Ich schraube, also bin ich Teil V: Die Beschaffenheit der Welt von Matthew B. Crawford Der promovierte Philosoph und ausgebildete Mechaniker Matthew B. Crawford tauschte Anzug gegen Blaumann und ist seitdem glücklicher. Warum Handwerker die Welt objektiver wahrnehmen als Universalisten, erfahren wir im heutigen Auszug. Da die Maßstäbe handwerklichen Könnens nicht der Überzeugungskunst, sondern der Logik der Dinge gehorchen, verleiht die Unterwerfung unter diese Maßstäbe dem Handwerker möglicherweise eine gewisse seelische Robustheit, die ihn unempfänglicher macht für die von geschäftlichen wie politischen Demagogen geweckten phantastischen Hoffnungen. Platon unterscheidet zwischen technischer Fertigkeit und Rhetorik, weil die Rhetorik »keine Erkenntnis besitzt von der wahren Natur dessen, was sie darbietet, und infolgedessen nicht imstande ist, den Grund für die einzelnen Erscheinungen anzugeben«. Der Respekt des Handwerkers gilt weniger der Neuerung als den objektiven Maßstäben seines Handwerks. Dies ist eine seltene Erscheinung im gegenwärtigen Leben: eine unparteiische, verständliche und öffentlich bekundbare Vorstellung davon, was gut ist. Eine derart kategorische Ontologie findet nicht allzu viele Anhänger in den führenden Einrichtungen des neuen Kapitalismus und in einem Bildungssystem, dessen Ziel es ist, diese Institutionen mit geeigneten Arbeitskräften zu versorgen, das heißt mit gefügigen Generalisten, deren Einsatzmöglichkeiten nicht durch irgendwelche speziellen Fähigkeiten eingeschränkt werden. An den heutigen Schulen findet das Handwerk nur wenig Anerkennung. Die Furcht der Verfechter der Gleichbehandlung vor dem Versuch, die Schüler frühzeitig auf den Weg in die »Vorbereitung auf das Studium« oder in die »berufliche Bildung« zu lenken, wird von einer weiteren Befürchtung überlagert, nämlich vor jener, der Erwerb bestimmter Fähigkeiten sei gleichbedeutend mit der Festlegung auf ein bestimmtes Leben. Auf der Universität hingegen lernen viele Studenten nichts, was einer bestimmten Anwendung dient – die Universität ist das Tor zu einer offenen, unbestimmten Zukunft. In einer Handwerksausbildung lernt man, eine bestimmte Arbeit wirklich gut zu machen, während das Ideal der neuen Ökonomie in der Fähigkeit besteht, neue Dinge zu lernen, womit dem Potenzial größerer Wert beigemessen wird als der geleisteten Arbeit. Irgendwie wird am modernen Arbeitsplatz von jedem Beschäftigten erwartet, dass er ein »Intrapreneur« ist, ein Mitarbeiter, der sich aktiv an der unentwegten Neudefinition seiner Tätigkeit beteiligt. Die Handwerksausbildung bietet ein Bild des Stillstands, das in krassem Gegensatz zu dem steht, was Sennett als »Schlüsselelement des idealisierten Selbstbilds der New Economy« bezeichnet: die »Fähigkeit zum Verzicht auf eine etablierte Wirklichkeit«. Diese Haltung gegenüber der »etablierten Wirklichkeit«, die als psychedelisch bezeichnet werden muss, nimmt man besser nicht ein, wenn man an einer Kreissäge arbeitet. Dieses Ideal will sich nicht mit der »Wirklichkeit und Verlässlichkeit« der Welt (Hannah Arendt) zufrieden geben. Es ist ein sonderbares Ideal, eines, das nur für ein bestimmtes Selbst attraktiv ist. Denn die meisten Menschen finden es nicht lustig, nicht sicher sein zu können, wie die Welt beschaffen ist. Copyright: Ullstein Verlag "Ich schraube, also bin ich: Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen" von Matthew B. Crawford liegt im Ullstein Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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