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Teil 5 der Serie: Unser Jahrhundert
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12.04.2010
Schmidt / Stern: US-Außenpolitik zwischen Monroe und Mahan
von Helmut Schmidt und Fritz Stern

Cicero Online veröffentlicht exklusiv das erste Kapitel aus dem Gesprächsprotokoll "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Im fünften Teil ihrer Unterhaltung erörtern sie die Wurzeln der US-Außenpolitik: Die Monroe-Doktrin und die Visionen Alfred Thayer Mahans.

Teil 1: Geschichtsbewusstsein und 1941
Teil 2: Deutsche und Polen
Teil 3: Zbig Brzezinski
Teil 4: Laizismus und die Ostküsteneilte
Teil 6: China, die kommende Großmacht
Teil 7: McCloy, Kissinger und Powell
Teil 8: Die NeoCons
Teil 9: Verantwortung für Israel?
Teil 10: Gedanken zum Antisemitismus
Teil 11: Facetten des Totalitarismus

Schmidt: Lassen Sie uns noch beim Thema Außenpolitik bleiben. Würden Sie zustimmen oder würden Sie es einschränken oder ablehnen, wenn ich sage: Seit zweihundert Jahren ist die Außenpolitik der Vereinigten Staaten durch drei Tendenzen gekennzeichnet, die sich abgewechselt haben, zum Teil auch überlappt haben, nämlich erstens Isolationismus, später auslaufend in Unilateralismus; zweitens Imperialismus, auch auslaufend in Unilateralismus; und drittens Internationalismus. Diese drei Tendenzen wurden allesamt mehr oder minder idealistisch begründet oder verbrämt. Kann man das so sagen, oder würden Sie das anders sehen?

Stern: Ich würde das Verlangen Amerikas hinzufügen, der Welt einen gewissen idealistischen Schub zu geben. Anfangs noch als friedliches Vorbild, wie bei den Unterzeichnern der Declaration of Independence. Sie wussten, das ist ein Signal, das es noch nicht gegeben hat, dass sich ein Land unabhängig macht und sich zugleich berufen fühlt, der Weltöffentlichkeit die Gründe und Prinzipien klar darzulegen – wie John Adams in seinem letzten Brief geschrieben hat, die Unabhängigkeitserklärung bleibt ein Beispiel für die Welt. Was den Isolationismus anlangt, so möchte ich hinzufügen, dass man sich der Umwälzungen in der Welt durchaus bewusst war; der Isolationismus war pragmatische Politik. Und am Anfang war man ja weitgehend unabhängig vom Rest der Welt. Der Isolationismus war immer vermischt mit Stolz und einem Schuss politischer Vernunft. In den besten Momenten amerikanischer Außenpolitik waren Realismus und Idealismus vereint.

Schmidt: Die Monroe-Doktrin kam ungefähr ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeitserklärung.

Stern: Richtig.

Schmidt: Wenn ich das richtig verstehe, war sie einerseits unilateralistisch und isolationistisch, aber andererseits erklärte sie die beiden Hälften des amerikanischen Kontinents zum Hinterhof der Vereinigten Staaten: Da habt ihr anderen nichts zu suchen, das geht euch nichts an.

Stern: Das ist völlig richtig. Verkündet wurde die Monroe-Doktrin 1823, zu einer Zeit, als die meisten Länder Südamerikas sich von Spanien und Portugal befreit haben und die USA dort keine erneute europäische Vormacht dulden wollten – ohne übrigens die Macht zu haben, so eine Politik durchzusetzen.

Schmidt: Im Kern geht diese Politik wohl zurück auf Thomas Jefferson. Er war es, der das warnende Wort von den «Entangling Alliances» geprägt hat, oder?

Stern: Ich bin nicht sicher. Das, was damit gemeint ist, stand jedenfalls im Zentrum der Abschiedsrede von George Washington. Es hat ja eine gewisse Tradition in Amerika, dass die Abschiedsrede eines Präsidenten, die Farewell Address, eine besondere Wichtigkeit hat.

