Schmidt / Stern: Die NeoCons von Helmut Schmidt und Fritz Stern Cicero Online veröffentlicht exklusiv das erste Kapitel aus dem Gesprächsprotokoll "Unser Jahrhundert" von Helmut Schmidt und Fritz Stern. Im achten Teil ihrer Unterhaltung sprechen sie über die NeoCons und die Machtverteilung am "Hofe Bush". Teil 1: Geschichtsbewusstsein und 1941 Teil 2: Deutsche und Polen Teil 3: Zbig Brzezinski Teil 4: Laizismus und die Ostküsteneilte Teil 5: US-Außenpolitik zwischen Monroe und Mahan Teil 6: China, die kommende Großmacht Teil 7: McCloy, Kissinger und Powell Teil 9: Verantwortung für Israel? Teil 10: Gedanken zum Antisemitismus Teil 11: Facetten des Totalitarismus Schmidt: Er wäre auch nicht gewählt worden. – Weil Sie jetzt zweimal den Cheney erwähnten: Gehört der Ihrer Meinung nach nun zur Ostküste oder nicht? Stern: Vor einem oder zwei Jahren habe ich mich mit dem ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann unterhalten – der kennt Cheney aus Berufsgründen mindestens seit den siebziger Jahren –, und der sagte zu mir, er kenne ihn nicht mehr, er sei ein anderer geworden. Schmidt: Das kann ich unterschreiben. Ich kenne Cheney seit 1974. Ist nicht mehr derselbe Mensch. Stern: Ist nicht mehr derselbe Mensch. Schmidt: Die Macht und das Geld haben den Mann verführt. Stern: Ja. Die Macht, das Geld und seine Nähe zu den Neokonservativen. Er hat die Ideologie der Neokonservativen voll und ganz übernommen. Schmidt: Wobei der Ausdruck «Neokonservative» irreführend ist. Das sind ja keine Konservativen, sondern außenpolitische Imperialisten, und innenpolitisch stehen sie rechts, so rechts, wie es in Amerika nur geht. Mit Konservativismus hat das überhaupt nichts zu tun, das ist ein absolut irreführendes Wort. Stern: Genau. Sie waren in Wirklichkeit Radikale! Schmidt: Ja, das waren Rechtsradikale. Stern: Rechtsradikal aus tiefster Abneigung gegen liberales Denken und Handeln. Ich glaube, die Anfänge der Neokonservativen liegen in ihrer Auseinandersetzung mit dem Konzept der «affirmative action», das heißt mit dem Versuch, die Schwarzen, die so lange Opfer von Diskriminierung waren, durch öffentliche und private Maßnahmen besonders zu fördern. Sie sagten: Wir haben es alleine geschafft, warum sollen die Schwarzen das nicht auch allein schaffen, ohne staatliche Hilfe. Dahinter steckt ein tief illiberales Denken, das auch von Leo Strauss herkommt. Die Neokonservativen in den frühen sechziger Jahren waren hauptsächlich Juden, oft sogar ehemalige Linksradikale. Dann spielte die Politik gegenüber Israel eine ganz wichtige Rolle. Die Neokonservativen empfanden sich sozusagen als die Hauptverteidiger Israels, als steinharte «Realisten» und hundertfünfzigprozentige Antikommunisten. Helmut, ich muss betonen, dass ich den Einfluss der Neokonservativen für ein Unglück halte, hier bin ich ausgesprochen voreingenommen. Schmidt: Wie erklären Sie den enormen Einfluss, den sie gewonnen haben? Stern: Erstens, sie waren Fanatiker mit enormer Energie, verkleidet als «Realisten». Zweitens, sie konnten sich gut organisieren und fanden leicht Zugang zu sehr viel Geld. Sie hatten früh ihr eigenes Journal, «Commentary», später bauten sie verschiedene Organisationen auf, zum Beispiel das American Enterprise Institute. In der Reagan-Ära war der Einfluss schon groß, aber vorbereitet haben sie sich schon seit den sechziger Jahren, ideologisch fundiert in diesem antiliberalen Denken. Sie setzten alles auf Macht, und ganz besonders auch auf militärische Macht. Schmidt: Haben Sie