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Szene aus „The Illusionist“
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15.03.2010
„Belgien wird Spielberg den Krieg erklären“
Interview mit Sylvain Chomet

Er gilt als einer der bedeutendsten Animationsfilmer unserer Zeit, jetzt erscheint sein neuer Film „The Illusionist“. Der dreifach Oscar-nominierte Comiczeichner Sylvain Chomet erklärt im Interview mit Constantin Magnis seine Lieblingsfilme, warum Disney für ihn ein Alptraum und der neueste Film des Konzerns saulangweilig ist.

Monsieur Chomet, warum wirken ihre Filme eigentlich so nostalgisch? Man hat manchmal das Gefühl, sie trauern Orten nach, die es nie gegeben hat.
Ich glaube, der Grund liegt in meiner Liebe zur Zeichnung. Ich transportiere meine Geschichten gerne in Zeiten, in denen das Gezeichnete präsenter war als heute. In der Vergangenheit wurden Gegenstände, Menschen, Landschaften, immer gezeichnet, nicht fotografiert. Und vor allem wurde alles, alle Häuser, Fahrzeuge oder Möbel, am Zeichenbrett entworfen, und nicht am Computer. Das sieht man ihnen an. Seitdem wurden die Dinge glatter und stromlinienförmiger, es macht schlichtweg keinen Spaß mehr sie zu zeichnen.

Aber auch darüber hinaus hinterlässt einen sowohl „The Illusionist“, als auch „Das große Rennen von Bellevue“ irgendwie sehr traurig. Woher kommt diese Melancholie?
Wahrscheinlich ist das, was sie als Melancholie wahrnehmen, meine Anstrengung mich vom Mainstream des Animationskinos zu distanzieren. Damit meine ich vor allem diese US-Produktionen, in denen alles immer grinsend auf das zwingende Happy End zu getrieben wird. Ich kann es nicht mehr sehen. Für mich entfaltet sich wirkliche Komik am allerbesten vor einem traurigen Hintergrund. Ich weiß nicht ob sie den Film „Miracolo in Milano“ von Vittorio De Sica kennen: Er handelt vom tristen Alltag der Obdachlosen. Und als auf ein Mal die Sonne durch die dunklen Wolken bricht, sammeln sich die Ganzen Bettler in dem einen, warmen Lichtkegel. Und immer wenn die Sonne wandert, wandern die Männer mit. Perfekte Komik. Ich will keine traurigen Filme machen, aber ich will mich auch nicht völlig von der Wirklichkeit lösen. Aber vielleicht haben sie Recht, und ich sollte mich in meinem nächsten Film mit irgendeinem irrsinnig fröhlichen Thema beschäftigen.

Vor einigen Jahren hieß es, ihr nächster Film wäre „Barbacoa“, eine Geschichte über Tiere in der französischen Revolution. Klingt auch nicht so richtig lustig.
Nein, ist auch nicht lustig, leider überhaupt nicht. Aber ja, ich arbeite noch an Barbacoa. Aber bis der Film erscheint, wenn überhaupt, wird es noch Ewigkeiten dauern. Stattdessen spiele ich mit dem Gedanken, einen weiteren Film mit den greisen Drillingsschwestern aus „Das große Rennen von Belleville“ zu machen. Der würde im Paris von 1968 spielen, während der Studentenunruhen, die von den Drillingsschwestern ausgelöst worden wären. Es wäre ein völlig geisteskranker, extrem bunter, alberner, lauter Film.

Wie stehen sie, als Großmeister der klassischen 2-D Animation, zu Disney?
Ach Disney, ich weiß nicht. Ich hab ja mal eine Zeit lang für den Laden gearbeitet, das war ein Alptraum. Ich habe an Fortsetzungen von Filmen gearbeitet, die noch gar nicht fertig waren. Die haben so viel Geld zum Fenster rausgeschmissen, es war schrecklich. Und der neue Film, „Princess and the Frog“? Die wollen cool sein, indem sie sagen: „Guckt mal, wir machen wieder einen klassischen Zeichentrickfilm“. Dabei ist der Film saulangweilig! Einfach nur das selbe, alte Zeug was die schon in den 70ern gemacht haben. Seid doch mal kreativ, denkt Euch mal was wirklich Neues aus! Nehmt Knetmasse, oder verdammte Socken mit draufgenähten Augen! Vielleicht mache ich das als nächstes: Einen Film mit Socken.

