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07.07.2010
Alle im Wunderland VII: Von der spielerischen Sterbekunst
von Matthias C. Müller

Zeit zum Umdenken: Der Philosoph Matthias Müller verteidigt das gewöhnliche Leben gegen seine Verächter. Ein Plädoyer für den guten, alten Spießer. Cicero Online veröffentlicht exklusiv Auszüge aus seinem Buch. Im letzten Teil geht es um die hohe Kunst des Sterbens.

Die existenzielle Sterbekunst betrifft also die Kunst, sich mit dem Zwang, sterben zu müssen, einverstanden zu erklären. Sie ist insofern eine Kunst, als das erstrebte Einverständnis keine Selbstverständlichkeit ist und erst erlernt und eingeübt werden muss. Hier macht nur die Übung den Meister.

Es gibt jedoch zwei Hauptprobleme in Bezug auf die existenzielle Sterbekunst. Das erste besteht in der Tatsache, dass es höchst schwierig ist, herauszufinden, inwiefern es einem gelingt, in ihr tatsächlich zum Meister zu werden. Wer garantiert, dass ich mir das Einverständnis mit dem Tod nicht nur einrede, um dann spätestens, wenn es ans tatsächliche Sterben geht, mich als wahren Stümper zu erweisen? Was also, wenn ich auf dem Sterbebett liege und aus vollem Herzen mein Einverständnis widerrufe? Es gibt keine Sterbekunstakademie, auf der ich meinen Meis- terbrief in der Kunst, sterben zu können, erwerben und auf dem Sekretariat abholen könnte. Die einzige Akademie, die es in dieser Frage gibt, bin ich selbst, und auf die Regularien, Prüfungsordnungen und auf den Prüfer selbst ist einfach kein Verlass. Das zweite Hauptproblem ist die Frage, ob es überhaupt möglich ist, sich mit dem Tod einverstanden zu erklären. Ist nicht in jedem von uns der evolutionär entstandene und genetisch verankerte Wunsch, weiterleben zu wollen, so übermächtig, dass wir ihn trotz eifrigsten Langzeitstudiums auf der Sterbekunstakademie nie werden aufheben können? Wenn dem so sein sollte, so bliebe vielleicht nur die existenziell zynische, gleichwohl pragmatisch gebotene Hoffnung übrig, dass der jeweilige Mensch irgendwann einen Zustand erreicht, in welchem er lieber sterben als weiterleben möchte, etwa im Fall umfassenden Lebensüberdrusses, schwerster Gebrechlichkeit, aussichtsloser Isolation oder unerträglicher Schmerzen. Weil aber kein Mensch sich einen solch höchst unangenehmen Zustand wünschen kann, so bleibt ihm wohl doch nichts anderes übrig, als unermüdlich weiter wie ein studentischer Sisyphos auf die Sterbekunstakademie zu gehen. Auch wenn die Frage nach dem Meisterbrief bestehen bleibt: Die Zwischenprüfung könnte jeder wohl bestehen, und diese besteht in nichts als in dem Versuch, sich in seiner Lebensführung darauf einzustellen, dass es jederzeit vorbei sein kann, dass jederzeit ein geliebter Mensch dem Tode zum Raub fallen oder der Ruf ins Nichts an einen selbst ertönen könnte.

Damit wir die Zeit zwischen der Zwischenprüfung und dem Meisterbrief gut überstehen, wird es hilfreich sein, spielerische Elemente in das Studium einzubauen und so aus der existenziellen Sterbekunst eine spielerische Sterbekunst zu machen. Als spielerische Sterbekünstler leben wir jetzt und üben uns zugleich in der Kunst, en passant in die Zukunft zu planen und am Rande die Vergangenheit nicht zu vergessen; und auf die Frage des Todes: »Seid ihr bereit?«, gerichtet an jeden Einzelnen in der globalen Studentenschaft, genannt die Menschheit, ertönt die Antwort: »Immer bereit!«

Matthias C. Müllers "Alle im Wunderland: Verteidigung des gewöhnlichen Lebens" liegt im Diederichsverlag vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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