Schmidt / Stern: Laizismus und die Ostküstenelite von Helmut Schmidt und Fritz Stern Cicero Online veröffentlicht exklusiv das erste Kapitel aus dem Gesprächsprotokoll "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Im vierten Teil ihrer Unterhaltung sprechen Sie über die säkulare Verfassung der USA, die Rolle der Ostküstenelite und George H.W. Bush. Teil 1: Geschichtsbewusstsein und 1941 Teil 2: Deutsche und Polen Teil 3: Zbig Brzezinski Teil 5: US-Außenpolitik zwischen Monroe und Mahan Teil 6: China, die kommende Großmacht Teil 7: McCloy, Kissinger und Powell Teil 8: Die NeoCons Teil 9: Verantwortung für Israel? Teil 10: Gedanken zum Antisemitismus Teil 11: Facetten des Totalitarismus Stern: Bei der Begründung der Vereinigten Staaten war die Trennung von Staat und Kirche selbstverständlich. Den Gründungsvätern, oder wie immer man sie nennen will, war bewusst: Kirche und Staat müssen getrennt sein. Schmidt: Woher haben sie das gewusst? Stern: Aus den negativen Erfahrungen, die sie aus Europa kannten, aus der historischen Erfahrung. Schmidt: Es spielt in der Declaration of Independence nach meiner Erinnerung keine Rolle. Oder doch? Es spielt in der amerikanischen Constitution auch keine Rolle. Oder doch? Stern: Doch. Es steht ganz klar in der Verfassung, im berühmten stets zitierten ersten Amendment. Schmidt: Aha. Stern: Die Religionsfreiheit kam im Übrigen nicht sofort. Es gab auch unter den Pilgrims rigorose Unterdrückung, zum Beispiel von Katholiken und anderen christlichen Glaubensbekenntnissen. Weil es aber von Anfang an gemischte Religionen in den Vereinigten Staaten gab, hat sich die Frage nach religiöser Freiheit allmählich durchsetzen können. Schmidt: Die Leute, die im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert sind, waren zu einem großen Teil Iren, die waren selbstverständlich alle römische Katholiken. Zu einem großen Teil waren es Polen, die waren selbstverständlich ebenfalls alle römische Katholiken. Zu einem erheblichen Teil waren es Deutsche, die waren teils Protestanten, teils Katholiken. Aber alle kamen aus Staaten, in denen die Einheit von Kirche und Staat keine Rolle spielte. Stern: Aber in Irland war die Kirche doch ungeheuer mächtig, unabhängig davon, welche Rolle der Staat spielte. Und der Antikatholizismus in Amerika darf auch nicht unterschätzt werden – politisch gesehen. Gerade die Iren hatten im 19. Jahrhundert eine schwierige Zeit, sich durchzusetzen. Erst mit John F. Kennedy ist ein Katholik Präsident geworden. Schmidt: Meine Frage lautet: Woher kommt eigentlich dieses Überlegenheitsgefühl, dieser besondere amerikanische Messianismus? Dieses Gefühl der Amerikaner, wir haben das beste politische System der Welt, und das wollen wir jetzt auch den anderen beibringen, war ja nicht nur hilfreich. Könnte man so formulieren: Amerika hat den christlichen Missionarismus ersetzt durch einen demokratischen und kapitalistischen Missionarismus? Stern: Amerikanischer Prägung, ja. Schmidt: Auf christlicher Grundlage? Stern: Auf christlicher Grundlage, ja, aber man muss hinzu fügen, toleranter – Schmidt: Das Christentum war niemals tolerant. Stern: Eben! Schmidt: Weder das katholische noch das evangelische Christentum sind je tolerant gewesen. Stern: Sie sagten eben, die alte Ostküstenelite habe an Einfluss verloren – Schmidt: Das würde ich so stehen lassen. Stern: Ich will Ihnen gar nicht widersprechen. Ich will Sie fragen, woran Sie es festmachen? Schmidt: Was wir heute in der Finanzwelt erleben, ist ein absolutes Versagen der alten Ostküstenelite. Stern: Sie haben, wie immer, eine kurze und präzise Antwort. Ich zögere ein wenig, weil es wirklich eine sehr komplexe Materie ist. Es hängt einerseits zusammen mit der demographischen Entwicklung, andererseits ist es das eigene Versagen, wie das sehr oft bei Eliten der Fall ist. Ich würde damit anfangen, zu sagen, die alte Ostküstenelite wurde gespalten mit dem New Deal. Einige haben damals mitgemacht, aber bei vielen kam es zu einer bitteren Feindschaft gegen Roosevelt; es gab damals noch, wenn ich so sagen darf, eine anständige republikanische Opposition, die dann allerdings immer weniger von Anstand geprägt wurde. Und das ist weiß Gott nicht besser geworden. Jedenfalls fing die Vormacht der Ostküstenelite schon damals an zu wackeln. Schmidt: Mir scheint die demographische Entwicklung, die Sie erwähnt