von Werner Weidenfeld
Er regierte 16 Jahre – und damit sogar länger als der Gründungskanzler Konrad Adenauer. Als die Mauer fiel, ergriff er die Chance, das geteilte Land zu vereinigen. Dies sicherte ihm den Platz im Geschichtsbuch der Deutschen. Jetzt wird Helmut Kohl 80.
Der Mann hat Geschichte gemacht. Sein gestalterischer Einfluss auf die politische Architektur Deutschlands und Europas ist von einer Qualität, die Konrad Adenauers historischem Erbe gleicht. Sein 80. Geburtstag fällt in eine Zeit, die die großen Linien vermissen lässt. Das gibt Helmut Kohls Profil im Rückblick eine geradezu historische Aura: Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses, deutsche Einheit, gemeinsame europäische Währung. Man könnte diese Leistung auch in andere Begriffe übersetzen: internationaler Vertrauensgewinn, nationale und europäische Orientierung, wirtschaftliche Erfolge, Strategie europäischen Fortschritts, transatlantische Allianz, gesamteuropäische Einheit.
Die Bilanz ist höchst eindrucksvoll, doch Kohls Niederlagen und Defizite werden nicht einfach in Vergessenheit versinken: Sein erster Versuch, CDU-Parteivorsitzender zu werden, scheiterte an Rainer Barzel. Im Vorfeld der Bundestagswahl 1980 unterlag er dramatisch Franz Josef Strauß. 1989 sahen sich etliche Weggefährten veranlasst, gegen ihn in der CDU zu putschen. In den späten neunziger Jahren trieb er seine Politik in die Niederlage. Er hatte weder einen Nachfolger aufgebaut noch eine neue politische Perspektive zur Hand.
Nach der Wahlniederlage gegen Gerhard Schröder 1998 kam es noch drastischer: Kohl fand sich im Zentrum eines Parteispendenskandals wieder, dessen abgründige Details bis heute ungeklärt sind.
Insofern verlangt dieses eindrucksvolle Beispiel politisch-historischer Dialektik nach nuancierteren Details einer großen Biografie – auch wenn dabei manch eine Verklärung auf der Strecke bleibt.
Kohl ist eine einzigartige Verkörperung von Geschichte: Er denkt in historischen Bildern, Symbolen und Vergleichen; er kennt die historische Bedeutsamkeit seiner Leistungen, doch er hält jeden Hinweis auf Fehler und Defizite für eine Geschichtsverdrehung, üble Verunglimpfung und Manipulation. So sah er sich bereits kurz nach seiner Abwahl gezwungen, seine eigene Geschichte zu schreiben. Er investierte alle Kraft, um sein eigenes politisches Denkmal zu meißeln, obwohl er früher ähnliche Politikerversuche der Selbstheiligung mit Häme und herber Kritik zu begleiten pflegte.
Der junge Kohl erlebte Krieg, Nationalismus, Not, Flüchtlingselend. Daraus wuchs für ihn ein geradezu unstillbarer Hunger nach neuer Politik – nach Gestaltung und Führung. Freiheit, Europa, Antisozialismus, Nation – diese wenigen Grundbegriffe seiner politischen Überzeugungen trugen ihn durch die Jahrzehnte. Der Rest ist ein feines Gespür für die politische Ratio sowie das geradezu perfekte Spiel auf der Klaviatur machiavellistischer Instrumente. Früh drängte er in Führungsämter der CDU. Er attackierte den verkrusteten Honoratiorengeist der Altvorderen und vermied keine riskante Kandidatur, da selbst Niederlagen auf der Karrieretreppe hilfreich sein konnten. Im Jahr 1966 drängte er Peter Altmaier aus seinen Ämtern als Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender in Rheinland-Pfalz, ohne dass es zu einem spektakulären Bruch in der Öffentlichkeit kam. Altmaier hatte versucht, den jungen Bundestagsabgeordneten Egon Klepsch zum Nachfolger aufzubauen. Kohl schob ihn zur Seite. Klepsch hatte nur noch eine Chance, indem er in das Europäische Parlament abwanderte, wo er dann als EVP-Fraktionsvorsitzender und schließlich Präsident des Parlaments zu einer Schlüsselfigur wurde.
