Die Pantoffelbehandlung von Martina Frei Martina Frei gewährt in ihrem Buch "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" Einblicke in ein medizinisches Kuriositätenkabinett der unmöglichsten Fälle. Cicero Online stellt in einer exklusiven Veröffentlichungsreihe Auszüge daraus vor. Lesen sie hier von einer bedeutenden Revolution der Therapie des Grauen Stars aus England - unter Zuhilfenahme eines Pantoffels. Wer schlecht sieht, könnte zum Beispiel seinen Partner bitten, einen Schuh zu schmeißen, so wie im Fall eines alten Ehepaares mit Hund in Großbritannien. Genervt vom Kläffen seines Hundes warf der Ehemann einen Pantoffel nach dem Tier. Dummerweise traf er stattdessen seine Ehefrau am Auge – woraufhin diese besser sah: Ihre Welt war mit einem Mal bunter, die Farben leuchteten stärker und das Tageslicht blendete sie weniger. Der trübe Schleier vor ihrem Auge hatte sich endlich gelüftet, dank dem beherzten Wurf. Deshalb sah die 86-Jährige auch zunächst keinen Grund, zum Doktor zu gehen. Als sie nach einer Woche schließlich doch Augenärzte zurate zog, wurde aus dem wundersamen Ereignis eine »traumatische Dislokation der Augenlinse« – die Wucht des fliegenden Pantoffels hatte ihre getrübte Augenlinse aus der Sehachse befördert. Wie nahezu alle über 65-Jährigen hatte auch die Frau des Pantoffelwerfers Grauen Star. Meist ist die Katarakt, wie der Graue Star im Medizinerlatein heißt, altersbedingt. Das Eintrüben der Linse kann auch Folge von Augenverletzungen sein, von Stoffwechselstörungen wie Diabetes, zu viel Cortison-ähnlichen Medikamenten oder Röntgenstrahlen. Es kommt sogar bei Kindern vor, zum Beispiel wenn sie im Mutterleib eine Rötelninfektion durchgemacht haben. Eine Behandlungsmethode war bereits im alten Babylon bekannt – wenn auch nicht mit dem Hausschuh, sondern mit einem spitzen Gegenstand. Der »Starstecher« setzte seitlich an der Augenhornhaut einen Schnitt, schob eine spitze Starnadel bis zur Linse vor und drückte diese aus der Sehachse nach unten, in den Glaskörper des Auges. Nach getaner Arbeit machte sich der Operateur tunlichst aus dem Staub, um nicht für die oft folgende Augeninfektion haften zu müssen. Heute arbeiten die Augenärzte gründlicher: Sie entfernen meist den vorderen Teil der Linsenkapsel und das trübe Linsenmaterial. Weil die Linse eine Brechkraft von etwa 18 Dioptrien hat, wird dem Patienten bei der Operation in der Regel noch eine Kunstlinse eingesetzt, andernfalls wäre er stark weitsichtig. Wird die Linse nur in den Augenglaskörper verschoben, wie bei der 86-Jährigen, steigt ziemlich sicher der Druck im Sehorgan oder es kommt zur Entzündung. Das kann ins Auge gehen und zur Erblindung führen, auch wenn die Sehkraft sich kurzfristig bessert. Deshalb rieten die Augenärzte der Seniorin zur Operation. Der Ehemann der Patientin, der sich ungewollt als Starstecher betätigt hatte, litt übrigens ebenfalls beidseitig am Grauen Star – was vielleicht seine mangelnde Wurfgenauigkeit erklärt. Copyright: Eichborn Verlag "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" von Martina Frei liegt im Eichborn Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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