von Michael Naumann
In seinem monatlichen Kommentar beschäftigt sich Cicero-Chefredakteur Michael Naumann mit Devisengeschäften und dem Zustand der Finanzbranche eineinhalb Jahre nach Lehman.
Millionen Dollar wechseln in dieser Sekunde, noch ehe Sie den Satz zu Ende gelesen haben, ihre Besitzer. Und jetzt schon wieder. Der jährliche Umsatz an den internationalen Devisenmärkten liegt bei 307 Billionen Dollar. Der weltweit größte Devisenhändler ist die Deutsche Bank.
Wenn irgendjemand erfolgreich gegen den Euro spekulieren wollte, dann wären das nicht die Partner des dämonisierten George Soros, sondern in erster Linie die unbekannten jungen Männer in den unteren Stockwerken der Frankfurter Bankhäuser. Die Mitarbeiter der Hedgefonds geben mit ihren Wetten für oder gegen eine nationale Währung wie mit einer Stimmgabel nur den Ton vor. Ihm gehorcht das mächtigere Massenorchester smarter Angestellter in den Devisenabteilungen traditioneller Banken.
Gesteuert und verbucht werden die kolossalen Geldströme von Computern, deren Programme auf minimale Kursschwankungen reagieren – ihre Kauf- und Verkaufsaufträge werden, sind die Schwellenwerte erst einmal prognostisch festgelegt, ohne menschliches Zutun erledigt. Algo-Trades heißt das ominöse Geschäft, und finanziert wird es durch Milliarden, die sich die Banken unter anderem bei Zentralbanken billigst leihen, gegen deren Währungen sie dann spekulieren können. Die Börsenberichte des Ersten Fernsehprogramms haben mit diesem Geschäft so viel zu tun wie das Einmaleins mit Quantenphysik.
Mit der Finanzwelt des rechnergestützten Börsenhandels, in dem eine einzige Aktie täglich über ein- oder zweihundert Mal feilgeboten und genommen werden kann, ist eine zweite Wirklichkeit entstanden. Sie ist nicht nur der Kontrolle von Aufsichtsräten und Politikern verschlossen, sondern auch altmodischen Normen von Maß und Vertrauen.
Der Atem stockte vor kurzem einer kleinen Gruppe von Politikern, Bankiers und Journalisten, als Präsident Obamas Finanzberater Paul Volcker, ehemaliger Chef der amerikanischen Zentralbank, im Berliner Amtssitz von Horst Köhler einige Daten nannte, deren Unfassbarkeit den Irrsinn der internationalen Finanzspekulation auf den Begriff brachte: Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise vor anderthalb Jahren standen Krediten und Staatsanleihen in Höhe von sechs Billionen Dollar nicht weniger als nominal 63 Billionen Dollar Kreditausfallsversicherungen, sogenannten Credit Default Swaps (CDS), gegenüber. Ein amerikanischer Bankier und Gesprächspartner Volckers erklärte treuherzig, „wir haben die Geschäfte mit den neuen Finanzprodukten nicht verstanden“. Sein eigenes Geschäft war ihm zum Rätsel geworden, sein Jahresbonus aber nicht (siehe Seite 98).
Die Versicherungspolicen waren (und sind) auf dem „grauen Finanzmarkt“ verkäuflich. Sie haben sich zu einer fiktiven Währung ohne Deckung durch Sachwerte entwickelt, gleich Wettscheinen oder Papiergeld im Monopoly-Spiel, doch mit verheerenden realen Auswirkungen auf Staatsanleihen. Deren Solidität wurde auf einmal am Preis unkontrolliert gehandelter CDS-Papiere gemessen. Je teurer diese zwecks Absicherung von Staatsanleihen wurden, umso höhere Zinsen muss zum Beispiel Athen anbieten, um überhaupt noch Käufer für neue Anleihen zu finden. Und genau das tut die bedrängte Regierung der Griechen in der womöglich grundlosen Hoffnung, die Forderungen der mutigen Käufer in spätestens zehn Jahren bedienen zu können. Dass sie im Notfall von einem Europäischen Währungsfonds gerettet werden könnte, zählt zu den neuen Projekten der Berliner und Pariser Regierung. Wer diesen Fonds finanzieren soll, verraten sie nicht. Am Ende sind es wieder die Steuerzahler – und vor allem ihre Kinder und Enkel. Bis zum Jahresende muss Griechenland 53 Milliarden Euro aufbringen, um seine Altschulden abzulösen. Nicht viel besser stehen die nächsten Kandidaten da – Italien, Portugal, Spanien und Irland und womöglich auch das Vereinigte Königreich, dessen Staatsschulden relativ höher sind als diejenigen Griechenlands.
Den verspäteten Versuchen der Regierungen Europas und der Vereinigten Staaten, dubiose Bankgeschäfte zu verbieten oder schärferen Kontrollen zu unterwerfen, ist alles Gute zu wünschen. Qualifizierte Kontrolleure fallen aber nicht vom Himmel. Dass die deutsche Bankaufsichtsbehörde Bafin die Irrsinnsdeals der Landesbanken, der IKB, der Commerzbank oder der Hypo Real Estate Bank in München nicht rechtzeitig entdeckte, ist kein Zufall. Dass bisher nur ein einziger deutscher Verantwortlicher vor Gericht steht, leider auch nicht. Darüber hinaus steht fest, dass regionale Regelwerke wirkungslos blieben, wären sie nicht Teil eines internationalen Abkommens.
Doch die Vorstellung, dass auf dem nächsten G-20-Gipfel die nötigen „schärferen Kontrollstandards“ einer internationalen Bankenaufsicht verabschiedet werden (wie im vorigen Jahr verabredet), ist so naiv wie die Hoffnungen, die den Kopenhagener Umweltgipfel begleitet hatten.
Eine globale Finanzaufsichtsbehörde (der Traum des Chefs der Europäischen Zentralbank) liegt dem US-Kongress so fern wie der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Unter diesen Umständen hat Paul Volcker nicht Unrecht – die beste Zügelung des entfesselten Finanzmarktes sei die Furcht vor dem guten, alten Bankrott: „Auch Banken und Hedgefonds dürfen untergehen.“
In den Vereinigten Staaten haben derlei Pleiten Tradition – nicht erst seit dem abrupten Ende von Lehman Brothers. Im kleinteiligen Europa drohte einigen Staaten freilich das Schicksal Islands.
Wirtschafts- und Kulturhistoriker werden eines Tages auf die globale Finanzwirtschaft unserer Jahre zurückschauen und sich fragen, wie dies alles geschehen konnte. Per Saldo werden sie auf die einfachste Antwort kommen: Nicht das amerikanische Hypothekendesaster, nicht das verlogene Geschäft mit faulen Zertifikaten, nicht die surrealen Credit Default Swaps waren es allein, sondern vor allem die strukturelle Gier eines ruinösen Systems, das mit neuen „Produkten“ Milliarden vernichtete und Millionen Menschen ins Unglück stürzte. |