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07.07.2010
Alle im Wunderland III: Vom Glück Teil 1
von Matthias C. Müller

Zeit also zum Umdenken: Der Philosoph Matthias Müller verteidigt das gewöhnliche Leben gegen seine Verächter. Ein Plädoyer für den guten, alten Spießer. Cicero Online veröffentlicht exklusiv Auszüge aus seinem Buch. Im dritten Teil erklärt er, weshalb der Wunsch nach dem dauerhaften Glück unser Unglück ist.

Darüber hinaus jedoch bringt die Gaukelei des Begriffs des dauerhaften Glücks die Menschen regelmäßig vom Weg des gewöhnlichen Lebens ab, und das überall schwebende Pflichtgefühl, glücklich sein zu müssen, treibt die Menschen tiefer noch in ihr Unglück hinein. Der Begriff des dauerhaften Glücks ist für die tägliche Lebenszufriedenheit der Menschen der allerhinderlichste Begriff. Der Begriff des dauerhaften Glücks ist gewissermaßen unser Unglück. Deshalb wäre es für die Menschen und ihren Gefühlshaushalt besser, diesen Begriffsvogel zum Fenster hinausflattern zu lassen – auf Nimmerwiedersehen. Viele Menschen jedoch glauben, möglicherweise aufgrund evolutionärer Prägung oder weil sie sich in Hörweite der Zeitgeistsirenen befinden, dass es möglich sei, jenen Zustand zu erreichen, in dem das Glück im eigenen Leben dauerhaft Einzug hält und nimmermehr auszieht. Als verhielte sich das Glück wie der antike Gott Pluto (griech. für Reichtum), der bisweilen tatsächlich Hausbesuche bei Athener Bürgern zu machen beliebte – zumindest in der attischen Komödie. So träumen und tagträumen sie vom bleibenden Glück.

Konkret träumen sie vom Traumpartner: Wären sie erst mit ihm zusammen, dann wäre alles gut. Oder sie streben nach einem fernen, ihnen zugleich den Weg zeigenden Ziel im Glauben, dass sie nach Erreichen des Ziels andauernd glücklich sein könnten. Oder sie träumen vom Gewinn einer hohen Millionensumme in der Lotterie und wähnen, dass sie mit dem Geldsegen für den Rest ihrer Tage einfach nur noch glücklich wären. Bin ich aber erst mit dem Traumpartner zusammen, lässt mich dann der Anblick seiner herumliegenden Strümpfe nicht aus meinen idealischen Welten stürzen? Habe ich die Examensprüfungen bestanden und bin zunächst überschwänglich glücklich, muss ich dann nicht eine Arbeitsstelle suchen und Bewerbungen schreiben? Habe ich die Millionen und die ersten Partys geschmissen, stellt sich dann nicht die Frage, was ich nun eigentlich mit meinem Leben anfangen soll? Und was ist, wenn ich alle meine Ziele erreicht habe? Was mache ich dann? Sitze ich dann zu Hause am Tisch wie ein Buddha und bin – leer?

Um die Unerreichbarkeit des dauerhaften Glücks besser zu verstehen, müssen wir uns erneut das Wesen der Spannung bewusst machen, welche zwischen uns und der Außenwelt besteht und die letztlich unaufhebbar ist. Egal, wo ich mich aufhalte, stets muss ich mich darum kümmern, dass es mir gut geht, dass mein Körper intakt ist und funktioniert und ich buchstäblich überlebe. Der Körper des geborenen Menschen bildet dabei den biologischen Prototyp aller Innenräume. Seine Haut ist die Grenze dieses Innenraums, die allerdings durchlässig ist und sich mit der Außenwelt in einer ständigen Wechselwirkung befindet. Der Körper besitzt neben den zahlreichen Poren und den vielen kleinen Grenzübergängen der Hautgrenze auch unterschiedlich große Grenzübergänge und Öffnungen für Verkehr und Austausch unterschiedlicher Art: Mund, After, Penis, Scheide, Augen, Nase, Ohren. Man könnte die an diesen Checkpoints ein- und ausgeführten Stoffe und Güter (neben ihrer Zuordnung zum Stoffwechsel und zur Energieaufnahme) auch unter dem Oberbegriff der Information rubrizieren, insofern als alles, was der Körper wahrnimmt oder in sich aufnimmt, für ihn eine Bedeutung hat, bzw. als es für den Körper etwas bedeutet, diverse Inhalte auswerfen zu können. Damit stehen diese Öffnungen in einer Verwandtschaftsbeziehung zu der bedeutendsten Austauschvorrichtung unseres Organismus: dem Gehirn, das im Zuge der Verarbeitung und des Austauschs von Informationen Kohärenzen zwischen Innen und Außen und innerhalb der Innenwelt herstellt und es meisterhaft schafft, eine Welt erscheinen zu lassen und ein Selbst, dem diese Welt zu erscheinen scheint.


Matthias C. Müllers "Alle im Wunderland: Verteidigung des gewöhnlichen Lebens" liegt im Diederichsverlag vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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