haben, eine große Rolle zu spielen. Die Tatsache, dass Kalifornien inzwischen der volkreichste Staat geworden ist, hat dazu beigetragen, dass der Einfluss, der von Los Angeles ausgeht auf die öffentliche Meinung in Amerika, gewaltig gestiegen ist. Stern: Richtig. Schmidt: Und dasselbe gilt für Texas. Und dasselbe gilt für all die Pensionäre in Florida oder in Arizona. Stern: Außerdem gab es in der amerikanischen Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte immer ein populistisches Ressentiment gegen die Ostküstenelite. Schmidt: Das gilt wahrscheinlich schon für den Mittleren Westen. Stern: Ja. Ein gewisses Misstrauen gegenüber den sogenannten gebildeten und eingebildeten – Schmidt: Und deren guten Manieren – Stern: War für den amerikanischen Populismus immer ein sehr, sehr lohnendes Objekt. Dieses Ressentiment konnte zu bestimmten Zeiten richtig aufgepeitscht werden. George Bush Jr. zum Beispiel machte gegen Ende seiner zweiten Amtszeit gern süffisante Anspielungen auf Menschen, die in Martha’s Vineyard französischen Weißwein trinken. Das antielitäre Denken war in Amerika immer präsent. Schmidt: Bush Vater war ein typischer Vertreter der Ostküste. Man kann die beiden Bushs – Vater und Sohn – als Beispiel nehmen für den Abstieg der Ostküste. Bei Vater Bush war die Kenntnis der Welt außerhalb der Vereinigten Staaten von erheblicher Bedeutung; er hatte auch Urteilsvermögen in Bezug auf Probleme außerhalb des amerikanischen Kontinents. Der Sohn nicht mehr. Der Sohn ist nicht an der Ostküste aufgewachsen wie der Vater, sondern in Texas groß geworden. Stern: Ja, aber er wurde in Yale erzogen. Man versuchte zumindest, ihn in Yale zu erziehen. Schmidt: Man kann den Vater zur Ostküste rechnen, den Sohn nicht. Stern: Ich würde nur hinzufügen, dass es eine Leistung des jungen Bush war, den Vater aufzuwerten. Ich sage das ironisch: Dadurch dass er so schlimm war, denkt man weniger kritisch zurück an den alten Bush. Insgesamt aber würde ich den Vater kritischer sehen als Sie. Schmidt: Ich habe ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem alten Bush, denn Helmut Kohl hätte die Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten nie zustande gebracht ohne die Hilfe von Bush Vater. Stern: Das will ich gar nicht bestreiten; ich sehe ihn aber vor allem innenpolitisch, und da sage ich: Er war der Mann, der uns Dan Quayle gebracht hat. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an den Vizepräsidenten erinnern. Wenn man so jemanden zum Vizepräsidenten macht, ist das eine Art Verachtung für das Amt! Schmidt: Wir haben schon komische Vizepräsidenten erlebt – Stern: Quayle war etwas ganz Besonderes. Auch die Ernennung von Clarence Thomas in den Obersten Gerichtshof entsprach in keiner Weise der alten Tradition der Ostküste. Ich kann Sie sehr gut verstehen, was die Außenpolitik anlangt, und stimme zu, dass ein großer Unterschied bestand zwischen Vater und Sohn. Ich will nur nicht, dass man vergisst, was er innenpolitisch angerichtet hat. Außerdem war die Verachtung für die Aristokratie auch bei ihm schon ein Stück vorhanden, nicht erst bei seinem Sohn. Und bei beiden – Vater und Sohn, beim Sohn noch viel ausgeprägter – gab es diese entsetzliche Geldgier und den Hang, sich mit Leuten zu umgeben, die dieser Gier ergeben sind. Im kommenden Teil ihrer Konversation sprechen Schmidt und Stern über die Wurzeln amerikanischer Außenpolitik. "Unser Jahrhundert" von Hemlut Schmidt und Fritz Stern liegt im Verlag C.H. Beck vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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| Ihre Meinung zu diesem Artikel |
| Leserkommentare |
| Nema () | 11.04.2010 |
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Vorab: Erster. Zweitens: Bin in Zeitnot. Nur soviel: Die Amerikanische Religionsfreiheit hatte durchaus protestantische Grundlagen, nicht ausschließlich zwar, aber selbst die Überlegungen Lockes gehen noch in diese Richtung; Das autonome, calvinistisch verstandene Gewissen war die Grundlage der Forderung nach Gewissensfreiheit (die natürlich _nicht alle teilten_). Man kann das alles sogar schon bis zu Oliver Cromwell zurück verfolgen. Eigentlich auch noch andere Institutionen der amerikanischen Staatsverfassung haben ihren Ursprung in den Wirren des englischen Bürgerkrieges. |
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