von Carlos Widmann
Gefährliche Gemeinsamkeiten: Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi protzen mit Frauen und Power, mit Zirkus und Geld. Das überdrüssige Volk aber kehrt der Politik den Rücken zu und fürchtet griechische Verhältnisse.
Ein schnaubendes Geräusch, ausgestoßen mit vorgeschobenem Unterkiefer und zugekniffenen Augen, signalisiert Alarmstufe eins. Aber da ist es für jeden Beschwichtigungsversuch schon zu spät. Die Irritation des schmächtigen Mannes schlägt um in schäumende, zappelige Wut. Aus gepressten Lippen kommt günstigstenfalls ein zischendes „imbécile!“ oder auch etwas unwiederholbar Vulgäres. Online weltweit abrufbar, werden manche Ausfälle des Präsidenten wohl noch lange ein internationales Publikum unterhalten. Amerikaner bestaunen den Bündnispartner, der sich nach einer frechen Frage der Interviewerin Lesley Stahl – einer nationalen Institution – das Mikrofon vom Hals reißt und grußlos davonstürzt.
Nicolas Paul Stéphane Sarkozy de Nagybócsa, geboren 1955 in Paris, entstammt väterlicherseits dem – wie man im Wien der Donaumonarchie zu klagen pflegte – „unzähligen“ ungarischen Kleinadel. Selbst nach drei Jahren im Elysée empfindet ihn Frankreichs beamtete Elite als Fremdkörper und Emporkömmling. Ein Staatspräsident, der Subalterne mit einem Pfiff herbeizitiert, Reporterinnen mal herumschubst, mal begrabscht und an feinen Häppchen knabbert, ohne seinen Gästen welche zu reichen, handelt unfranzösisch. Verstöße gegen die Form und Mangel an Selbstbeherrschung gelten als schwerer Makel, der durch unfreiwillige Komik nicht zu kompensieren ist. Und doch hat offenbar erst ein Deutscher entdeckt, mit welchem bekannten Franzosen dieser hyperaktive Herrscher die größte Ähnlichkeit aufweist. Joachim Sauer, der aufmerksame Gatte der Bundeskanzlerin, besorgte seiner Frau angeblich eine Kassette mit Filmen des populären Klamotten-Darstellers Louis de Funès. Damit konnte Angela Merkel sich anscheinend recht gut auf ihren gewöhnungsbedürftigen Partner an der Seine einstellen. Die Kanzlerin, die auf eine unerbetene Nackenmassage von George W.Bush noch wie eine unsittlich berührte Jungfer reagiert hatte, erträgt inzwischen gut gelaunt die öffentlichen Zärtlichkeiten des Franzosen.
„Man kann sich nicht mit Charles de Gaulle identifizieren, aber wie Silvio Berlusconi aufführen!“, hatte der Philosoph Alain Finkielkraut dem neuen Präsidenten schon drei Tage nach dessen Wahl zugerufen. Ausgelöst wurde dieses lapidare Urteil durch Äußerlichkeiten, scheinbar Nebensächliches. Sarkozys Siegesfeiern hatten tatsächlich an die ausschweifenden Saturnalien des Mailänder Cavaliere erinnert. Luxus mit Talmiglanz, bling-bling genannt, begleitete den Triumphzug des Chirac-Nachfolgers auf Schritt und Tritt. Erst das Gelage auf den Champs-Elysées bei „Fouquet’s“, einer gastronomischen Attraktion für nahöstliche Potentaten und Eigentum befreundeter Spielbankbetreiber. Dann ein Mittelmeerturn des Sarko-Klans auf einer 70 Meter langen Milliardärsjacht. Dazu fabrikneue Outfits von Prada und Dior, Sonnenbrillen von Ray-Ban, Breitling-Uhren und affig-teure Designerjeans. Und die Krone, das Entzücken der Paparazzi: Sarko im schwarzen Anzug, mit geöffnetem weißem Hemd und einer Goldkette um den Hals – ein fast schon mafiöser Anblick.