Kohl setzte einen ungewöhnlich ausgeprägten Führungswillen um, indem er gezielt und mit langfristiger Absicht Personen seines Vertrauens an den Knotenpunkten der Macht platzierte. Kein anderer Politiker hat in Deutschland ein solch umfassendes Netz an Loyalitäten und Zweckgemeinschaften geschaffen und gepflegt. Der „schwarze Riese“ ist schon in den sechziger Jahren fest entschlossen, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Daher band er politische Talente ein, die über den engen Horizont seiner politischen Provinz hinausreichten. Männer wie Bernhard Vogel, Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Johann Wilhelm Gaddum sollten ihm behilflich sein. Sein Netzwerk der Macht beruhte auf Loyalität und Treue der anderen. Ihn selbst hinderte es nicht, seinen fördernden Schutz immer wieder mit großer Kühle zu entziehen. Ein interessantes Beispiel bot Bernhard Vogel. Er wurde von Kohl warmherzig als engster Studienfreund gepriesen, als kongenialer Gefährte mit großer politischer Potenz und eindrucksvollem intellektuellen Horizont gelobt. Aber Kohl zögerte nicht, sich gegen Vogel zu stellen, als seine Nachfolge in den Ämtern des Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden anstand. Im Auftrag ihres Mentors Kohl versuchten Heiner Geißler und Johann Wilhelm Gaddum Vogel den Weg zu verbauen – ohne Erfolg, Bernhard Vogel setzte sich durch.
Das Kanzleramt verlor Kohl nie aus dem Auge. Alles, was er unternahm, galt diesem einen Ziel: 1973 wurde er CDU-Bundesvorsitzender, 1976 Kanzlerkandidat, bei der Bundestagswahl 1976 erzielte die Union ein Spitzenergebnis von 48,6 Prozent, und doch blieb für Kohl nur der Platz des Oppositionsführers im Bundestag – aber dann erreichte er sein Lebensziel schließlich doch nur, weil die FDP die sozialliberale Regierung mit Helmut Schmidt aufkündigte. Am 1. Oktober 1982 wurde er Bundeskanzler.
Seine Karriere stand allerdings jahrelang im Zeichen eines dramatisch anhaltenden Machtkampfs mit dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß.
Strauß verband seine bayerische Verwurzelung, seinen barocken Lebensstil mit einem großen Talent weltpolitischer Analyse und umfassender historischer Strategie. Aus seiner Sicht fehlte Kohl der strategische Blick auf die Weltpolitik – und damit die wirkliche Qualität eines Spitzenpolitikers. Kohl blieb diese Art der Geringschätzung nicht verborgen.
In seinen Augen fehlte Strauß das wirkliche Gespür für das Äquilibrium der Macht. So entwickelte sich zwischen beiden eine Art Hassliebe. Beide brauchten einander zum bundespolitischen Erfolg, sie mussten miteinander zurechtkommen, lehnten den anderen aber doch als unbegabt, unzuverlässig und unkalkulierbar ab. Kohl musste, bevor Strauß in seine Kanzlerkandidatur einwilligte, den Bayern schriftlich als den eigentlich geeigneten Kandidaten bezeichnen – eine Demütigung, die er nie vergaß. Strauß wiederum musste seinen aberwitzigen Beschluss von Kreuth, die Fraktionsgemeinschaft aufzukündigen, zurücknehmen, weil Kohl sich durchgesetzt hatte – was er dem Pfälzer auch nie verzieh.
Als Strauß dann die Spitzenposition Kohls weiter infrage stellte, verzichtete Kohl selbst auf eine Kanzlerkandidatur für 1980. Er schlug vielmehr den Ministerpräsidenten Niedersachsens Ernst Albrecht vor, der allerdings in der Bundestagsfraktion gegen Strauß unterlag. Der eigentliche Verlierer hieß Helmut Kohl. Am Tag der Entscheidung konnte Kohl erstmals die Kälte der Macht angesichts einer Niederlage an sich selbst erleben: Sein sonst mit Abgeordneten geradezu überfülltes Büro blieb leer. Der Opportunismus von Karrieristen seiner Partei verwies ihn in die politische Einsamkeit. So konnte er in jenen Tagen an seinem Schreibtisch den abgenutzten, kleinen Terminkalender mit Tesafilm reparieren.
