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Der zerbrochene Diamant
von Stefan Brändle

Sie war die bekannteste Rapperin Frankreichs, Idol zahlloser Banlieue-Mädchen, letzte Hilfe gegen familiäre Tradition und Unterwerfung. Doch damit scheint es nun vorbei zu sein. Seit neuestem trägt Diam’s ein Kopftuch und propagiert die Unterwerfung der Frau.

Diam’s war die Identifikationsfigur junger Französinnen. Die Rapperin, die von Freiheit und Gleichheit sang, galt als Sprachrohr frustrierter Jugendlicher, die in den französischen Vorstädten leben.
Plötzlich ist alles auf den Kopf gestellt. In ihrem neuen Album propagiert die zum Islam konvertierte Sängerin die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Die Fans sind entsetzt.

Dem anonymen Vorstadtmädel Mélanie Georgiades aus dem Département Essonne östlich von Paris war der Erfolg nicht vorherbestimmt. Das Scheidungskind einer Französin und eines Zyprioten war im Alter von drei Jahren nach Frankreich gekommen. Dank ihrer Mutter, die in einer Eventagentur arbeitete, kam sie mit der Musikszene in Kontakt. Sie traf Rapper wie Mafia Trece, DJO Lango und Black Mozart, stellte bald ihre eigene Band auf die Beine. Mélanie wusste früh, was sie wollte und nannte sich Diam’s, „weil Diamanten nie zerbrechen“.

2003 erschien ihre erste Single „Brut de femme“ (Frau pur), und ihre starke Stimme ging der Grand Nation unter die Haut. Ein Star war geboren. Bald war Diam’s Künstlerin des Jahres in Frankreich und hatte mehr als eine halbe Million Exemplare ihres Albums „Dans ma bulle“ (In meiner Blase) verkauft. Sie hatte die Machodomäne des Rap erobert und mehr Platten abgesetzt als jeder andere Musiker. Seither jubelt die Jugend dem Hip-Hop-Star zu.
Vor allem war die brillante Rapperin ein soziologisches Ereignis: Über Nacht wurde sie zur Inkarnation des Banlieue-Girls, jener „Asphaltrose“, wie sie singt, die in Turnschuhen, mit Kapuzensweatshirt und Lippenstift durch die unsicheren Straßen gehen und sich zwischen Macho-Brüdern – vorwiegend arabischer oder afrikanischer Herkunft – und sozialer Ausgrenzung ein Stück persönliche Freiheit erobern will. Eine freche Göre machte Tausenden junger Frauen vor, wie man sich in einem Land, das nicht das Land ihrer Eltern ist, seinen Platz erkämpft und erschreit.

Und mit einem Mal ist alles anders: Diam’s neues Album „SOS“ hat einen düsteren Unterton. Statt Gänsehaut verursacht es Stirnfalten. Die 29-jährige Rapperin präsentiert sich zwar mit dem gleichen Punch, der gleichen Melodiosität, dem gleichen Streetlook, aber ergänzt durch ein modisches Kopftuch – ein islamisches. Sie sei in eine Krise gestürzt, bekennt sie im Song; sie habe sich nicht mehr als Französin gefühlt, sondern irgendwo am Rand.

Den Glitzer und Glamour verwirft Diam’s selbstkritisch. „Ich rannte dem Kommerz nach und den Dollars, hatte am Handgelenk eine Rolex wie Nicolas“, rappt sie mit Verweis auf die Luxusuhr des französischen Präsidenten. „Ich habe mein Glück weit weg vom Showbusiness gefunden“, lässt sie ihre Fans noch wissen, ohne präziser zu werden. Muss sie auch nicht: Auf ihrem neuen CD-Cover sitzt das Energiebündel im Trainingsanzug und mit Basecap neben einem Spiegel, sodass die rechte Hand mit ihren zum Himmel gedrehten Fingern in einer bestimmten Stellung reflektiert wird: der islamischen Gebetshaltung.

In den bisher veröffentlichten neuen Videos trägt Diam’s ihre früher offenen Haare zudem bedeckt, manchmal durch ein seidenes Kopftuch. Ihren Songs nach zu schließen, will die Rebellin von einst nun in den Hafen der Ehe einfahren. Bereit zur Unterwerfung. „Wenn mein Mann eine Kalaschnikow ist, bin ich seine Schulter“, rappt sie. „Schließlich tauscht man die Rollen nie; heirate mich deshalb für einen guten Zweck.“

Der Diamant ist doch nicht ganz steinhart. Auch wenn die religiöse Bekehrung Diam’s nur angedeutet wird, reagieren viele Frauen maghrebinischer Herkunft mehr als enttäuscht. „Diam’s hat ein ungeheures Talent, aber ich verstehe nicht, was mit ihr los ist“, sagt die Schauspielerin Isabelle Adjani. „Das Tragen des Kopftuchs ist vielleicht die Folge einer großen Not. Das Problem ist, dass das ansteckend wirken kann.“ Auch die für die Banlieue-Frauen kämpfende Vereinigung „Weder Huren noch Unterworfene“ ließ verlauten, es sei traurig zu sehen, wie die Oberrapperin „eine gewisse Botschaft“ einer Generation vermittle, die mehr Gleichheit zwischen Mann und Frau anstrebe.
Stadtministerin Fadela Amara geht noch weiter: „Indem Diam’s ein Bild von der Frau vermittelt, das letztlich negativ ist, wird sie zu einer wahren Gefahr für die Mädchen aus den ­Banlieue-Vierteln.“


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe April 2010

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Leserkommentare
sandra (Frankfurt Main) 27.05.2010
Hallo Redaktion,

ich kenne einige Menschen von Kunsthochschulen und neustes populäres Beispiel ist die Frau des Premierministers in GB. Alles wird nur so heiss gegessen, wie es gekocht wird und Gleichberechtigung ist selbst noch beim ZDF eine Frage des Chefs und des Glücks, da falls es in der Abteilung mit Männern bekannt wird, das sich die Gleichstellungsbeauftragte eingesetzt hat- eine Einarbeitung nicht mehr stattfindet und ohne Kollegen geht es nicht.
Also Gleichberechtigung ist hart erkämpft und keine Selbstverständlichkeit.

Vg Sandra
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Stefan Brändle
Stefan Brändle arbeitet in Paris als Frankreich-Korrespondent unter anderem für die Frankfurter Rundschau, die Stuttgarter Zeitung und den Standard aus Wien.


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