Unter Beschuss II: Die Tanklaster von Marc Lindemann Der Politologe Marc Lindemann war für die Bundeswehr in Afghanistan und analysiert schonungslos die dort begangenen Fehler. Im heutigen Auszug aus seinem Buch schildert er das fatale Bombardement der Tanklaster. Teil 1: Prolog Teil 3: Schneiderhahns Schweigen Teil 4: Risikoabwägung im Guerillakrieg Teil 5: Gewissensentscheidung unter Druck Teil 6: Rules of Engagement Teil 7: Quo vadis? Um 01:35 Uhr afghanischer Ortzeit gab Oberst Klein den Befehl zum Abwurf einer gelenkten Bombe vom Typ GBU-38 (Guided Bomb Unit).Vierzehn Minuten später, um 01:49 Uhr, klinkte einer der Piloten seine todbringende Fracht aus. Die 227 Kilogramm schwere Bombe zerstörte präzise die beiden Tanklastzüge und tötete mehrere Dutzend feindliche Kämpfer, vermutlich deutlich mehr als fünfzig. Darüber hinaus kam eine unbekannte Anzahl Unbewaffneter ums Leben, vermutlich um die zwanzig. Eine Zielüberprüfung durch die Piloten unmittelbar nach dem Angriff meldete noch die erfolgreiche Bekämpfung der Ziele und mehrere flüchtende Bewaffnete an die deutsche Operationszentrale, bevor die zwei F-15-Bomber abdrehten. Ruhe kehrte an diesem Tag in Kunduz aber erst in den frühen Morgenstunden ein. Während in Deutschland all diejenigen, die sich dauerhaft berufen fühlen, zu allem einen Kommentar abzugeben, sich noch verschlafen die Augen rieben, um dann in ihre sicheren Büros zu fahren, wurde in Kunduz bereits ein Ermittlerteam der Feldjäger zum Ort des Angriffs befohlen. Kurz nach Erreichen der Stelle am Fluss wurden die deutschen Soldaten bereits wieder unter Feuer genommen. Sie schossen zurück – und setzten ihre Untersuchung, das sogenannte On-Scene-Battle Damage Assessment (BDA), fort. Im Vergleich zu dem medialen Sturm, der an vielen anderen Orten der Welt zum gleichen Zeitpunkt bereits losbrach und sich gegen die deutschen Soldaten und ihren Kommandeur richtete, wirkte diese vormittägliche Schießerei am Kunduz River nur wie ein laues Lüftchen. Dass der Angriff des 4. September 2009 nicht nur eine Randnotiz in der Öffentlichkeit bleiben würde, war sicher allen Beteiligten bewusst. Insbesondere Oberst Klein wird sich wohl im Klaren darüber gewesen sein, dass die Auswirkungen seines Befehls politische Dimensionen annehmen würden. Deutsche Soldaten lassen 500-Pfund-Bomben auf den Feind abwerfen. Dass so etwas gleichsam »wie eine Bombe« einschlagen würde, war wirklich absehbar. Als Kommandeur des PRT Kunduz, das weiß jeder Befehlshabende, sitzt man ohnehin zu jeder Zeit auf einem politischen Schleudersitz und braucht weit mehr als gute Führungsqualitäten, um nicht selbst in den Orbit geschossen werden. Dieser befohlene Luftangriff mit vielen Duzend Toten erfüllte alle Voraussetzungen, um das Katapult auszulösen. Die Reaktionen in Deutschland verwunderten mich überhaupt nicht. Wer das sich permanent wiederholende Ritual von medialer Berichterstattung eine Weile verfolgt hat, kann ohne große Mühe abschätzen, was nach einem solchen Ereignis passiert. Was mich jedoch wirklich überraschte, war die Antwort der Amerikaner auf den Luftschlag. Von allen anderen hätte ich Verurteilungen und unfaire Einschätzungen erwartet, aber nicht vonseiten der USA. Copyright Econ Verlag "Unter Beschuss" von Martin Lindemann liegt im Econ Verlag vor und kann online bestellt werden. |
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