Unter Beschuss VII: Quo vadis? von Marc Lindemann Der Politologe Marc Lindemann war für die Bundeswehr in Afghanistan und analysiert schonungslos die dort begangenen Fehler. Im letzten Auszug aus seinem Buch erklärt er, wie der Einsatz der Bundeswehr weitergehen kann - und wie nicht. Teil 1: Prolog Teil 2: Die Tanklaster Teil 3: Schneiderhahns Schweigen Teil 4: Risikoabwägung im Guerillakrieg Teil 5: Gewissensentscheidung unter Druck Teil 6: Rules of Engagement Eine Ausweitung des deutschen Mandatsgebiets jedoch, wie es von unseren Alliierten oft gefordert wurde, macht in der gegenwärtigen Lage wirklich keinen Sinn mehr. Die dafür notwendigenTruppen sollten stattdessen gebündelt in Kunduz zum Einsatz kommen, wo sich die feindlichen Angriffe spätestens mit Beginn des Frühjahrs 2010 wieder verstärken werden. Möglicherweise wird sich die Bundesregierung aber der Bitte der Verbündeten nicht entziehen können und entstehende Lücken im Einsatzgebiet auffüllen müssen. Auf den Fluren im NATO-Hauptquartier waren zwischen November und Dezember 2009 bereits auffällig viele deutsche Offiziere in Gesprächen mit ihren holländischen Kameraden zu beobachten. Das niederländische Parlament votierte für einen Abzug der Truppen vom Hindukusch, und irgendwer wird sich deshalb der Provinz Uruzgan annehmen müssen. Die Amerikaner haben ihre Entscheidung bereits verkündet. Mehr als dreißigtausend zusätzliche Soldaten werden 2010 in Afghanistan zum Einsatz kommen. Gleichzeitig stellte Präsident Obama die Prüfung eines Abzugs in Aussicht. Auch dies ist keine Überraschung. Alle engagierten Staaten wollen ihre Truppen vom Hindukusch abziehen. Wann dies zu verantworten ist, wird selbstverständlich immer wieder geprüft. Noch ist es aber nicht soweit. Abgesehen von der schwierigen Lage in Afghanistan, wird Minister zu Guttenberg sich auch den deutschen Streitkräften in der Heimat annehmen müssen. Die zahlreichen Reformversuche der letzten zwanzig Jahre haben in vielen Bereichen zu einer Schwächung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr geführt. In dem Maße wie Kampftruppen außer Dienst gestellt wurden, haben riesige Stäbe und Führungskommandos an Größe gewonnen. Viele Häuptlinge und kaum mehr Indianer. Die Folge: Oft wurden Soldaten von Truppengattungen wie Artillerie, Flugabwehr oder den Pionieren als »Hilfsinfanteristen« in die Einsätze geschickt. Infanteristen aber sind hochspezialisierte Soldaten – wie die anderen auch –, deren intensive Ausbildung hier nicht gewährleistet war. Die Schlagkraft vor Ort hat diese Maßnahme also eher geschwächt als gestärkt. Auch hier hat der neue Minister bereits Veränderungen angekündigt. Hoffentlich durchforstet er die Amtsstuben der Stäbe und kehrt mit eisernem Besen. Denn ob für den Einsatz einer einzigen Kompanie in Kunduz und deren Einsatzvorbereitung in der Heimat wirklich ein Einsatzführungskommando, ein Heeresführungskommando, ein Einsatzführungsstab, ein Divisionsstab, ein Brigadestab, ein Bataillonsstab, ein Regionalkommando Nord, ein ISAF-Hauptquartier und der Stab des PRT notwendig sind, darf wahrlich bezweifelt werden. Copyright Econ Verlag "Unter Beschuss" von Martin Lindemann liegt im Econ Verlag vor und kann online bestellt werden. |
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