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Teil 2 der Serie: Im Dienste des Diktators
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01.05.2010
Im Dienste des Diktators: Flucht nach Linz
von Ingrid Steiner-Gashi

Über zwanzig Jahre schmuggelte der Nordkoreaner Kim Jong Ryul für die Diktatoren große Mengen an Waffen, Abhörgeräten und kapitalistischen Luxusgütern aus dem deutschsprachigen Raum nach Nordkorea. Um dem grausamen Regime zu entkommen, inszenierte er 1994 seinen Tod und tauchte in Österreich unter. Cicero Online veröffentlicht exklusiv Auszüge aus seinen Erinnerungen.

Interview mit Kim Jong Ryul: "Vor meinen Augen verschwand ein ganzes Dorf"
Teil 1: Fluchtvorbereitungen

Parteigenossen in Pjöngjang eine Brille besorgen zu müssen. Jeder stiebt in eine andere Richtung davon, nicht ohne vorher vereinbart zu haben: Treffpunkt wieder am Flughafen, in genau zwei Stunden.

Das ist die Lücke, auf die Kim Jong Ryul gewartet hat. Seit fast einem Jahr hat er alles für diesen Moment vorbereitet. Hat unter falschem Namen eine kleine Wohnung in Linz angemietet, hat jedes kleinste Detail seiner Flucht wieder und wieder durchgespielt.

Zwei Wochen bevor der exakte Abflugtermin der nordkoreanischen Iljuschin endlich feststand, wagte der zum Untertauchen entschlossene Nordkoreaner die Generalprobe: Seinen beiden nordkoreanischen Mitarbeitern, die das vergangene Jahr in Wien fast nie von seiner Seite gewichen waren, hatte er vorgeschlagen, mit ins Thermalbad Baden zu fahren. Doch diese lehnten dankend ab: zu langweilig, zu teuer, er solle doch allein gehen. Der 60-Jährige fuhr stattdessen sofort nach Bratislava, nahm sich in der Stadt ein Taxi, eilte zum Bahnhof und sprang in den Zug nach Wien. Von dort führte ihn abermals ein Taxi zum Westbahnhof, er nahm den Zug nach Linz. Dort befand sich das Ziel seiner geprobten Flucht: eine 23 Quadratmeter große Wohnung im Vorort Urfahr. Wenn alles klappen würde, hatte der Testlauf ergeben, würde er in weniger als fünf Stunden ab dem Moment seiner Flucht aus der slowakischen Hauptstadt in seiner neuen Bleibe sitzen. In Sicherheit, in Freiheit. Kim Jong Ryul war zum ersten Mal zuversichtlich: Seine Flucht lag im Bereich des Machbaren.

Die innere Unruhe ist dem Mann, der von einer Sekunde zur nächsten sein gesamtes Leben für immer hinter sich lassen wird, nicht anzusehen. Geduldig wartet Kim, bis seine beiden Kollegen in der belebten Innenstadt Bratislavas um die Ecke biegen und außer Sicht sind. Nur wenige Meter entfernt steht ein Taxi. Zügig marschiert der schlanke asiatische Mann darauf zu. »Nur nicht auffallen«, hämmert es unablässig in seinem Kopf, »jetzt keine Fehler machen«. Der Bahnhof ist in wenigen Minuten erreicht, er ist nahezu menschenleer. Zu jeder vollen Stunde fährt ein Zug in Richtung Wien ab. Das Ticket nach Wien hat der Flüchtende schon bei seiner Generalprobe vor zwei Wochen gekauft. Der gepflegte Herr im dunkelbraunen Mantel muss nur noch einsteigen und hoffen, dass das Signal zur Abfahrt bald ertönt. Sein Herz rast, die Sekunden schleichen dahin, bange, nervöse Blicke aus dem Fenster.

