gearbeitet. Es besteht Anlass, ihm zu glauben. Er nennt Einzelheiten über einen obskuren IRA-Terroristen, die ein normaler Mensch nicht kennen würde. Der CIA-Mann gab sein Wanderleben in Europa auf, um in den neunziger Jahren eine Familie zu gründen. Dann fand er seinen Weg zur Kirche.
Wenn man Gläubige trifft, ist es vorteilhaft, ihre Ansichten zu teilen. Vergessen Sie, dass Sie jemals andere hatten. Doch diese Sünderin kann sich nur bis zu einem gewissen Punkt einreden, dass Obama der Antichrist ist oder dass sie überhaupt an Sünde glaubt. Irgendwann wird ihr klar, dass sie entweder die Überzeugungen der anderen aufrichtig teilen muss oder von der Anstrengung implodieren wird, sich zurückzuhalten. Aus einem solchen Dilemma entstand das folgende, von Schweigeminuten durchsetzte Gespräch.
„Um ehrlich zu sein, ich bin nicht gegen Abtreibung, wenn das Kind behindert ist …“
„… aber ich bin sehr wohl gegen das Töten von Menschen, wenn sie aus dem Mutterleib sind … das Töten von unschuldigen Menschen in, sagen wir, einem Krieg.“
„Aber Gott will, dass wir jedes unschuldige Leben schützen. Ich gebe zu: Kollateralschäden im Krieg sind ein Problem. Trotzdem gehe ich auf die Jagd. Ich töte unschuldige Tiere. Allerdings esse ich auch, was ich töte.“
„Wie fühlt es sich an, ein Tier zu töten?“
„Intim oder vertraut?“
„Wie fühlt es sich an, einen Menschen zu töten?“
„Intim oder vertraut?“
„Ich nehme an, Sie haben sie getötet, weil sie böse waren.“
„Ich habe sie getötet, weil sie gefährlich waren. Übrigens jage ich mit Pfeil und Bogen, weil es intimer ist. Wussten Sie, dass ein Pfeil eine kugelsichere Weste durchdringen kann?“
„Haben Sie einen Menschen mit Pfeil und Bogen getötet?“
„Nein.“
„Haben Sie einen Menschen mit etwas anderem getötet als mit Schusswaffen?“
„Mit Wasser. Aber ich möchte nicht darüber reden.“
„Wie tötet man jemanden mit Wasser?“
„Ich habe ein russisches U-Boot versenkt. Sagen Sie mal, Sie glauben doch an den Kreationismus, oder? Und nicht an die Evolution!“
Die Welt ist klein – in Lake County erfährt die Sünderin schließlich, was mit einem IRA-Terroristen geschah, den sie bei einem Auslieferungsprozess in den achtziger Jahren kennengelernt hatte. Und sie ist froh, dass sie offen mit dem Pastor sprechen kann, ohne dass er wegrennt oder sie erschießt. Stattdessen stimmt er zu, dass man über derartige Themen durchaus diskutieren kann, ohne auf Gewalt zurückzugreifen. Und dann schlägt er vor, die Sünderin solle lernen, wie man eine Feuerwaffe benutzt. Die Sünderin räumt ein, dass sie unter einem unkontrollierbaren Reflex leidet: Wenn sie Schüsse hört, läuft sie weg. Es spielt keine Rolle, ob sie aus ihrer eigenen Waffe kommen. Er sagt, man könne auch Ohrstöpsel tragen. Die Sünderin stellt sich eine Situation vor, in der sie die Schusswaffe zur Selbstverteidigung braucht, vielleicht weil sie von einem tollwütigen Hund oder einem Serienkiller angegriffen wird. Und nach ihren Ohrenstöpseln sucht.
Der Pastor und die Sünderin trennen sich herzlich, und er schreibt und fragt, ob er für sie beten darf. Sie sagt, danke, nur zu. Ein wenig Unterstützung von oben kann nicht schaden.