Finkielkrauts Warnung zeugte vom Weitblick des Denkers, der gefährliche Gemeinsamkeiten ahnte und den späten Erben des Gaullismus vor der abgründigen Frivolität des Italieners warnen wollte. Drei Jahre später schon trudelten Sarko und Silvio in vergleichbaren Turbulenzen. Die Regionalwahlen im März offenbarten in beiden Ländern die Grenzen politischer Showmanship und präpotenter Medienpräsenz. Betriebsschließungen, Personalabbau, Jugendarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung: Die wirtschaftlichen und sozialen Defizite ließen sich nicht mehr zirzensisch überspielen. Die Linke, deren eklatantem Scheitern beide Rechten einst ihren Aufstieg verdankten, ist in Frankreich nun immerhin wieder präsent, wogegen sie in Italien als Machtalternative nicht einmal in Betracht kommt: Umberto Bossi von der rechtspopulistischen Lega Nord, Berlusconis unheimlicher Verbündeter, war der eigentliche Wahlsieger. Vom Gespenst, das in Europa umgeht – den griechischen Verhältnissen – ist Fraunkreich wohl nur langfristig, Italien aber schon recht akut bedroht.
Körpergröße: 165 Zentimeter. Dass ihre Bodyguards sie meist um Haupteslänge überragen, ist für Silvio und Sarko gleichermaßen schmerzlich. Aber vermeiden lässt es sich nicht – die langen Kerls müssen eben Abstand von ihren Schutzobjekten halten, damit es auf dem Bildschirm nicht so auffällt. Und manchmal muss man der Leibwache einfach davonlaufen. Wie der Cavaliere damals, als er sich von einer Blondine in Uniform angezogen fühlte. Gerade war er aus dem Palazzo Grazioli herausgetrippelt, um seine Staatslimousine zu besteigen – da packte ihn die Libido und erzwang einen Umweg. Die große Blonde mit Krawatte sah ihn nicht kommen. Sie war über eine Motorhaube gebeugt und blätterte ahnungslos in ihrem Notizbuch, als der Presidente del Consiglio rückwärtig an sie herantrat und seine Hose vertrauensvoll ihrem Hinterteil zugesellte. Zwei Stöße nur – ruck und zuck! – bezeugten, dass Silvio Berlusconis Hüfte einen Schwung hat. Darauf packte er die entgeisterte Frau mit beiden Händen an der Taille, warf mit sieghaftem Lachen den Kopf in den Nacken und verschwand hinter den getönten Scheiben seines gepanzerten Lancia.
Richtig ritterlich war das nicht vom „Ritter der Arbeit“. Der Lieblingstitel Berlusconis – Cavaliere del lavoro – war ihm 1977 in seiner Eigenschaft als Mailänder Baulöwe verliehen worden. Aber er ist halt einer, für den keine Benimmregel gilt, und der – laut Brecht – „alles dürfen darf“: den spanischen Außenminister hinter dessen Rücken als Gehörnten verhöhnen, sich im Parlament gegen den bösen Blick demonstrativ ans Gemächt greifen, vor neugierigen Kameras ausführlich in der Nase bohren und das Ergebnis mit einem Espresso hinunterspülen. Selbst Sarko musste die Nonchalance seines italienischen Kumpanen einmal mit saurer Miene quittieren – als Berlusconi, auf die italienische Herkunft der dritten Madame Sarkozy anspielend, ihm radebrechend und mit grinsendem Besitzerstolz anvertraute: „Moi, je t’ai donné la mia donna!“ (Deine Frau hast du mir zu verdanken.)
Das war gewissermaßen von Faun zu Faun gesprochen. Denn libidinös ist beider Verhältnis zu allem, was zählt auf dieser Welt: zu Frauen, Macht und Geld.
Wie schon sein 1948 via Fremdenlegion eingebürgerter Vater Pál Sárközy – der sich von brotloser Malkunst zum Eigentümer einer erfolgreichen Werbeagentur mauserte –, hatte der Jungpolitiker in der Pariser Nobelvorstadt Neuilly-sur-Seine stets die Superreichen und die Einflussreichen umschmeichelt und kultiviert – ohne Berührungsängste gegenüber Figuren, die in Korruptionsaffären verwickelt waren oder denen gar Beziehungen zur korsischen Mafia nachgesagt wurden. Mit achtundzwanzig war Sarko bereits Bürgermeister von Neuilly, mit achtunddreißig Finanzminister im Kabinett Balladur, mit siebenundvierzig Frankreichs Innenminister: für einen Außenseiter, der in Nanterre studiert und keine der legendären Grandes Écoles besucht hatte, eine verdächtig steile Karriere. Sarkozys (zweite) Ehe mit der extrem wohlhabenden Cecilia Ciganer-Albéniz litt dreizehn Jahre lang, auch im Elysée, unter seinen zwanghaften, stadtbekannten Eskapaden.