Dennoch reagierte er strategisch geschickt und stellte sich sofort in ostentativer Loyalität hinter Strauß. Sein Kalkül war zutreffend. Er hatte bereits seit Jahren mit dem FDP-Vorsitzenden Genscher Gespräche über einen Koalitionswechsel geführt. Für die FDP war dies nicht mit einem polarisierenden Kanzlerkandidaten Strauß möglich, sondern erst nach dessen absehbarem Scheitern gegen den populären Helmut Schmidt.
Für diese Zeit nach Strauß würde es nur einen Kandidaten der Union geben können: den Partei- und Fraktionsvorsitzenden Kohl. Genau so kam es. Am 1.Oktober 1982 wurde er durch ein konstruktives Misstrauensvotum Nachfolger von Helmut Schmidt. Doch auch mit solch einer großen Zäsur war der Kampf der politischen Größen nicht beendet. Strauß bestand auf sofortigen Neuwahlen. Offiziell argumentierte er mit der Legitimation des neuen Kanzlers. Faktisch aber wollte er die FDP abstrafen, die ihn ja 1980 nicht unterstützt hatte. Bei sofortiger Wahl nach dem Partnerwechsel wäre es der FDP kaum gelungen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. Es wäre das politische Ende jener Partei gewesen, der Kohl seine Kanzlerschaft verdankte. Also war er konsequent und entschied sich gegen Neuwahlen. Schließlich war er, wie vom Grundgesetz vorgesehen, in sein Amt gekommen. Am Ende des scharfen Disputs einigten sich Strauß und Kohl auf einen Kompromiss. Neuwahlen ja – aber erst im Frühjahr 1983. Aus Kohls Sicht war damit für die FDP Zeit gewonnen, neue Anhänger zu binden. Er sollte recht behalten. Bis heute steht in allen Geschichtsbüchern das Ammenmärchen, beiden Matadoren sei es nur um die angemessene Legitimation der Kanzlerschaft gegangen.
Aber die trickreichen Konfliktspiele zwischen den beiden Spitzenpolitikern gingen weiter. Die DDR brauchte 1983 frische harte Devisen. Sie hatte bereits bei der Regierung Schmidt um einen Milliardenkredit gebeten. Angesichts möglicher parteipolitischer, konservativer Vorbehalte gegenüber einer SPD/SED-grundierten Kooperation wagte Schmidt diesen Schritt nicht mehr. Kohl nahm die Herausforderung an. Er beauftragte Strauß mit den Geheimverhandlungen um die Bürgschaft eines Milliardenkredits für die DDR. Dass diese Stabilisierung der DDR insbesondere die bürgerlichen Kreise des Landes aufbringen würde, war Kohl klar. Ihr Unmut sollte aber Strauß treffen. Kohl wusste natürlich, dass derlei Gespräche mit der DDR die Eitelkeit von Franz Josef Strauß befriedigen würden. Alle Erwartungen traten ein: Strauß verhandelte mit den Kommunisten, und er wurde dafür von seiner Partei, der CSU, bei der nächsten Vorstandswahl mit dem schlechtesten Parteitagsergebnis abgestraft. Nach der Wende stellte sich heraus, dass sein Verhandlungspartner Alexander Schalck-Golodkowski Oberst der Stasi war und seinen Chef Erwin Mielke über jedes Treffen informierte – mit Hinweis auf allerlei Gastgeschenke, die an den CSU-Chef geflossen waren.
Bei allen spannungsreichen Erfahrungen hatten beide Parteiführer aber auch Spaß an gemeinsamen Wegen der Lebensfreude. Lange Wanderungen gehörten dazu. Strauß führte bei solchen ausführlichen Begegnungen Protokoll, manchmal auf Bierdeckeln, während einer Einkehr in Gaststätten. Er wollte vermeiden, dass Kohl die Gesprächsergebnisse stillschweigend verdrängen würde. Iregendwann jedoch kam Strauß zu der Erkenntnis: „Bisher dachte ich, er braucht solche Erinnerungsstücke, damit er sein Wort nicht bricht. Jetzt aber glaube ich, er kann sich wirklich nicht mehr erinnern.“
Ohnmächtig musste er zusehen, wie Kohl an ihm vorbei in die CSU hineinregierte. Vieles hatte er bereits mit dem CSU-Vize Friedrich Zimmermann oder mit CSU-Bundesministern wie zum Beispiel Ignaz Kiechle vereinbart, bevor es Strauß zu Ohren kam.