Das Wunder guter Gesundheit
Die armen Gläubigen im Lake County glauben, dass alle lebensentscheidenden Fragen – also alle Fragen des Körpers – dem Verstand unterliegen, und dass der Verstand ein Fußsoldat des Glaubens ist, der dem Allmächtigen dient. Mit anderen Worten, über gute Gesundheit entscheidet Gott. Gesundheit ist keine Frage von Ernährung, Ärzten oder den Grippeimpfungen, die bei Walmart verabreicht werden.
Dolores lebt tief im Wald. Wie vielen ihrer Landsleute fehlen ihr die Zähne. Sie ist um die vierzig Jahre alt, sieht aber zwanzig Jahre älter aus, ihr graues Haar ist dünn, die Haut fleckig, weil sie sich lange nicht gewaschen hat, was zu ihrer schmuddeligen Kleidung passt, und sie ist sehr übergewichtig. Dennoch strahlt sie Selbstbewusstsein und Stolz aus. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ungläubige zu besuchen, die im Ocala-Wald leben. Sie macht ihre Runden, als wäre der Wald eine Krankenstation, und spricht mit ihnen über ihre Überzeugung. Sie ist darauf erpicht, sie zu heilen und zu Jesus zu bringen. Am Sonntag in der Kirche spricht sie über ihre Gesundheit. Gott, sagt sie, komme immer zu Hilfe. Erst diese Woche wieder hatte sie nicht genug Geld, um ihr notwendiges Herzmedikament zu kaufen. Sie merkte, wie es zunehmend schlimmer wurde mit ihrem Herzen und ihre Lungen sich mit Flüssigkeit füllten. Sie betete. Und Gott erhörte ihre Gebete. Er schickte ihr einen 20-Dollar-Schein, der auf der Straße lag. Ihre medizinische Behandlung war eine weitere Woche gesichert. „Gott ist gut, jawohl!“, ruft der Pastor, als er diese Geschichte hört.
Niemand fragt, ob der Herr ihr Glück aus dem Unglück eines anderen geschaffen hat. Als die Besucherin zu bedenken gibt, ob es nicht vernünftiger wäre, wenn die staatliche Sozialversicherung Dolores mit den von ihr benötigten Medikamenten versorgen würde, weil ihr dann Zeit bliebe, für andere Dinge zu beten, reagieren die Menschen verschnupft. „Gott wird für mich sorgen. Wozu brauche ich eine Krankenversicherung?“, erwidert Dolores.
Wie zum Beweis wird ein krankes Gemeindemitglied, Julie, durch Handauflegen von Gläubigen geheilt. Sie hat hinten in der Kirche gesessen und hörbar gewimmert. Ihr Rücken schmerzt so sehr, dass sie kaum aufstehen kann. Aber sie steht auf. Sie trägt ein winziges enges Stretch-Shirt mit tiefem Ausschnitt und Spaghettiträgern, die auf ihrer nackten tätowierten Haut liegen.
Der Pastor verspricht: „Wir werden helfen. Wir werden unsere Hände auf dich legen.“ Julie läuft wackelig auf ihren hochhakigen Schuhen in der kleinen Kirche nach vorn, setzt sich auf einen extra hingestellten Stuhl, und die anderen versammeln sich um sie und legen ihre Hände auf Julies nahezu nackten Oberkörper. Sie beten.
Julie schließt die Augen und spürt die nackten Hände auf ihrer heißen Haut. Und die Nähe der Körper an ihrem Körper. Ein Heilakt dauert mehrere Minuten. „Der Schmerz ist weg“, murmelt Julie. Sie trottet auf ihren Platz zurück.
„Gelobt sei Gott! Ich bin geheilt!“, ruft sie. „Gelobt sei Gott“, rufen alle. Dann eilt Julie nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen.