Zum Entsetzen der gebildeten Stände hat der Präsident damals, um dem Volk seine Lebensphilosophie zu vermitteln, sich am Nationalheiligtum Literatur vergriffen. Wutbebend hatte Sarko festgestellt, dass an Frankreichs Schulen auch heute noch die „Princesse de Cleve“ zur Pflichtlektüre gehört – in Deutschland erstmals als „Liebes-Geschichte des Hertzogs von Nemours und der Printzeßin von Cleve“ (Leipzig/Franckfurth: J.Pauli, 1713) verbreitet. Dieser Roman, von einer Aristokratin unter Pseudonym verfasst und seinerzeit ein europäischer Bestseller, schildert das Schicksal einer frisch getrauten Achtzehnjährigen, die sich in den schönsten Mann Frankreichs verliebt und dennoch ihrem Ehemann treu bleibt. Selbst nach dessen frühem Tod gibt die Prinzessin ihrem Sehnen und Verlangen nicht nach und zieht sich lieber ins Kloster zurück, als die Treue zum ungeliebten Gatten zu brechen. Nur ein „Sadist oder Idiot“ könne der Jugend Frankreichs solchen Schwachsinn zumuten, tobte der Präsident. Vom Stil und der subtilen Psychologie des Romans hatte Sarko nichts mitbekommen – dafür aber der Nation verdeutlicht, dass es für ihn nichts Verächtlicheres gibt als den Verzicht.
Er habe seither dazugelernt, heißt es. Von Carla Bruni, der guten Fee im Elysée. Haben Frauen auf regierende Männer nicht oft einen zivilisierenden Einfluss? Dass Jacques Chirac sich in seiner zweiten Präsidentschaft dazu durchrang, die Verantwortung der Franzosen bei der Deportation der Juden im Zweiten Weltkrieg anzuerkennen, wird dem Ratschlag seiner Tochter zugeschrieben, die mit den Beziehungen zur Presse befasst war. Über einen Freund ließ Sarko jüngst verbreiten, erst Carla habe ihn dazu gebracht, endlich wieder Bücher zu lesen. Bald gab es auch ein Foto, auf dem der Präsident mit Prousts „À la recherche du temps perdu“ unterm Arm abgebildet war. Und der Nouvel Observateur meldete allen Ernstes, Steinbeck, Stendahl und Maupassant gehörten jetzt zu Sarkozys Lieblingsautoren. Eine Zeit lang hat das schon gewirkt und das Image des Präsidenten verbessert; auch mehrere öffentliche Auftritte Carla Brunis, die einen besonderen Charme hat, kamen ihm zu Hilfe. Aber wirtschaftliches Ungemach und Arbeitslosigkeit setzen alles Positive einem beschleunigten Verschleiß aus. Die Demoskopen attestieren dem Präsidenten die niedrigsten Beliebtheitswerte seit seinem Amtsantritt. Nur 36 Prozent der Franzosen finden Sarko noch okay.
Über Berlusconi aber fällt es schwer, auch nur den Kopf zu schütteln. Der Stenz als Staatsmann gibt sich als Wahlsieger aus, doch er hat sich verbraucht und zum ewigen Wiederholungstäter entwickelt, an dem nichts mehr überrascht. Wenn vom Cavaliere del lavoro die sogenannten Liebesnächte mit Prostituierten als Tonaufnahme vorliegen, wenn ein Riesenbett, das ihm nach eigener Aussage von Wladimir Putin geschenkt wurde, offiziell seinem voyeuristischen Vergnügen am „sister act“ zweier Gespielinnen dient, hört jede Neugier auf. Berlusconi ist sein eigener Parodist geworden. Man müsste ihn aus der Wirklichkeit in die Fiktion verbannen. Der Romancier Heimito von Doderer hätte vielleicht, in seiner herrlichen Groteske „Die Merowinger“, für ihn Verwendung gefunden. Da kommt eine Gestalt vor, deren unvergesslicher Name dem Cavaliere wie angegossen passen würde: Pelimbert der Indiskutable. |