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Teil 7 der Serie: Unser Jahrhundert
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14.04.2010
Schmidt / Stern: McCloy, Kissinger und Powell
von Helmut Schmidt und Fritz Stern

Cicero Online veröffentlicht exklusiv das erste Kapitel aus dem Gesprächsprotokoll "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Im siebten Teil ihrer Unterhaltung sprechen sie über gemeinsame Bekannte: Jack McCloy, Henry Kissinger und Colin Powell.

Teil 1: Geschichtsbewusstsein und 1941
Teil 2: Deutsche und Polen
Teil 3: Zbig Brzezinski
Teil 4: Laizismus und die Ostküsteneilte
Teil 5: US-Außenpolitik zwischen Monroe und Mahan
Teil 6: China, die kommende Großmacht
Teil 8: Die NeoCons
Teil 9: Verantwortung für Israel?
Teil 10: Gedanken zum Antisemitismus
Teil 11: Facetten des Totalitarismus

Schmidt: War zu der Zeit dieses Gesprächs mit Personen des Council of Foreign Relations John McCloy noch Vorsitzender des Council?

Stern: Ja.

Schmidt: Haben Sie ihn in guter Erinnerung?

Stern: Ja.

Schmidt: Ich auch. In sehr guter Erinnerung.

Stern: Wobei ich sagen muss – das geflügelte Wort: «There is no such thing as an American establishment and Jack McCloy is the head of it», da ist schon was dran. Er war an und für sich kein Sprössling des amerikanischen Establishments. Er hatte sich hochgearbeitet, aber er gehörte in dem Sinne –

Schmidt: Er ist nicht in die Ostküstenelite hineingeboren. Er ist jedoch im Laufe seines Lebens zu einem hervorragenden Repräsentanten dieser Elite geworden, und er war persönlich untadelig. Ein ganz zuverlässiger Mensch.

Stern: Zweifellos.

Schmidt: Ich habe als Bundeskanzler zweimal seinen Rat eingeholt. Das war beide Male in Washington. Er bestand darauf, mich im Hotel zu besuchen. Er war zwanzig Jahre älter als ich! Wenn man mit ihm debattierte, kam früher oder später die Frage: What is fair in this situation, what is fair? Ins Deutsche übertragen: Was ist angemessen, was ist moralisch gerechtfertigt? Diese seine Frage kam mehrfach vor im Gespräch. Ein wunderbarer Vertreter Amerikas.

Stern: Das kann ich gut verstehen. Ich muss aber zu Protokoll geben, dass in Amerika auch von verantwortlicher Seite Kritik an ihm geübt wurde.

Schmidt: Das glaube ich gerne.

Stern: Wir sind schon wieder bei der Ostküstenelite. Da waren wir heute Morgen schon einmal.

Schmidt: Es scheint die Ostküstenelite auszuzeichnen, dass ihre Aushängeschilder manchmal Personen sind, die ihr gar nicht entstammen, sondern Außenseiter sind.

Stern: Sie meinen unseren gemeinsamen Freund Kissinger?

Schmidt: Den meinte ich eigentlich nicht, aber wenn Sie wollen –

Stern: Ich meine, Harvard ist schließlich ein Bollwerk der Ostküste, Rockefeller ist ein Bollwerk der Ostküste, und Kissinger hat sich da sehr bemüht, hat auch seine Verdienste gehabt in Harvard. Aber gleichzeitig hat er sich immer diesen ganz starken deutschen Akzent bewahrt, den wollte er wohl nie richtig loswerden. Das war für ihn, wie soll ich sagen, eine Art Signatur.

Schmidt: Er konnte ihn wohl nicht loswerden. Es ist übrigens kein deutscher Akzent, es ist frankonian, fränkisch. Ganz anders als sein Bruder.

Stern: Den habe ich nie kennengelernt.

Schmidt: Henry ist eine Kategorie für sich. Er passt in keine Schublade.

Stern: So ist es. Ich kenne ihn seit den frühen sechziger Jahren, und meine Beziehungen zu ihm waren nicht immer leicht – vor allem wegen des Vietnamkrieges. Einen gewissen Vorteil brachte es mir, dass ich sein erstes Buch über den Wiener Kongress Mitte der fünfziger Jahre sehr günstig besprochen habe. Am Ende der Rezension sagte ich, das Buch müsse von jemandem geschrieben sein, der von politischer Leidenschaft erfüllt ist. Damit habe ich ihm sozusagen – ich meine das jetzt nicht ganz ernst – seine Karriere vorgezeichnet. Aber ich glaube schon, dass er mir später viel Kritik vergeben hat, weil ich einer der ersten war, die sein Talent erkannt haben. Ein Freund, den Sie auch kannten, hat einmal das Bonmot geprägt: Wenn Henry zehn Prozent weniger intelligent wäre und zwanzig Prozent ehrlicher, dann wäre er ein wirklich großer Mann.

Schmidt: Ich kenne Henry Kissinger seit 1958, das ist mehr als ein halbes Jahrhundert. Ich habe im Laufe dieser Jahrzehnte in vielen Punkten mit ihm nicht übereingestimmt. Was ich immer wieder bewundert habe, war die analytische Kraft. Ein hervorragender Analytiker!

Stern: Ein hervorragender Analytiker. Politisch hat er sich leider zu sehr an die Macht geklammert und überdies als Außenminister sich mit dubiosen Leuten umgeben. Zuletzt hat er zum Beispiel Dick Cheney und den Neokonservativen gegenüber eine sehr vernünftige kritische Haltung eingenommen, die er aber nie gewagt hat, öffentlich auszusprechen.