Kohls Netzwerkarbeit galt nicht nur der Innen- und Parteipolitik. Er handelte mit gleichen Maximen auf der Bühne der internationalen Politik. Diese kunstvolle Fähigkeit kam ihm beim Prozess der deutschen Einheit, dem Höhepunkt seiner Laufbahn, zugute.
Rückblickend wird die Geschichte der Deutschen Einheit von manchen Akteuren je nach eigener Rolle verschönt. Die Weitsicht der Akteure wird in einem verklärenden Licht gepriesen. Die harte Realität war anders. Denn eigentlich war Kohls Regierung 1989 in einer Endphase. Ihr Aufbruchspathos von der „geistig-moralischen Wende“ nach 1982 war längst erschöpft, Genscher suchte für eine neue Koalitionsbildung neue Horizonte – dann fiel die Mauer und die deutsche Einheit war zu gestalten. Leichtathleten nennen das im Langstreckenlauf „die zweite Luft“. Unerwartete Energien stellen sich plötzlich wieder frisch ein. Das galt auch für den Politiker Kohl. Er konnte erneut sein taktisches Geschick entfalten. Es galt nun die Netze von Loyalitäten und Zweckgemeinschaften für die Einheit Deutschlands und Europas einzusetzen – nicht mehr bloß für Gefolgschaftstreue in der eigenen Partei. Kohls Technik der Machtausübung kam den Beobachtern des Einheitsprozesses in jenen entscheidenden Momenten merkwürdig bekannt vor. Das politische Gegenüber war nun nicht mehr der Nachbar, Parteifreund oder Gegner, sondern der amerikanische oder französische Präsident, die britische Premierministerin oder der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow.
Amerikanische Senatoren überzeugte er, indem er seine Erfahrung beim Sonntagskaffee auf seiner Oggersheimer Terrasse mit amerikanischen Tieffliegern dramatisch mit der Kaffeetasse klappernd vorführte. Allerdings war bei der britischen Premierministerin Margret Thatcher Kohls Gemütstheater wirkungslos: Das Verhältnis zwischen beiden blieb angespannt. Sie verstanden sich nie.
Maggi Thatcher blieb wie ihr italienischer Kollege Giulio Andreotti gegen das Oggersheim-Virus immun.
Die Bundesregierung war weder auf den Mauerfall vorbereitet, noch hat sie anschließend sofort das strategische Ziel der Einheit präzise angesteuert. Vielmehr setzte die Bundesregierung nach dem Mauerfall zunächst auf die Stabilisierung der DDR. Das wurde während des Treffens mit Lech Walesa am 9.November 1989 in Warschau – vor Beginn des offiziellen Besuchsprogramms in Polen – besonders deutlich. Bei der Gelegenheit forderte Walesa den Bundeskanzler auf, konkrete Vorbereitungen für den Fall der Mauer zu treffen. Die Reaktion der deutschen Seite signalisierte dem polnischen Arbeiterführer, dass man ihn wohl nicht für voll nahm angesichts solch irrealer Fantasien. Nun sei er wohl völlig durchgeknallt, meinten die deutschen Gäste. Wenige Stunden später fiel die Mauer.
Alsbald geriet die Regierung Kohl unter Druck, weil die neue DDR-Regierung unter Modrow schnell ein Konzept vorlegte, das mit der Schaffung einer Vertragsgemeinschaft durchaus einen attraktiven Slogan besaß. Kohl reagierte mit dem berühmten Zehn-Punkte-Plan vom 28.November 1989. Er erklärte später auch die Gründe, warum er dieses Konzept mit niemandem abgestimmt habe. Lediglich den amerikanischen Präsidenten habe er vorab informiert. Was Kohl offenbar bis heute nicht bekannt ist: US-Präsident George H.W.Bush hat diese Information keineswegs vorher erhalten. Ein Mitarbeiter im Weißen Haus hatte augenscheinlich die Brisanz der Unterlagen nicht erkannt und sie auf seinem Schreibtisch liegen gelassen. Schließlich enthielt die Rede im Wesentlichen ja Versatzstücke aus bekannten Dokumenten (Grundgesetz, Gipfelerklärungen, KSZE-Schlussakte) und war auch sonst betont offen formuliert. Die Bedeutung erhielt das Dokument nur dadurch, dass all jene Elemente, die früher bloß rhetorische Lippenbekenntnisse waren, sich nun zur operativen Politik fügten.