Gibt es denn auch Zeichentrickfilme, die sie wirklich froh gemacht haben? Haben sie Lieblingsanimationsfilme?
Ich liebe, bei aller Disneyskepsis „101 Dalmatiner“. Nicht so sehr für die Geschichte, aber die Zeichnungen sind einfach wunderbar. Hayao Myazaki mag ich eigentlich auch sehr gerne, am liebsten „Mein Nachbar Totoro“. Und „Wall-E“ war irgendwie auch toll. Und hey, der Film war mit seiner Zukunftsutopie ja wohl drei Mal so deprimierend wie mein „Illusionist“. Man hat es nur nicht gemerkt, weil die Musik so fröhlich vor sich hingeplinkert hat, und der Hauptdarsteller so süße, große Augen hatte. Wie immer.

Gibt es Kunst, die Sie als Comicfilmer besonders inspiriert hat?
Absolut. Mehr als alle anderen sicherlich Henri Toulouse-Lautrec und Egon Schiele. Und George Grosz natürlich.

Ein wichtiger Einfluss für sie war außerdem der französische Filmemacher Jaques Tati: „The Illusionist“ basiert auf einem Tati-Skript, die Hauptfigur, ein erfolgloser Zauberer, sieht genau aus wie er.
Richtig, und ich habe mich sofort in das Skript verliebt, als ich es damals in die Hand bekam. Es ist so klar und simpel. Das völlige Gegenteil vom „Rennen von Belleville“, das ja ein wirklich opulentes, barockes Stück mit über 1300 Einstellungen ist. „The Illusionist“ ist dagegen so einfach aufgebaut wie ein Theaterstück, und kommt mit 400 Szenenbildern aus. Diese Schlichtheit fand ich sehr anziehend, auch als Zeichner.

Sie sagten einmal, Sie hätten schon als zweijähriger gezeichnet. Erinnern Sie sich noch, mit welchen Motiven sie angefangen haben?
Ha, das ist sehr bizarr. Ich weiß das nur deshalb noch genau, weil meine Mutter alle meine Zeichnungen von damals behalten hat. Ich war zweieinhalb Jahre alt, und hatte vorher noch nie einen Stift in der Hand. Der Altersabstand zwischen mir und meiner Schwester war relativ groß, so dass ich als Kind viel alleine war. Eines Tages hat meine Mutter mir dann Stift und Papier in die Hand gedrückt. Und wissen sie, was ich gemalt habe? Den Fernseher, und den Blumentopf der oben drauf stand, vor der offenen Türe.

Ah. Dabei denkt man immer, kleine Jungen malen am Liebsten bluttriefende Schlachtengemälde, Monster aller Art und Raumschiffe. Sie nicht?
Nein, ich nie. Obwohl wir so ein Spiel hatten, bei dem wir Armeen gemalt haben, und die Soldaten des Gegners dann mit Farbklecksern umgebracht haben. Aber normalerweise habe ich nicht meine Fantasie ausgemalt, sondern die tatsächlichen Dinge um mich herum: Menschen, Objekte, die Wirklichkeit. Aber ich wollte schon sehr früh Geschichten erzählen. So entdeckte ich die Comics für mich.

Welche hatten Sie als Kind unter dem Kopfkissen?
Ach, die Klassiker, sie wissen schon: Tim und Struppi, Lucky Luke, Asterix.
Als ich älter wurde, fing ich dann an, das Comicmagazin Pilote zu lesen, oder Sachen von Jaques Tardi. Überhaupt gab es in Frankreich zu der Zeit so einen Reichtum an Comicstilen, das war eine wirkliche Blütezeit.

Herges Comicklassiker Tim und Struppi wird gerade von Steven Spielberg verfilmt. Trauen sie dem US-Regisseur den gebührenden Umgang mit diesem großartigen Kulturgut zu?
Ich weiß nicht, ich fürchte mich ein bisschen vor der Motion-Capturing Technik, die sie benutzen wollen. Ich mag das Zeug nicht. Und ich finde es ziemlich bizarr, von einem Schauspieler eine Aufführung zu verlangen, nur um anschließend einen Computer damit zu füttern. Es hört sich absurd an, und ich habe ehrlich gesagt Angst vor dem Film. Und die Belgier werden Spielberg wahrscheinlich den Krieg erklären. Dann haben wir den Salat.

Danke sehr für das Gespräch!

Das Interview führte Constantin Magnis


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Sylvain Chomet
Sylvain Chomet ist ein dreifach Oscar-nominierter, französischer Filmregisseur, Comicautor und Drehbuchautor von Animationsfilmen. Der gebürtige Franzose lebt und arbeitet in Edinburgh.


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