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31.05.2010
Afrika wird armregiert IV: Wettlauf der Wohltäter
von Volker Seitz

Volker Seitz war 17 Jahre lang als Diplomat in Afrika, zuletzt als Botschafter in Kamerun. Er erklärt, wieso wohlmeinende Rockstarmillionäre dem Kontinent keine echte Hilfe sind.

Teil 1: Tansania
Teil 2: Sündenbock Kolonialismus
Teil 3: Chance "Good Governance"
Teil 5: Irrgarten Entwicklungshilfe
Teil 6: Populäre Irrtümer
Teil 7: Fehleinschätzungen

Entwicklungshilfe hat für Regierungen und viele Menschen im Norden noch immer den Charakter von Ablasshandel, bei dem es vor allem darauf ankommt, Altruismus, Mitleid und Großzügigkeit zu zeigen. Eine florierende Hilfsbranche gibt Geld, zeigt christliche Nächstenliebe und vermeidet damit, sich wirklich mit den Ursachen der Misere auseinanderzusetzen. Politiker zeigen Betroffenheit, ihre Wähler tun es auch. Moralisch überlegen und ethisch unangreifbar ist derjenige, der immer mehr Geld für Entwicklungsländer fordert. Emotionale Aufwallung verhindert das Denken. Die Retter der Menschheit und die nicht immer integren Empfänger der Hilfe kennen die Klaviatur dieser Debatten sehr genau. Die Täter sind immer die anderen, die Opfer immer die Afrikaner. Dieses »Ritual des Beschönigens und Beschuldigens verbindet schwarze Eliten und weiße Helfer« (Axelle Kabou). Daher überrascht auch die Idee afrikanischer Meinungsführer nicht, dass die USA und Europa, die vom Sklavenhandel profitierten, eine offizielle Entschädigung zahlen sollten, um den wirtschaftlichen Schaden wieder gutzumachen und den Staaten zu helfen, ihre Wirtschaft aufzubauen. Merkwürdigerweise schlägt aber niemand vor, die arabischen Staaten ebenfalls zu einem Schadensersatz aufzufordern, obwohl ihr Anteil sehr viel höher ausfallen müsste. Schon Reichtum und Macht des einstigen Königreiches Dahomey stammten vor allem aus dem Sklavenexport. Ohne die bereitwillige Kooperation von afrikanischen Häuptlingen wäre ein Sklavenhandel in dem bekannten Ausmaß nicht möglich gewesen. Dieser Sklavenmarkt bestand schon Jahrhunderte vor dem Sklavenhandel der Europäer, und der Menschenhandel mit arabischen Staaten kam auch mit der Abschaffung der Sklaverei nicht zum Erliegen.

Wir sollten erkennen, wann eine habsüchtige Staatsfunktionärsklasse – in Südafrika heißen sie »Fat Cats« (fette Katzen) – uns Schuldgefühle einredet, um weitere Finanzspritzen zu bekommen. Lange nahm ein schuldbewusster Westen mit dem Hinweis auf Sklavenhandel und Kolonialismus fast alles auf sich. In Wirklichkeit werden viele Staaten mittlerweile von den einheimischen Oligarchien kolonialisiert. Welches Land außer den paar »üblichen Verdächtigen« wie Botswana hat seine Geschichte selbstkritisch aufgearbeitet, sein Bildungswesen modernisiert, ein Sozialsystem aufgebaut und Zugeständnisse in Sachen Frauenrechte gemacht? Bis zum Fall der Berliner Mauer haben wir Hilfe an korrupte Regime gezahlt, um diese dem Westen gegenüber freundlich zu stimmen. Jetzt, fast fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit und fast 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, kann die Misswirtschaft, Korruption und der Mangel an Verantwortung gegenüber dem Schicksal der eigenen Bevölkerung nicht mehr mit der Vergangenheit beschönigt werden. Die Bigotterie des selbsternannten Sozialarbeiters, mit der das Thema »arme Afrikaner« bei uns behandelt wird, gleicht immer noch dem Diskurs des 19. Jahrhunderts, als gäbe es keine elitären Clans, bei denen der Reichtum Afrikas versickert, als hätten es die Länder Afrikas nicht versäumt, in den ersten Jahrzehnten ihrer Unabhängigkeit die Grundlage für eine bessere Zukunft zu legen. Henryk M. Broder schrieb bei ›Spiegel Online‹: »Verglichen mit Nigeria ist die Schweiz ein armes Land. Nur wird die Schweiz ein wenig besser gemanagt als das reiche Nigeria, weswegen es den meisten Schweizern gut und den meisten Nigerianern schlecht geht.« Nigeria, sechstgrößter Ölexporteur der Welt, gehörte noch vor 25 Jahren zu den 48 reichsten Ländern der Welt und heute zu den 25 ärmsten. Wie ruiniert man ein reiches Land? Grundübel sind Misswirtschaft, Bestechlichkeit und Raffgier. »Die Schweiz war noch im 19. Jahrhundert das Armenhaus Europas, ein Drittweltland mit nur wenigen natürlichen Rohstoffen. Auch sie wurde nicht dank Entwicklungshilfe wohlhabend, sondern weil sie eine funktionierende Marktwirtschaft und einen intakten Rechtsstaat schuf.« (Hernando de Soto)