Schmidt: Mir hat er vorgeworfen, das liegt erst zwei Jahre zurück, dass ich Bush Jr. zu schlecht beurteilt hätte.

Stern: Das kann man gar nicht! Das übersteigt selbst Ihre Kräfte.

Schmidt: Für Henry wäre es besser gewesen, wenn nicht Nixon sein Präsident gewesen wäre, sondern Nelson Rockefeller.

Stern: Absolut! Als ich ihn einmal während der Kambodscha- Krise im Weißen Haus besucht habe, haben wir ein langes Gespräch gehabt. Ich bin reingegangen und habe gesagt: «Henry, neither Bismarck nor de Gaulle!» Das sind seine zwei großen Helden, und keiner von beiden hätte so etwas gemacht. Er hat lange erklärt, dass der Präsident schlaflos gewesen ist. Da habe ich ihn an das berühmte Bismarck- Wort erinnert: «Der König muss schlafen können». Und als ich mich verabschiedete von ihm, sagte er zu mir: «Don’t forget, he’s not my president». Damit meinte er genau das, was Sie gesagt haben: Wen er wirklich gewollt hätte, wäre Nelson Rockefeller gewesen. Es hätte auch einen großen Unterschied gemacht.

Schmidt: In diesen Jahren – erste Hälfte siebziger Jahre – habe ich Kissinger bisweilen, wenn ich in Amerika zu tun hatte, auf eine Stunde besucht. Er war Sicherheitsberater. Unter vier Augen sprach er zu mir von seinem Präsidenten als von «he» and «him» – he didn’t say «the president» –

Stern: Das wäre normal gewesen.

Schmidt: Das wäre normal gewesen. Es war ganz unnormal, dass er «er» sagte –

Stern: Das Verhältnis zwischen Nixon und Kissinger ist nicht nur ein politisches, sondern ein tief psychologisches Drama, in dem auch der Antisemitismus eine Rolle spielt.

Schmidt: Aber wir dürfen in unserem Buch nicht Stunden über Henry reden.

Stern: Schon vorhin fiel mir eine ähnliche Bemerkung im Zusammenhang mit Brzezinski auf. Sie denken doch nicht etwa schon an das Buch?

Schmidt: Selbstverständlich.

Stern: Wir sprachen eigentlich über die alte Ostküstenelite und deren Niedergang in den letzten Jahren. Und wir waren einer Meinung, dass es am Hof von George Bush –

Schmidt: Halt! Es muss hier auch mal etwas Positives über Bush Jr. gesagt werden. Er hat immerhin zweimal nacheinander einen Farbigen zum Außenminister gemacht, erst Colin Powell und dann Condi Rice. Das ist eine erstaunliche Geschichte, wenn man sie vergleicht mit der Situation in den siebziger und achtziger Jahren.

Stern: Das Schwarze bei Powell wurde etwas weißer dadurch, dass er General war.

Schmidt: Ja, und er war auch kein hundertprozentiger Schwarzer. Condi Rice auch nicht. Aber sie wirkten beide als Schwarze. Vor zwei Jahren, als ich das letzte Mal in Amerika war, habe ich mich mit Colin Powell getroffen – war mein Wunsch gewesen.

Stern: Ein anständiger Mann, der Front machen musste für eine unverantwortliche Politik, die er selber verabscheute. Später behauptete dann Cheney, er glaube nicht, dass Powell überhaupt Republikaner ist, man hat ihn sozusagen aus der Partei ausgeschlossen –

Schmidt: In den achtziger Jahren ist Colin Powell mit dem Gedanken schwanger gewesen, als Präsidentschaftskandidat anzutreten.

Stern: Ja, das hat ihm seine Frau zum großen Teil ausgeredet –

Schmidt: Seine Frau hat es ihm ausgeredet?

Stern: Ausgeredet.

Schmidt: Er wäre auch nicht gewählt worden. – Weil Sie jetzt zweimal den Cheney erwähnten: Gehört der Ihrer Meinung nach nun zur Ostküste oder nicht?



Im nächsten Teil lesen Sie, was die Elder Statesmen über die NeoCons um Bush und Cheney denken.


"Unser Jahrhundert" von Hemlut Schmidt und Fritz Stern liegt im Verlag C.H. Beck vor und kann bei Amazon bestellt werden.


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Leserkommentare
Nema () 14.04.2010
Nun, der "deutsche" Akzent (fränkisch ist ja durchaus deutsch) hat auch einen ganz praktischen Vorteil: Man wirkt gleich viel exotischer. Für die Amerikaner müssen wir Europäer tatsächlich etwas "wilder" erscheinen, beziehungsweise wir haben uns mehr vom Mittelalterlicher Sittlichkeit erhalten, in Punkto Genteleman und Höflichkeit.
Das hilft mit Sicherheit auch bei dem anderen Geschlecht (;-)).
(die Sache mit Bush jr. wollen wir mal nicht kommentieren...)
Die interessantere Frage, die hier aber leider nicht gestellt wurde, ist, ob Gerald Ford mehr Kissingers Präsident war. War er's? Vielleicht war Kissinger auch mehr Fords Präsident? Soweit ich gehört habe, hat er es in dieser Zeit in der Tat geschaft, das Gewicht seines Amtes mehr als zu verdoppeln, da Ford sich mangels demokratischer Wahl (er ist de facto ja durch einen rein verfassungstechnischen Vorgang ins Amt gekommen, nicht durch Wahl) sehr zurückgehalten hat.

Wenn dieser Eindruck nicht täuscht, dann ist die Ära Ford höchst interessant. Was Nixon angeht, so hat man dort schon eine Menge gehört... Dabei war seine Ära gewiss eine der interessantes in der ganzen Amerikanischen Geschichte.
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