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20.05.2010
"Ich schraube, also bin ich" Teil III: Was will die Waschmaschine?
von Matthew B. Crawford

Der promovierte Philosoph und ausgebildete Mechaniker Matthew B. Crawford tauschte Anzug gegen Blaumann und ist seitdem glücklicher. Im heutigen Auszug aus seinem Buch schildert er, zu welchen Selbsterkenntnissen eine defekte Waschmaschine zwingen kann.

Alle materiellen Dinge werden irgendwann zu Staub, die moralische Bedeutung jener Arbeit, die sich mit den materiellen Dingen auseinandersetzt, besteht möglicherweise in der einfachen Tatsache, dass sich diese Dinge außerhalb des Selbst befinden. Eine Waschmaschine ist natürlich für unseren Gebrauch da, aber wenn man es mit einer defekten Waschmaschine zu tun hat, muss man sich fragen, was sie braucht. In diesem Augenblick hört die Technik auf, ein Mittel zu sein, mit dem wir die Welt besser beherrschen können, und verhöhnt unsere übliche Selbstbefangenheit.

Der unentwegt nach Selbstbestätigung strebende Narzisst betrachtet alles als Erweiterung seines Willens und ist daher kaum in der Lage, die Welt der Objekte als etwas von ihm Unabhängiges zu begreifen. Er neigt zu magischem Denken und Allmachtsphantasien. Ein Reparaturtechniker auf der anderen Seite stellt sich in den Dienst anderer und setzt die Dinge instand, von denen sie abhängen. Seine Beziehung zu den Objekten ist die Grundlage für eine solidere Form von Beherrschung, die auf wirklichem Verständnis beruht. Eben deshalb hat seine Arbeit auch einen mäßigenden Einfluss auf die in der modernen Kultur allgegenwärtige Phantasievorstellung von der uneingeschränkten Beherrschung der Welt. Der Reparaturtechniker muss sich bei jedem Einsatz zunächst von dieser Vorstellung lösen und die Dinge erkennen: Er muss die kränkelnde Maschine genau beobachten und ihr aufmerksam zuhören.

Er wird zur Hilfe gerufen, wenn die reibungslosen Abläufe in unserer Welt unterbrochen worden sind, und in solchen Augenblicken wird uns unsere Abhängigkeit von den Dingen, deren Funktionieren wir normalerweise als selbstverständlich betrachten (zum Beispiel von einer Toilette, die richtig spült), deutlich vor Augen geführt. Eben deshalb kann dem Narzissten die Gegenwart des Reparaturtechnikers unangenehm sein. Das Problem ist weniger, dass dieser Besucher schmutzig oder ungehobelt ist. Vielmehr scheint er unser grundlegendes Selbstverständnis in Frage zu stellen: Wir sind gar nicht so frei und unabhängig, wie wir gedacht hatten. Reparaturarbeiten, die die Infrastruktur (die Kanalisation unter der Straße oder das Stromnetz darüber) unterbrechen, machen den Menschen ihre gemeinsame Abhängigkeit bewusst.

Die Menschen können innerhalb einer Stadt in sehr unterschiedlichen Welten leben, je nachdem ob sie reich oder arm sind. Doch sie leben letzten Endes alle in derselben physikalischen Realität und müssen gemeinsam auf die Welt eingehen.


Copyright: Ullstein Verlag

"Ich schraube, also bin ich: Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen" von Matthew B. Crawford liegt im Ullstein Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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