Von rockenden Millionären (darunter ein zum »Sir« geadeltes »One Hit Wonder«), die sich für die Armen der Welt engagieren, wird der Eindruck erweckt und die Hoffnung geschürt, die Armut lasse sich mit zusätzlichen Milliarden aus den Steuergeldern der westlichen Welt besiegen. Richtig ist, dass mit dem Schuldenerlass und noch mehr Geld die bisherigen Irrwege nicht nur akzeptiert, sondern auch weiter subventioniert werden. Wie sagte schon Helmut Schmidt: »Ich bin misstrauisch, wenn Leute so tierisch große Anliegen haben.« Die vermeintlich rosigen Aussichten für die Armen Afrikas eignen sich sicherlich hervorragend für die Wiederbelebung darniederliegender Karrieren. Aber wir stehen mit unseren Methoden mit dem Rücken zur Wand. Und die gibt verdächtig nach.

Mit gut gemeinten milden Gaben erreicht man keine Änderung gesellschaftlicher Grundprobleme. Der Motor eigenständiger Entwicklung und Selbsthilfe springt nicht an. Während die Politiker in Afrika ihre eigene Wirklichkeit herstellen, wachsen im Volk Unzufriedenheit, Deklassierungsgefühle, Verzweiflung und Hass. Da das Vertrauen in die Entscheidungskompetenz der Politiker ebenso dahingeschwunden ist wie der Glaube an ihre persönliche Integrität, darf die Verwendung der Hilfsgelder nicht nur an feierliche Absichtserklärungen gebunden sein. Hilfen dürfen nur noch mittelfristig an Erziehung, Bildung, Ausbildung, Aufbau von demokratischen Institutionen, an Kleinstkredite sowie arbeitsintensive Beschäftigungsprogramme für öffentliche Aufgaben gebunden werden. Das Programm AGETUR in Benin sorgt zeitweise für die Beschäftigung von bis zu 20 000 Menschen. Diese Arbeiten sind zwar gering bezahlt, aber sie geben den Menschen die Möglichkeit, ihre Familien mit Würde zu ernähren.

"Afrika wird armregiert" von Volker Seitz liegt im DTV vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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Leserkommentare
Gerhard Karpiniec (Laxenburg /Österreich) 01.06.2010
Richtig der Inhalt dieser Stellungsnahme -ABER

Dem Artikel fehlt leider die nur ansatzweise Lösung. Ob Volker Seitz, Jean Ziegler und viele Andere, auch von hochqualifizierten afrikanische Kritiker des derzeitigen Systems der EZA. Alle haben recht, nur ohne praktikable Lösung haben alle ein Problem. Leider haben sich diese nicht einmal, obwohl Sie finanziell sehr unabhängig sind zusammengefunden, haben leider nicht, eine „Insellösung“ an positiver EZA-Arbeit vorzuweisen.
Diese brauchen wir und die Bitte an die Medien sie auch zu verbreiten.

Zustimmung und Kritik aus einem Mund
nach 45 Jahren Wissen der realen Arbeit


Gerhard Karpiniec
Laxenburg /Österreich

Thomas Zumbrunn (Sissach) 01.06.2010
Vgl. auch "Dead Aid" von Dambisa Moyo.
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