Schmidt: Inzwischen ist die Inaugurationsrede wichtiger geworden.

Stern: Richtig, aber Washingtons Farewell Address ist immer noch ein wichtiges Dokument, das übrigens in den 1930 er Jahren von Isolationisten gern zitiert wurde: Amerika solle die Weisheit von Washington befolgen und sich aus Europa heraushalten – wozu verzwickte Allianzen, wenn die Interessen Amerikas nicht unmittelbar betroffen sind. Das war gegen Franklin Roosevelt gerichtet.

Schmidt: Ende des 19. Jahrhunderts hat Alfred Thayer Mahan eine völlig neue, den Globus umspannende Konzeption einer Welt-Seemacht entwickelt, die in frontalem Widerspruch stand zur Monroe-Doktrin. Das muss doch eigentlich zu Kontroversen geführt haben in den USA.

Stern: In den siebzig Jahren, die seit Jefferson vergangen waren, hatte sich Amerika sozusagen selbst entdeckt, man hatte den Westen kolonialisiert –

Schmidt: Ja, aber dazu brauchte man keine Schiffe.

Stern: Alles per Pferd. Go West, Young Man! Als man dann angekommen war, kamen imperialistische Gelüste auf. Nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, wo der Imperialismus in Europa auf seinem Höhepunkt war. Und Alfred Mahan war in dem Sinne mehr historischer Denker als Stratege – mit Sicherheit war er kein politischer Berater. Dass er einen solchen Einfluss haben würde, war ihm wohl nicht bewusst. Sein Buch erschien 1890, Amerikas imperialistischer Aufbruch begann 1898, mit dem Krieg gegen Spanien und dem Aufbau einer starken Position im Stillen Ozean. Ich bin ihm übrigens in Deutschland mindestens so oft begegnet wie in den USA; als ich mich mit der Vorkriegsgeschichte von 1914 beschäftigte, mit dem unglücklichen Flottenbau, bin ich immer wieder auf seinen Namen gestoßen.

Schmidt: Heute wird sein Buch wohl nur noch von Fachleuten gelesen.

Stern: Das Buch von Mahan über die Seemächte hatte wohl ein ähnliches Schicksal wie Alexis de Tocquevilles Buch über die Demokratie in Amerika – ohne die beiden vergleichen zu wollen. Tocquevilles Amerika-Buch ist wohl das größte Buch, das je über Amerika geschrieben wurde, heute aber weitgehend vergessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als man sich in den USA mit der Zukunft von Demokratie beschäftigte, wurde es häufiger gelesen, weil es im Geist eines gemäßigten, vernünftigen liberalen Konservatismus verfasst ist. Auch ich habe es als junger Student bald nach dem Krieg gelesen und bewundert.

Schmidt: Für mich war das Wichtigste bei Tocqueville die Schilderung der machtpolitischen Gleichstellung Amerikas und Russlands. Das war in den 1830 er Jahren, als das Buch geschrieben wurde, geradezu visionär.

Stern: Das steht im letzten Kapitel des ersten Bandes, ein paar Sätze nur, aber eine sehr hellsichtige Prophezeiung.

Schmidt: Eine Prophezeiung, die ich später auf die Situation des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und Amerika projiziert habe.

Stern: In Amerika wurde er vor allem von der «intellektuellen Klasse» gelesen, aber nicht wegen der Prophezeiungen, sondern wegen seiner Analyse, was eine Demokratie bedeutet und wo ihre Gefahren liegen. Bei einer großen Veranstaltung 1959 in Philadelphia zum 100. Todestag von Tocqueville habe ich einen Vortrag über ihn und seine liberale Grundposition gehalten. Er hat das Verhältnis von demokratischer Ordnung und Politik, aber auch von demokratischer Gesellschaft und Kultur analysiert und schon weitgehend die Gefährdung der Kultur durch die Demokratie erfasst; er glaubte an die Zukunft der Demokratie, aber hat auch ihre Schattenseiten erkannt. Er war schließlich nicht umsonst ein Mann aus altem französischen Adel.