Erst seit seinem später historisch genannten Besuch in Dresden (19.Dezember 1989) agierte Kohl zielgenau auf die deutsche Einheit hin. Da wurde parteipolitisch, innenpolitisch und international dynamisch agiert. Eine kleine Nuance beleuchtet Kohls historisch gebildete Denkweise: Konrad Adenauer hatte bei seinem Besuch 1955 in Moskau, um die Freilassung deutscher Kriegsgefangener zu erreichen, mit dem vorzeitigen Abflug gedroht. Genau das tat Kohl gegenüber Gorbatschow im Juli 1990 auch. Als er bei seinem Besuch in Moskau in Gorbatschows Heimat fliegen sollte, waren die Standpunkte zur Bündnisfrage „letztlich doch unvereinbar“. Kohl kopierte nun den alten Fuchs Adenauer. Er wollte nur im Falle einer Einigungsbereitschaft Gorbatschows in den Kaukasus fliegen. Gorbatschow sagte knapp: „Wir sollten fliegen.“
Als sich die Möglichkeit zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas bot, hat Helmut Kohl seine strategische Begabung voll entfaltet.
Angesichts dieser Positivbilanz darf man aber auch nicht die Schattenseite seiner Strategie aus den Augen verlieren: sein Desinteresse an den ökonomischen Dingen. Er kümmerte sich nicht um die wirtschaftlichen Details. Da delegierte er das Handeln an Bundesbankvizepräsident Hans Tietmeyer – den Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl in misstrauischer Distanz umgehend –, aber auch an Bundesfinanzminister Theo Waigel und an den damaligen Finanzstaatssekretär Horst Köhler. Historiker wundern sich, dass sich auf den vielen Akten zur wirtschaftlichen Dimension des Einigungsprozesses praktisch nie die Unterschrift oder die Paraphe von Helmut Kohl findet. Dies war nicht sein Terrain. Er erfasste das Wirtschaftliche nur, soweit es die Ebene der großen, politischen Symbolik und der wahlentscheidenden politischen Wahrnehmung berührte: „Ich verspreche Ihnen blühende Landschaften.“ Der 1:1-Umtauschkurs der D-Mark war eine rein politische Größe, ohne jeden ökonomischen Realitätsbezug. Die vielen ökonomischen Folgedesaster dieser Entscheidung sind bekannt.
Als Kohls politischer Entwurf in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erfüllt war – programmatisch, national, europäisch, transatlantisch –, lehnte er sich zufrieden in seinem Sessel zurück. Doch da vollzog sich ein weiteres Drama von der Größenordnung des früheren Kampfes mit Franz Josef Strauß: der Streit mit Wolfgang Schäuble.
Es war der Stoff, aus dem bereits in der Antike die großen Tragödien gewebt waren. Zwei begabte Politiker gingen eine Verbindung ein. Sie schrieben gemeinsam Erfolgsgeschichte. Beide Talente ergänzten sich auf ideale Weise: Der eine hatte den ungehemmten Machtinstinkt, das Spürgefühl für den Pulsschlag gesellschaftlicher Seelenlagen, der andere wusste dies programmatisch präzise zu erfassen und effektiv politisch umzusetzen. Beide brauchten einander. Doch dann schlug alles um: Aus Freundschaft und Vertrauen wurden Verachtung und Hass.
Das Psychodrama zwischen Kohl und Schäuble ist einzigartig in der Nachkriegsgeschichte. Gewiss – auch das politische Ende Konrad Adenauers vollzog sich als ein Drama. Aber nicht in einer solch erbarmungslosen Form, die Zukunftschancen seiner Partei vernichtend. Vom Bundeskanzler hatten sich im Laufe der Jahre auch andere Weggefährten abgewandt – Kurt Biedenkopf, Richard von Weizsäcker, Heiner Geißler, Ernst Albrecht, Rita Süßmuth und viele andere mehr. Aber alle haben den Bruch mit Kohl nicht gewissermaßen notariell beglaubigen lassen. Sie fochten anschließend mit feinem Florett aus der politischen Kulisse heraus, hier ein gezielter Seitenhieb, dort eine ironische Nachfrage oder ein alternativer Akzent in einem programmatischen Detail.
Keiner vollzog den Bruch so öffentlich und so präzise artikuliert – ja sogar noch in Buchform für die Nachwelt festgehalten –, wie dies Wolfgang Schäuble tat. Das macht den Fall so singulär.
