Ein strahlender Urlauber von Martina Frei Martina Frei gewährt in ihrem Buch "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" Einblicke in ein medizinisches Kuriositätenkabinett der unmöglichsten Fälle. Cicero Online stellt in einer exklusiven Veröffentlichungsreihe Auszüge daraus vor. Lesen sie hier von der Schilddrüse und ihrer Bedeutung für die Nationale Sicherheit. Die Situation war hochnotpeinlich. Sicherheitsbeamte nahmen den 46-Jährigen am Check-in des Flughafens von Orlando fest. Er musste sich eine Leibesvisitation gefallen lassen. Spürhunde umschnüffelten ihn. Dann wurde er verhört. Zu verdanken hatte er dies seiner Schilddrüse und der Angst vor Terrorattacken. Andere Patienten erlebten ähnliche Situationen bei der Ankunft am Flughafen von Wien oder Miami, in der U-Bahn von Manhattan, beim Betreten eines Banktresorraums oder während einer Busfahrt von New York nach Atlantic City. Sie wurden behandelt wie Verbrecher, waren aber in Wahrheit nur harmlose, schilddrüsenkranke Reisende oder am Herz untersucht worden. Bei dem 46-Jährigen hatte alles rund ein halbes Jahr zuvor begonnen. Damals suchte der Mann einen Arzt auf, weil er Gewicht verlor. Seine Hände zitterten leicht, er schwitzte mehr und sein Herz schlug schneller. Auch an Durchfall litt der Patient. Schilddrüsenüberfunktion, also ein Zuviel an Schilddrüsenhormonen, stellten die Ärzte fest und behandelten das Organ mit radioaktivem Jod. Um Hormone herzustellen, braucht die Schilddrüse Jod. Dabei unterscheiden die Zellen nicht zwischen radioaktivem und normalem Jod. Das machen sich die Nuklearmediziner zunutze. Sie verabreichen den Patienten radioaktives Jod-131. Vor allem die kranken, überaktiven Zellen in der Schilddrüse nehmen es auf. Beim Zerfall setzt Jod-131 radioaktive Strahlung frei und zerstört damit die Zellen. Da diese Betastrahlung nur etwa einen halben Millimeter weit reicht, ist die Behandlung für andere Organe oder andere Menschen praktisch gefahrlos. Neben dem Jod-131 verwenden die Ärzte, zum Beispiel bei Herzuntersuchungen, auch radioaktives Thallium oder andere radioaktive Isotope. Weder die Nuklearmediziner noch ihre Patienten wussten jedoch, wie empfindlich die Detektoren sind, denen man seit den Terrorattacken vom 11. September 2001 an vielen Orten begegnen kann. Über 12 000 Handgeräte wurden in der Zwischenzeit allein in den USA durch staatliche Stellen verteilt. Obwohl ihre Behandlung zum Teil länger zurücklag, lösten die Betroffenen Alarm aus. Der 46-Jährige, der seinen Urlaub in den USA verbringen wollte, war bereits sechs Wochen vorher behandelt worden. Die Detektionsgeräte aber schlagen bis zu 95 Tage nach der Radiojodtherapie an. Sie registrieren die Strahlung derart fein, dass in Wien sogar die Ehefrau eines 69-jährigen Patienten unter Terrorverdacht geriet. Sie kehrte mit ihrem Mann von einer Reise nach Frankfurt zurück (wo sie keinen Alarm verursacht hatte). Durch den engen Kontakt mit ihrem Gatten strahlte sie offenbar selbst ganz minimal. Nachdem sich die Patienten teils massiv bei ihren (von den Behörden nicht informierten) Ärzten beschwert hatten, gaben diese den Kranken entsprechende Schreiben mit. Darin wird erklärt, woher die Strahlung rührt. Doch auch das schützt nicht in allen Fällen vor Problemen. Geflissentlich zeigten zwei Patienten – die gar keinen Alarm ausgelöst hatten – ihr Zertifikat den Sicherheitsbeamten am Flughafen. Der Erfolg: Sie wurden gründlichst befragt und untersucht. Copyright: Eichborn Verlag "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" von Martina Frei liegt im Eichborn Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden. |
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