Im nächsten Teil lesen Sie, was die Elder Statesmen über den Aufstieg Chinas denken.



"Unser Jahrhundert" von Hemlut Schmidt und Fritz Stern liegt im Verlag C.H. Beck vor und kann bei Amazon bestellt werden.


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Leserkommentare
Nema () 12.04.2010
Das Thema amerkanischer Isolationismus habe ich bisher anders gesehen. Dazu muss man sich allerdings etwas mit dem Umständen der amerikanischen Unabhänigkeit selbst befassen:
Nach dem Siebenjährigen Krieg (uns allen wahrscheinlich eher durch Friedrich den Großen in Erinnerung, er wurde aber auch in den Kolonien zwischen Franzosen und Engländern geführt) brauchte das Vereinte Königreich erstmal Geld und das wollte man erreichen, indem man von den Kolonien erstmals Steuern verlangte - ohne ihnen Plätze im Parlament von Britanien einzuräumen. Daher der Slogan "No Taxation Without Representation", wie dem auch sei: Dieshier sind die Ursachen für den Unahängigkeitskrieg, Steuerpolitik (dass man nebenbei auch die Merkantilistischen Maßnahmen der Wirtschaftspolitik beseitigen wollte, war eher ein Zufall) und der Grund für den Sieg in diesen Bürgerkrieg war die Unterstützung von Seiten Europas. Vor allen Franzosen, aber auch einige Hessians (wenn sie nicht auf Englands Seite waren) und diverse andere Mächte unterstützen die aufständischen Kolonien, weil sie damit eine Schwächung des Vereinten Königreiches erhofften.
Die Amerikaner waren sich dieser Voraussetzung ihrer Unabhängigkeit wahrscheinlich sehr wohl bewusst, wie ein offenes Geheimnis musste es mit allem aussenpolitischen Handeln der US-Präsidenten mitgedacht werden. Was passieren würde, wenn die Amerikaner einmal versuchen sollte weiter zu gehen hat der britisch-amerikanische Krieg von 1812 gezeigt! Weitere Unterstützung von Seiten Europas war nicht zu erwarten, aber England Armeen, vor allen Dingen die Flotte, war noch Schlagkräftig genug, Kanada (in das auch viele Royalisten und Loyalisten flohen) zu halten. Selbst das Kapitol in Washington stand in Flammen! Daher haben die Amerikaner beschloßen, sich aus den Bündnisgeflecht Europas rauszuhalten - auch wenn im Raum stand, das revolutionäre Frankreich zu unterstützen (was die XYZ-Affäre mit vereitelte).
Die Amerikaner hatte mit ihren Isolationismus also nicht in Weiser voraussicht gehandelt, die ihnen einfach so zufiel, sondern sie haben das auch nur durch Erfahrung gelehrnt und vermeiden wollen, sich eine "blutige Nase" zu holen.

Die Monroe-Doctrine stand dann ganz unter dem Einfluss der "Heiligen Allianz" in Europa und der Wiener Kongresse. Der Gefahr der vereinten europäischen Großmächte mussten die Amerikaner eben etwas entgegensetzen, da kam die Trennung über Kontinente und Ozeane hinweg sehr gut. Das wollte man mit der Doktrin politisch zementieren (übrigens erfolglos!).
Die Warnung vor Russland stand unter dem Eindruck des Kaufs von Alaska.

Auf den Kontinent waren die Amerikaner übrigens auch im Isolationismus und mit der Doktrin militärisch Aktiv, mexikanischer Grenzkonflikt und der Bürgerkrieg. Dass Texas die USA in ihren Unabhängigkeitskrieg um Hilfe gerufen haben, ist ein sehr entscheidener Wendepunkt in der US-Geschichte...
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Helmut Schmidt (l.), ehemaliger Bundeskanzler, und Fritz Stern (r.), Historik-Professor, kennen sich seit sehr vielen Jahren. Für das Buch "Unser Jahrhndert" haben sich im Sommer 2009 zusammengesetzt und diskutiert.


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