Das Phänomen, dass viele Weggefährten, die ursprünglich Kohl bewunderten, ihm plötzlich den Rücken zuwandten, hat einen gemeinsamen Erklärungsschlüssel. Alle hatten irgendwann das Urerlebnis, dass sie der Machtmensch Kohl um seiner eigenen Macht willen im Regen stehen ließ. Natürlich hielten sie sich alle intellektuell für hochüberlegen. Sie mussten aber schmerzhaft erfahren, dass Kohl mit einer blitzschnellen Behändigkeit, die man seinem massigen Erscheinungsbild nicht zutrauen konnte, und einer wohlkalkulierten Eiseskälte, die man hinter seiner tränenorientierten Emotionalität nicht erwartet hatte, den Weggefährten oder Ziehsohn in die politischen Messer laufen ließ.
Im Unterschied zu allen anderen aber ging Schäuble einen Schritt weiter: Er nahm den Kampf auf offener Bühne auf – und verlor. Ihm blieb nur das bittere Schlusswort: „Die Beziehung ist beendet.“
Dabei hätte er es besser wissen müssen als alle anderen. Er hätte Kohls Rochaden, Tricks und Winkelzüge früher durchschauen können und müssen als alle anderen. Denn schließlich hatte ihn Kohl bereits als jungen Mandatsträger Anfang der siebziger Jahre in das Netzwerk seiner politischen Wasserträger und in den Kreis der Wegbereiter seiner Karriere aufgenommen. Keiner der Verantwortlichen war über die Jahre enger mit den Aktionen Kohls vertraut als Schäuble – und dennoch wurde auch er von Kohl überrumpelt.
Ohnmächtig musste er feststellen, dass Kohl offenbar bereits in den Zeiten ihrer politischen Freundschaft Informationen und Materialien gesammelt hatte, die dann zu seinem Sturz führen sollten. Ohnmächtig musste er zusehen, wie Kohl – selbst mit dem Rücken an der Wand – den Aufklärer Schäuble zum Getriebenen machte.
Am Ende stand für Schäuble die elementare Erkenntnis, dass Kohl dem Erhalt eigener Macht immer den absoluten Vorrang eingeräumt hatte. Es mag verwundern, wie lange selbst ein so erfahrener und versierter Politiker wie Schäuble brauchte, um zu diesem Ergebnis zu kommen. Es gehörte wahrscheinlich zu der besonderen Kunst Kohls, in seiner Umgebung ein Gefühl wertorientierter Kampfgemeinschaft zu erzeugen, das den Weggefährten den Blick auf das eigentliche Kohl’sche Kalkül verstellte.
Den eigentlichen Schnitt am Ende des politischen Lebens Helmut Kohls vollzog dann aber eine andere Person: Angela Merkel. Kohl hatte sie als Talent der neuen Bundesländer entdeckt und gefördert. Er hatte sie zur Ministerin gemacht und ihr große Teile seines Erfahrungsschatzes vermittelt. Er hatte sie in seine politische Familie aufgenommen. Ausschließlich in seinem Windschatten lernte Angela Merkel wie in einem Crashkurs westliche Politik. Einiges fügte auch Wolfgang Schäuble noch hinzu. Angela Merkel erwies sich als geradezu atemberaubend lernfähig. Aber Kohl und Schäuble hatten nicht damit gerechnet, dass eine Naturwissenschaftlerin mit dem persönlichen Erfahrungshorizont aus der DDR gravierende Elemente kühler Unabhängigkeit bewahren würde. So vollstreckte sie nüchtern und scharf den tiefen Schnitt, als Kohl und Schäuble Schwächen zeigten. Mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung leitete sie den Sturz Kohls als Ehrenvorsitzendem der CDU ein.
Für viele ist die heutige Bundeskanzlerin in
ihren Aktionsformen, in ihrem Abwarten und ihrer Führung rätselhaft und unverständlich. Sie wird als Sphinx der Macht gesehen. Aber wer die Technik der Politik bei Kohl und Schäuble wirklich entschlüsselt hat, der weiß auch in jedem Moment, wie Bundeskanzlerin Merkel agieren wird. Kohl hat eine späte Erbin erhalten. So ist sein politisches Netz bis heute vital präsent. Und dennoch: Am 80.Geburtstag des Helmut Kohl ist mehr als nur ein Hauch von Nostalgie angemessen. |