Als der Zug endlich anrollt, entfährt dem starr vor sich hinblickenden Passagier ein kurzes Seufzen. Endlose 20 Minuten lang fährt die Bahn bis zur Grenze in Marchegg. Passkontrolle. Ohne eine Miene zu verziehen, zeigt der ernst wirkende Asiate seinen Diplomatenpass. Der österreichische Grenzbeamte schenkt dem noch 14 Tage lang geltenden Visum keine besondere Aufmerksamkeit, drückt seinen Stempel ins Dokument. Langsam wird Kim Jong Ryul ruhiger. Die Flucht verläuft nach Plan. Gegen 16 Uhr dieses sonnigen Oktobernachmittages nähert sich der Zug bereits Wien, während seine Kollegen noch nicht einmal ahnen, dass sie am Flughafen der slowakischen Hauptstadt vergeblich auf ihn warten werden. Nach der Ankunft in der österreichischen Hauptstadt steigt der Flüchtende ohne Hast in ein Taxi und tritt vom Westbahnhof aus die letzte Station seiner Reise ohne Rückkehrmöglichkeit an.

Jetzt muss sie es allmählich ahnen, die aufgeregte Gruppe Nordkoreaner am Flughafen Bratislava, dass ihr Delegationsleiter nicht auftauchen wird. Etwas Schlimmes muss passiert sein. Denn einer wie Kim Jong Ryul, ein kühler Stratege, der sich niemals plötzlichen Gefühlen hingibt, sondern sorgsam und penibel jeden Schritt seines Lebens wie eine mathematische Aufgabe erarbeitet, verspätet sich nicht ohne Grund.

Um 18 Uhr 30 sperrt dieser, exakt nach Plan, die Tür seiner kleinen Linzer Wohnung auf. Nur seinen Mantel legt er ab, die Schuhe behält er sicherheitshalber an. Es könnte ja doch noch jemand an die Tür klopfen und den Flüchtling zwingen, sofort loszurennen. Auf dem selbst gezimmerten Bett ausgestreckt liegend, den kleinen karierten Koffer davor, macht Kim Jong Ryul, der sich Fremden von nun an nur noch als »Emil« vorstellen wird, im Selbstauslöser ein Bild. Vor fünf Stunden noch war er Kim Jong Ryul, angesehener und hochdekorierter Oberst der Armee der Volksrepublik Nordkorea. Vize-Direktor der Abteilung 4 Fuhrpark, Personenschutz in der Sektion 1 des Hauptquartiers. Privilegierter »Einkäufer« für Präsident Kim Il Sung und dessen Nachfolger Kim Jong Il. Ehemann, Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater eines Enkelsohnes.

Von diesem Moment an ist er ein Mensch auf der Flucht, auf sich allein gestellt und staatenlos. Abgebrochene Brücken hinter, eine unsichere Zukunft vor sich. Doch für »Emil« zählt in diesem Moment nur eines: Nie mehr in die grausamste Diktatur der Welt zurückkehren, nie mehr vor den Machthabern »Hurra« schreien, nie mehr die wöchentlich verordnete Selbstkritik üben, nie mehr Angst davor haben, in einem Arbeitslager zu enden oder exekutiert zu werden, und nie, nie mehr Hunger leiden. Reglos bleibt er auf dem Bett liegen. Für große Gefühle ist Kim Jong Ryul zu erschöpft, Freude kann er in diesen Momenten nicht empfinden. Er lauscht seinem Herzschlag, erstaunlich ruhig, gleichmäßig. Nur die bange Frage: Wie geht es weiter?

Lesen Sie im nächsten Teil, welche Konsequenzen die Flucht für Kollegen und Familie des Agenten haben.

Den ganzen Text finden Sie im Buch "Im Dienst des Diktators: Leben und Flucht eines Nordkoreanischen Agenten", das bei Ueberreuter vorliegt und bei Amazon bestellt werden kann.



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Leserkommentare
bertallo (Santo Domingo) 17.05.2010
super geschichte sehr spanend und schön fundamental es geht unter die haut

GUY BERTALLO
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