Ich schraube, also bin ich I: Lehrjahre von Matthew B. Crawford Der promovierte Philosoph und ausgebildete Mechaniker Matthew B. Crawford tauschte eines Tages den Anzug gegen den Blaumann und ist seitdem ein glücklicherer Mensch. Cicero Online veröffentlicht exklusiv Auszüge aus seinem Buch. Im ersten Teil schildert er seine Erfahrungen als junger Elektrikergehilfe. Kurz vor meinem 14. Geburtstag verdingte ich mich als Gehilfe bei einem Elektriker. Ich ging damals nicht zur Schule und arbeitete ein Jahr lang ganztags. Mit 15 Jahren kehrte ich in die Schule zurück, arbeitete jedoch in den Sommerferien weiterhin mit wachsender Eigenverantwortung als Elektriker. Als ich später mit meinem Hochschuldiplom in Physik keinen Job fand, war ich froh, mich dieser Ausbildung bedienen zu können, und machte mich an meinem damaligen Wohnort Santa Barbara selbständig. Ich war jedes Mal glücklich, wenn ich am Ende einer Arbeit den Schalter umlegte – »… und es ward Licht.« Ich gestaltete die Welt und spürte, das ich wirklich etwas konnte. Das Ergebnis meiner Arbeit war für jedermann sichtbar, weshalb mein Können auch für andere real war: Es sicherte mir soziale Anerkennung. Manchmal verharrte ich in Ehrfurcht angesichts eines Blocks von elektrischen Leitungen in einer Industrieanlage, die in einer großen Schalttafel zusammenliefen, zu verwickelten, fließenden Kurven geflochten, denen zahllose Abzweigungen entsprangen, die irgendwie alle zusammenliefen. Diese Fertigkeit lag so weit jenseits meiner Fähigkeiten, dass ich das Gefühl hatte, dort sei ein Genie am Werk gewesen, und der Mann, der diese Leitung geflochten hatte, hatte während der Arbeit zweifellos in seiner Phantasie diesen Augenblick der Anerkennung durchlebt. Da ich in Wohngebäuden arbeitete, wurde der Großteil meiner Werke hinter Wänden begraben. Dennoch gebot es mir mein Stolz, den für eine sachkundige Installation geltenden ästhetischen Ansprüchen zu genügen. Vielleicht würde eines Tages ein anderer Elektriker meine Arbeit zu Gesicht bekommen. Und selbst wenn es nicht dazu kommen sollte, fühlte ich mich meinem Gewissen verpflichtet. Oder besser, der Sache an sich – es heißt, die Handwerkskunst bestünde einfach in dem Wunsch, eine Sache gut zu machen, und zwar um ihrer selbst willen. Doch auch wenn die vorrangige Befriedigung im Handeln selbst liegt und eine sehr persönliche Erfahrung ist, handelt es sich um einen Akt der Selbstoffenbarung. Wie der Philosoph Alexandre Kojève schreibt: Der arbeitende Mensch erkennt (und an-erkennt) in der von seiner Arbeit wirksam umgebildeten Welt sein eigenes Werk: er erkennt sich in ihr selbst; erblickt in ihr seine eigene menschliche Wirklichkeit; entdeckt in ihr die objektive Wirklichkeit seiner Menschlichkeit, jener zunächst abstrakten und rein subjektiven Vorstellung, die er von sich selbst macht, und offenbart sich den Anderen. Copyright: Ullstein Verlag "Ich schraube, also bin ich: Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen" von Matthew B. Crawford liegt im Ullstein Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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