den Eindruck, dass Bush Jr. von den Neokonservativen manipuliert wurde, oder war er selber einer von ihnen? Stern: Beides, würde ich sagen. Er wurde zum größeren Teil manipuliert, in erster Linie von Cheney. Cheney war wirklich mit den Neokonservativen sehr eng, und dadurch wurde Bush in diese Richtung gebracht. Schmidt: Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Sie haben vorhin vom Hof von Bush gesprochen. Ich war versucht, Ihnen dazwischenzurufen, es war in Wirklichkeit der Hof von Cheney, es war nicht der Hof des Präsidenten. Was Sie da zur Ideologie der Neokonservativen gesagt haben, ist wirklich interessant. Dazu zwei kurze Bemerkungen. Erstens: Es geht natürlich nicht nur um Ideologie, es geht auch ganz stark um Geld – Stern: Das ist gar keine Frage. Aber die Ideologie war wichtig für sie, sie nahmen das alles sehr ernst. Im nächsten Teil lesen Sie, was die Elder Statesmen über die Beziehungen zu Israel denken. "Unser Jahrhundert" von Hemlut Schmidt und Fritz Stern liegt im Verlag C.H. Beck vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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| Ihre Meinung zu diesem Artikel |
| Leserkommentare |
| Nema () | 16.04.2010 |
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Oh, die Themen werden nun mehr heikel. Auch wenn die Abneigung gegen die Neokonsverativen eingestanden ist (das kommt jeden Vorwurf zuvor und ist daher immer gut), muss man doch entschieden eines anmerken: "Liberal" heißt in den USA im "öffentlichen Diskurs" nichts anderes als "Links"! Was in den USA als "liberal" gilt in Europa einfach als "links". Wenn man den Neokonverativen vorwirft, nicht "illiberal" (im US-Sinne) zu sein, dann sagt man also ipso facto nichts anderes, als dass sie nicht links sind. Und das sollte bei erklärtermaßen Konservativen nicht übertrieben überraschend sein. Im Dunstkreis europäischer "Liberaler" (oder heufig "Libertaria", wie sie in den USA wohl hießen), bemerkt man schnell, dass diese ebenfalls nicht besonders positiv über "positive Diskriminierung" denken. Grund dafür - das sage ich, um Verständnis zu wecken - ist ganz einfach, weil so die Neutralität des Staates gegenüber der Kategorie der /Ethnie/ aufgeweicht wird. Es zähle sowieso nur das Individuum, das auf der Suche z.B. nach Arbeitsplätzen oder Uni-Stipendien mit anderen in Konkurrenz steht, Quotenregelungen sind eine Wettbewerbsverzerrung dieses Auswahlprozesses und sie benutzen eine "kollektivistische Kategorie" (das "Volk"). Für einen (auch nur halbwegs) strengen Liberalen haben die Nachfahren von ehmals unterdrückten Gruppen genausowenig ein Recht auf Sonderbehandlung, wie es die Unterdrücker damals hatten. Es gibt auch linke Thesen in diese Richtung, egal, was man davon auch immer halten will. |
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| Kai Dördelmann (76187 Karlsruhe) | 15.04.2010 |
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Intellektuell ist bei den beiden vor allem die Selbstgefälligkeit übrig geblieben. Bei Stern wundert mich das nicht Schmidt ist durch sein noch höheres Alter entschuldigt. Im übrigen empfehle ich auch das Buch von Stern 5 Deutschland, das trieft auch schon. |
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| neccus (Berlin) | 15.04.2010 |
| Stern äußert sich zu Leo Strauss, ohne ihn zu kennen. "Ich glaube". Glauben ist nicht wissen, sondern vermuten. Ein alter Mann der Wissenschaft sollte nicht so viel vermuten. | |
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