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26.07.2010
Ein gesundheitsbewusster Mensch
von Martina Frei

Martina Frei gewährt in ihrem Buch "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" Einblicke in ein medizinisches Kuriositätenkabinett der unmöglichsten Fälle. Cicero Online stellt in einer exklusiven Veröffentlichungsreihe Auszüge daraus vor. Lesen sie hier von der Planübererfüllung im gutbürgerlichen Gesundheitswahn.

Er war 51 Jahre alt, gebildet und er wollte es besonders gut machen. Das Ende vom Lied war, dass der bis dahin gesunde Mann mit heftigem Bauchweh ins Krankenhaus musste: Dünndarmverschluss.

Als die Chirurgen im britischen Newport seinen Bauch öffneten, sahen sie, dass die letzten 30 Zentimeter des Dünndarms mit hartem Material verstopft waren. Durch die darmeigene Peristaltik hatte sich dort ein Teil des Hohlorgans in den nachfolgenden Darmabschnitt gestülpt, etwa so, wie wenn beim Ausziehen der Socken der vordere Teil in den hinteren gezogen wird. Im Fachjargon heißt das Invagination. Invaginationen sind lebensgefährlich, wenn sie sich nicht rechtzeitig von allein oder mit ärztlicher Hilfe wieder lösen. Der betroffene Darmabschnitt entzündet sich, schwillt an, kappt sich selbst die Blutzufuhr und stirbt schließlich ab.

Leider gelang es den Chirurgen nicht, das Material im Darm des Patienten durch Massage von außen weiterzubefördern. Sie mussten das Darmstück entfernen. Dann nahmen Pathologen das Gewebe unter die Lupe. Schuld an der lebensgefährlichen Verstopfung war festes pflanzliches Material, so viel konnten sie eruieren. Die restliche Information steuerte der Kranke nach der Operation bei.

Der 51-Jährige outete sich den Ärzten gegenüber als Kleiefan. Sein Arzt hatte ihm geraten, die Ernährung mit Weizenkleie anzureichern. Der Patient solle die Dosis allmählich bis auf drei Esslöffel täglich steigern und viel trinken, empfahl der Doktor. Wenn drei Löffel Kleie gut sind für die Verdauung, mutmaßte der Patient, sind acht bis zehn Esslöffel noch besser. Aus Sorge um seine Gesundheit, insbesondere vor Dickdarmkrebs, steigerte er die Weizenkleiedosis eigenmächtig auf rund das Dreifache.

Tatsächlich sind Ballaststoffe gut für den Darm. Bei einer Ernährung mit hohem Faseranteil treten sowohl gutartige Darmpolypen seltener auf als auch Dickdarmkrebs. Die Ballaststoffe senken die Passagezeit des Kots, »verdünnen« potenziell zellschädigende Verdauungsprodukte und regen die bakterielle Vergärung an. Das führt einerseits dazu, dass der Kot weniger lang mit der Darmschleimhaut in Kontakt kommt, und fördert andererseits die Bildung verschiedener Stoffe, die den Darmzellen als Brennstoff dienen und den pH-Wert günstig beeinflussen. Bei niedrigem pH-Wert können sich schädliche Bakterien schlechter vermehren, und Mineralstoffe wie Kalzium oder Magnesium werden vermutlich besser aufgenommen.

In den Mengen, in denen der gesundheitsbewusste 51-Jährige Kleie genossen hatte, war sie kontraproduktiv. Schlimmer noch, er nahm seine gesamte Tagesdosis auf einmal ein. Seine Flüssigkeitszufuhr erhöhte er dagegen nicht wie vom Arzt angeraten. So kam es, dass die Kleie im Darm aufquoll und sich im letzten Teil des Dünndarms staute. Von der Operation erholte sich der Patient gut. Gleichzeitig erkannte er, dass eine ballaststoffreiche Ernährung der Gesundheit nicht in jedem Fall förderlich ist.



Copyright: Eichborn Verlag


"Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" von Martina Frei liegt im Eichborn Verlag vor und kann bei Amazon bestellt werden.



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