In der Kirche hat Dolores eine Beschwerde. Es gab eine Welle von Dämonen, die Frauen im ländlichen Lake County heimsuchten. Fast alle Gemeindemitglieder können es bezeugen. Die Dämonen überwältigen sie des Nachts, springen im Schlaf auf sie, reißen die Decken weg und zerren an ihren Nachthemden. Doch es gibt ein Heilmittel. Der Pastor übt es mit Dolores: Konzentriere deine Kraft und rufe: „Jesus! Jesus! Jesus!“, und der Dämon wird verschwinden. Die Szene stammt natürlich direkt aus der Bibel.
Jesus war ein ganz großer Exorzist. Im kultivierten Norden ist die Praxis aus der Mode gekommen. Aber wenn Sie Interesse haben und keine Lust, Ihre verstaubte Bibel aufzuschlagen, dann kommen Sie einfach nach Lake County und erleben es. Besonders die Männer werden von Dämonen heimgesucht, die gewaltsam in sie hineinfahren und sie Dinge sehen lassen. Manche werden gewalttätig. Andere nehmen Drogen, trinken viel oder verprügeln ihre Frauen.
Im Café „New World“ in Umatilla setzt sich ein Patient an einen kleinen Holztisch und legt die Arme vor sich hin, ohne die Salz- und Pfefferstreuer zu berühren. Ein Fernseher läuft im Hintergrund, irgendein Programm, aber niemand sieht zu. Eine Assistentin läuft herum, drückt einen Blumensprayer und erzeugt einen Nebel, der die Luft wolkig und mysteriös erscheinen lässt. Der Exorzist legt dem Patienten die Hände auf die Schulter und ruft: „Heraus mit dir, du Dämon! Jesus ist hier!“ Der Kranke reagiert heftig und verflucht den Heiler. Andere Heiler treten hinzu und halten ihn im Stuhl fest, bilden eine Zwangsjacke aus Händen, die Abwehr des umsichschlagenden Opfers ist zwecklos. Der böse Geist in ihm grunzt und knurrt, doch der Ruf des Exorzisten „Weiche von diesem Mann, Beelzebub“ ist lauter. Schließlich fühlt sich der böse Geist überwältigt, macht sich davon und lässt das Opfer völlig erschöpft zurück. Es wird ein paar Tage lang nicht fähig sein, „piep“ zu sagen. Das Ganze scheint ein sehr wirksames Heilmittel für Geisteskrankheiten zu sein, vielleicht so wirksam wie jahrelange Therapie. Und wesentlich billiger.
Mammon
Die größte Ortschaft von Lake County, Eustis, ist nach einem General benannt, der sich durch die kolossale Zahl der von ihm getöteten Indianer auszeichnete. Heute ist die Stadt nicht mehr so einfarbig wie während seiner Amtszeit, nur 75 Prozent sind Weiße. Es gibt keinen offenen Rassismus, aber ein Klassenbewusstsein, sodass der Besuch von Restaurants, Kirchen und Bestattungsunternehmen weitgehend farbsortiert und schichtenbestimmt ist. Geld allerdings ist in jeder Schicht knapp. Seit März 2008 hat die Stadt 42 Prozent ihrer Jobs verloren. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt dennoch bei 18000 Dollar pro Jahr, normal für einen Ort, an dem nur zwölf Prozent der Bevölkerung über einen Hochschulabschluss verfügen. Währenddessen leben im Umland des Ocala-Waldes 52 Prozent unter der Armutsgrenze.
Wenn sich die Banken in der Stadt über die finanzielle Lage ihrer Kunden informieren wollten, fragten sie bis vor kurzem beim hiesigen Pfandleiher nach. Die Pfandhäuser waren die Hauptkampflinie in der Wirtschaftskrise. Doch auch sie sind auf den Hund gekommen, denn keiner hat mehr Geld, um etwas zu kaufen.
