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29.05.2010
Afrika wird armregiert II: Sündenbock Kolonialismus
von Volker Seitz

Volker Seitz war 17 Jahre lang als Diplomat in Afrika, zuletzt als Botschafter in Kamerun. Die populärste Erklärung für die Armut Afrikas ist der Kolonialismus. Doch der ist nicht alleine Schuld.

Teil 1: Tansania
Teil 3: Chance "Good Governance"
Teil 4: Wettlauf der Wohltäter
Teil 5: Irrgarten Entwicklungshilfe
Teil 6: Populäre Irrtümer
Teil 7: Fehleinschätzungen

Ohne Zweifel war die Versklavung und gewaltsame Kolonialisierung von mehreren Millionen von Afrikanern ein großes Verbrechen in der Geschichte. Dieses Verbrechen kann nicht relativiert oder beschönigt werden. Doch verantwortlich für das heutige Elend des Kontinents sind nicht mehr die Sklaverei und 80 Jahre Kolonialherrschaft (1880–1960). Ein Satz wie »Der afrikanische Kontinent wird vom Rest der Welt arm gehalten« des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell erscheint heute wie ein Freibrief für afrikanische Herrscher, die ihre Staaten rücksichtslos geplündert haben oder immer noch plündern. Axelle Kabou beklagte schon 1991 in dem bereits erwähnten und immer noch aktuellen Buch ›Weder arm noch ohnmächtig‹, dass sich die Afrikaner weigern, die Ursachen für ihren Rückstand bei sich selbst zu suchen anstatt bei Sklavenhandel, Kolonialismus und Neokolonialismus. Die koloniale Vergangenheit kann nicht mehr als Entschuldigung für das Versagen in der Gegenwart herhalten. Sonst gäbe es nicht Länder wie Benin, Botswana, Mauritius, Mosambik und neuerdingsRuanda, das wegen seiner Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik zu den Topreformern zählt.

Die Lebensbedingungen vieler Afrikaner in den afrikanischen Klassengesellschaften, in denen die einstige Mittelschicht schon vor Jahrzehnten weggebrochen ist, die Oberschicht sich Privilegien verschafft hat und die Mehrheit der Bevölkerung ausbeutet, sind heute schlechter als zu Beginn der Unabhängigkeit. Weiße Kolonialherren wurden durch schwarze Kolonialherren ersetzt. Eine neue Feudalklasse hat sich in den letzten 50 Jahren gebildet. Als Ghana 1957 unabhängig wurde, war die ehemalige Goldküste nicht nur schuldenfrei, sondern verfügte sogar über Auslandsguthaben. Das Bildungswesen galt als vorbildlich, das Land hatte eine gut erschlossene Infrastruktur, einen relativ unbestechlichen Staatsapparat sowie unabhängige Gerichte. Im Jahr 1957 war das Pro-Kopf-Einkommen so hoch wie in Spanien. Ghana war der weltgrößte Kakaoproduzent. Daneben wurden Gold und Tropenhölzer exportiert. An den Ressourcen hat sich nichts geändert. Doch heute leben trotz der hohen Hilfszahlungen mehr als die Hälfte der 17 Millionen Ghanaer in Armut. Die Zahl der Analphabeten liegt immer noch bei 43 Prozent. Die Verwaltung ist aufgebläht und die Infrastruktur mangels Wartung heruntergekommen. Es waren einige selbstherrliche Führer, die das Land systematisch ruiniert haben. Inzwischen ist Ghana wieder eine Demokratie und gilt im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern als Musterbeispiel für die Entwicklung einer mutigen Zivilgesellschaft, die Durchführung fairer und transparenter Wahlen, gute Regierungsführung und eine rührige Wirtschaftsentwicklung. Doch was in Jahrzehnten zerstört wurde, muss erst mühsam wieder aufgebaut werden. Selbst das vielgescholtene kolonialistische Belgien hatte dem Kongo exportorientierte Landwirtschaft und Bergbau hinterlassen. Trotz des mitleidlosen belgischen Ausbeutungssystems (exemplarisch vorgeführt in Mark Twains Buch ›König Leopolds Selbstgespräch‹) hatte der Kongo zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit einen höheren Industrialisierungsgrad als Brasilien. Es gab Straßen, Eisenbahnlinien und Schiffsverkehr. Der Schulunterricht war kostenlos. In den 60er Jahren hatten Staaten wie Nigeria, der Kongo oder Ghana bessere Entwicklungsindikatoren als etwa Südkorea.

Die Freiheit nach dem Kolonialismus brachte nicht den erhofften bescheidenen Wohlstand. Sie brachte Elend für die meisten Bewohner des Kongo und die meisten Afrikaner. Es gibt heute kaum noch eine befahrbare Überlandstraße oder belastbare Eisenbahnlinien. Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Hochspannungsleitungen und Verwaltungsgebäude müssen wieder oder neu errichtet werden. Das ölreiche Angola hat es bis heute nicht geschafft, für die fünf Millionen Einwohner seiner Hauptstadt Luanda einen öffentlichen Nahverkehr einzurichten. Es ist nicht zu verkennen, dass die Mehrheit der Afrikaner nicht nur von Weißen, sondern aus ethnischer Verblendung auch von anderen Afrikanern erniedrigt wurde und täglich erniedrigt wird. Rassismus und Chauvinismus existieren nicht nur zwischen Weißen und Schwarzen, nein, Trennlinien werden oft noch schärfer, verbissener und erbarmungsloser zwischen Menschen schwarzer Hautfarbe gezogen. Im Kongo leben ca. 300, in Nigeria und Kamerun jeweils ca. 250 Stämme. In weiteren vier Staaten leben jeweils mehr als 100 Ethnien auf einem Staatsterritorium zusammen. Spätestens seit dem Völkermord in Ruanda wissen wir, wie gnadenlos sie sich bekämpfen können. Wie der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu sagte: Afrikaner werden von Afrikanern »fast noch schlechter behandelt als jemals unter tollwütigen Rassisten«.

Europäische Medien sprechen oft abwertend vom Hungerkontinent Afrika. Doch Afrika ist reich: Sechzig Prozent des Kaffees weltweit, siebzig Prozent des Kakaos, mehr als die Hälfte des Goldes, neunzig Prozent des Kobalts, fünfzig Prozent der Phosphate, vierzig Prozent des Platins kommen aus Afrika. Die seltene Erzsorte Coltan findet sich weltweit fast nur im Kivu, dem Grenzgebiet von Kongo, Burundi und Ruanda/ Uganda. Coltan ist unverzichtbar für die Herstellung von Mobiltelefonen, Laptops und Lenksystemen von Raketen und entsprechend kostbar. Hinzu kommen reiche
Schätze an Diamanten, Saphiren, in einigen Gegenden fruchtbare Böden und ein gewaltiges Potenzial für Touristen (Traumstrände, Wildparks, mitreißende Dorffeste, kleine Museen). Die Sehenswürdigkeiten sind ein wichtiger Rohstoff für den Tourismus. Doch die Regierungen schaffen es nicht, etwas daraus zu machen. Immer wieder werden die Probleme angesprochen, aber dann tut sich nichts. Politik in Afrika besteht oft nur aus Zeremonien, Selbstdarstellung, Propaganda in den Staatsmedien. Leistungen ausländischer Geber werden als große politische Leistungen der Regierung ausgegeben. Es gibt für jedes Problem einen Geber. Wozu da noch Eigeninitiative? Bei alledem lebt die Mehrheit der Bevölkerung trotz harter Arbeit in oft bitterer Armut.



Copyright: Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

"Afrika wird armregiert" von Volker Seitz liegt im DTV vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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