Häuser stehen zum Verkauf, aber keiner will sie haben. Die Neubaurate ist in den vergangenen zwei Jahren auf null gesunken. Inzwischen trägt auch die Mittelschicht ihre Eheringe und die Armbanduhr des Großvaters zum Pfandleiher. Sie müssen die Demütigung über sich ergehen lassen, dass man ihre Fingerabdrücke nimmt, und dann bleiben ihnen dreißig Tage, um die Sachen zurückzukaufen mit einem Zuschlag von 20 Prozent Zinsen auf das Darlehen für die versetzten Sachen. Aber die Menschen kommen nicht zurück. Da es in der Gegend keine Käufer gibt, muss der Pfandleiher alles Wertvolle an größere Läden im Norden schicken. Seit Obamas Wahl hat sich das Geschäft drastisch geändert.
Der Pfandleiher hat für Obama gestimmt, und er bereut es nicht. Er räumt ein, dass er nicht genug von Wirtschaft versteht, um sie zu beurteilen, aber er hat das Gefühl, dass die vorige Regierung an der derzeitigen „Schwäche“ schuld ist, und er glaubt außerdem, dass er den Familien durch den Ankauf ihrer Wertsachen hilft, sich über Wasser zu halten.
Auch die Kirchen sind sehr engagiert, vorwiegend in Form von kostenlosen Mahlzeiten einmal pro Woche und vielen Gebeten. Die Liberalen füllen die entstandene Lücke aus und haben „Die Speisekammer“ gegründet. Zweimal pro Woche wartet eine Schlange von dunkel- und hellhäutigen „Bedürftigen“ bis zu zwei, drei Stunden vor einem kleinen Gebäude, ehe sie an der Reihe sind, um kostenlose Lebensmittel für ihre Familien abzuholen. Wenn jemandem zum ersten Mal ein Einkaufswagen voller Lebensmittel überreicht wird, bricht er in Tränen aus; deshalb liegen stets Papiertaschentücher bereit. Und wenn das die Flut nicht eindämmt, ruft jemand die „Umarmerin“ herbei. Damit ist Bonny gemeint, eine Großmutter mit rosigen Wangen, die die Weinenden dann tröstet. Bonny stört es nicht, wenn sie nass wird. Das Personal arbeitet ehrenamtlich. Neben Bonny gehört Lee Dodge dazu, ein 83-jähriger Gentleman alter Schule, der Einkaufswagen zu den Autos schiebt und den Menschen beim Einladen hilft. Ein weiterer Liberaler stiftete das an einer großen Kreuzung gelegene Gebäude, das die Speisekammer-Leute im vergangenen Winter miet- und betriebskostenfrei nutzen durften. Janet ist Spendensammlerin und Organisatorin. Die „Speisekammer“ muss Lebensmittel im Wert von 4000 Dollar pro Woche sammeln, um sie an die Bedürftigen zu verteilen.
Janet ist eine unabhängig denkende Liberale und bringt Großmärkten eine gewisse Toleranz entgegen – als ihr Mann John von seiner Arbeit als Manager in den Ruhestand ging, übernahm er, weil er Blumen liebt, einen Teilzeitjob in der Gartenabteilung bei Loews, das in etwa Walmart entspricht. Janet ist vermutlich Anfang sechzig, klein, energisch, als Katholikin Angehörige einer Minderheit und unglaublich freundlich, ohne unausstehlich zu sein. Sie wird wütend, wenn jemand sagt, die Speisekammer solle die Leute strenger kontrollieren, ob sie auch wirklich Hilfe benötigen. Sie faucht: „Jeder, der bereitwillig zwei Stunden in der Hitze auf einen Korb Lebensmittel wartet, braucht sie offensichtlich.“
Sie unterstützt und vertraut Obama „vollkommen“. Sie leitete den Wahlkampf der Demokraten in Lake County und ist immer noch unermüdlich parteilich. Oft versammelt sie eine Gruppe Einheimischer bei sich im Wohnzimmer, um Briefe an den demokratischen Senator aus ihrem Bezirk zu schreiben und ihn aufzufordern, die Gesundheitsreform zu unterstützen. Als die Besucherin erwähnt, dass unter den Gläubigen erzählt würde, Obama sei der Antichrist, entgegnet Janet: „Lassen Sie sich von den Leuten nicht kirre machen. Im Übrigen sollten Sie jemanden kennenlernen …“
Sie stellt den Sohn eines Gläubigen vor, einen Praktikanten aus dem Obama-Wahlkampf, ein kleiner geschmeidiger Bursche Anfang zwanzig. Der Junge wuchs auf dem Land auf, er stammt von armen Leuten ab, die dort die Kirchen füllen. Er war der geborene Sportler und konnte aufgrund eines Footballstipendiums ein lokales College besuchen, bis ihm vor zwei Jahren bei einem Spiel das Knie zertrümmert wurde.
Während seiner Genesungszeit verfolgte er den Präsidentschaftswahlkampf. Dann arbeitete er als Freiwilliger für Obama. Als sein Knie wieder in Ordnung war, wollte er nicht mehr weiter Football spielen, sondern in die Politik gehen. Er will nun an der Columbia Law School studieren.
Traurigkeit und Gewissheit
Seit der vergangenen Präsidentenwahl blüht das Geschäft der Kirchen in Lake County. Eine kleine Kirche in einem Wohnwagen in Pittman, die noch vor einem Jahr fünf bis sechs Besucher zählte, hat jetzt zwanzig. Die Menschen leiden nicht unter dieser emotionalen Unklarheit, wie sie bei den Kosmopoliten im Norden üblich ist, und wenn sie etwas wollen, dann sagen sie es auch: „Ich brauche ein neues Auto. Gott wird mir helfen, ein Auto zu finden, das ich mir leisten kann.“ Und dann sagen sie: „Gott ist gut. Er hat dafür gesorgt, dass ich ein Auto gefunden habe.“ Wenn etwas dringend benötigt wird, zögern die Menschen hier nicht, die anderen um Unterstützung beim Beten zu bitten. Bei einem Gottesdienst hat ein alter Mann in einer Kirchenbank ein privates Anliegen. Der Prediger fordert ihn auf, es näher zu spezifizieren. Der Mann in Not hat große raue Hände, ein verwittertes Gesicht, seine Augenbrauen wachsen wie Unkraut, und er trägt Jeans und Arbeitsstiefel. Die personifizierte Männlichkeit. Er ist Tagelöhner. Er bricht in Tränen aus.
Die anderen Besucher warten geduldig, während er schluchzt. Nach einer Weile versichert ihm der Pastor: „Es ist in Ordnung, wenn du weinst“, und ein anderer fügt hinzu: „Wir weinen hier alle voreinander.“ Die Zeit verstreicht. Der Pastor sagt: „Jetzt sag uns, warum du so traurig bist und wofür wir beten sollen.“ Der Arbeiter stottert in seine Hände: „Mein Hund ist krank.“
Der Hund heißt Lucky. Wahrscheinlich eine Mischung aus Schäferhund und Spaniel, erst zehn Jahre alt. Und er frisst nicht mehr. Niemand schlägt den Besuch eines Tierarztes vor, denn das wäre, als würde man sagen: „Pack dein schwedisches Latex-Hundebett in deinen Mercedes und wenn du zu deinem Osteopathen gehst, kannst du ihn in der Tierklinik absetzen.“ Die Gemeinde betet für Lucky, und der alte Mann hört aufmerksam zu, jedes Wort ist Balsam auf den bevorstehenden Verlust. Er trocknet sich das Gesicht mit dem Ärmel, und seine Augen sind rot, aber die Mundwinkel wandern nach oben, und die Besucherin entdeckt auf seinem gütigen Gesicht ein Lächeln, das vermutlich aus der reinsten Hoffnungslosigkeit stammt. |