von Michael Naumann
Reue und Buße vor Gott enthebt die weltlichen Gewalten nicht von ihren irdischen Pflichten, die Kirche muss sich nun auch ihrer säkulären Verantwortung stellen, findet Cicero Chefredakteur Michael Naumann.
Als „Kirche der Sünder und der Heiligen“ kennzeichnet der Mainzer Kardinal Karl Lehmann die Gemeinschaft aller Katholiken. Doch als verfolgende Unschuld präsentiert sich Roms Una Sancta in den Tagen ihrer ärgsten moralischen Krise seit einem halben Jahrhundert (die vatikanische Fluchthilfe für NS-Verbrecher nach 1945 ist unvergessen). Alles nur „Geschwätz des Augenblicks“ (Kardinal Sodano), alles nur „plumpe Propaganda gegen den Papst“ (Osservatore Romano)?
Mehr als 11000 Kinder wurden missbraucht von Priestern und Mönchen in den USA, 3500 waren es in Irland, und in Deutschland hat die furchtbare Aufrechnung gerade erst begonnen. Mehr als 3000 Einzelfälle lagen dem Vatikan zwischen 2001 und 2003 angeblich schriftlich vor. Josef Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, verordnete „päpstliche Geheimhaltung“. Doch die war vor staatlichen Gerichten unhaltbar – seit 2006 wiesen die amerikanischen Bistümer Entschädigungen in Höhe von bisher 1,3 Milliarden Dollar für ihre vergewaltigten Opfer an; in Irland wurde ein staatlich-kirchlicher Schmerzensgeldfonds in Höhe von 2,1 Milliarden Euro aufgelegt. In der Bundesrepublik regte die protestantische Pfarrerstochter Angela Merkel eine Entschädigungskasse an. Die zentrale Frage jedoch, die mit Geld nicht beantwortet werden kann, blieb dem Schweizer Theologen und Studienfreund Joseph Ratzingers, Hans Küng, vorbehalten: „Müsste nicht Papst Benedikt XVI. selbst sich seiner Verantwortung stellen, statt sich über eine Kampagne gegen seine Person zu beklagen?“
Bislang ungeklärt ist eine Veränderung im Codex Iuris Canonici, dem ehrwürdigen Kirchenrecht. Schon 1917 drohte jedem Kleriker, der sich an Minderjährigen unter 16 Jahren „schwer versündigt hat“, der Kirchenausschluss. Doch in seiner neuen Fassung von 1983 ist dieser Passus verwässert. Jetzt ist nur noch von „Verfehlung“ die Rede, der „gerechte Strafen“ folgen „sollen“, nicht „müssen“ – „gegebenenfalls (ist) die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen“. Als Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, dessen Augenmerk vor allem der versteinerten kirchlichen Sexualmoral galt, wird dem damaligen Kardinal Ratzinger jene Veränderung nicht verborgen geblieben sein. Eines steht jedenfalls fest: Niemand wusste seit einem Jahrzehnt mehr über die pädophilen Verbrechen im Schutz von Beichtstuhl und Sakristei als der Papst selbst.
Wer hinter der medialen Aufregung ob der Misshandlungen antiklerikale Vorbehalte vermutet, sollte bedenken, dass der Ansehensverlust der katholischen Kirche (nur noch 16 Prozent aller deutschen Katholiken vertrauen ihr) ein höchst weltliches Unternehmen betrifft. In Europa gehören ihm mehr Grundstücke und Immobilien als irgendeinem anderen Mischkonzern. Zu den kirchlichen Geschäften zählt eine vatikanische Bank, die vor Jahren in den Ruf geriet, mit der Mafia zu kooperieren. Der Verkauf von Devotionalien und Gebetsbüchern, der karitative Betrieb von Krankenhäusern, Altersheimen, Schulen und Akademien, aber auch die kostenpflichtige Teufelsaustreibung durch anerkannte Exorzisten – das Vermögen dieses ältesten Global Player der Geschichte speist sich aus großen und kleinsten Quellen. In Deutschland beschäftigt die katholische Kirche mitsamt ihren Sozialholdings über eine Million Arbeitnehmer. Ihr Reich ist auch von dieser Welt. Ihr sittlicher Traditionsschatz deckt immer noch die staatlichen Werte- und Gesetzesgerüste. Ihr moralischer Bankrott hätte gesellschaftliche Konsequenzen. Der Glaube selbst ist in Gefahr, und die stolze Weltfremdheit des Vatikans hat diese Gefahr vergrößert.
Das wahre und berührende Geheimnis der Kirche verbirgt sich nicht in ihren überholten sexualethischen Dogmen – vom Zölibat bis zum Verhütungsverbot –, sondern im christlichen Offenbarungsglauben ihrer Mitglieder. Und es stimmt ja – wer ihre Reliquienkulte, ihre weihrauchgeschwängerten Rituale oder ihren Wunderglauben belächelt, erhebt sich über den realen Trost, den diese Kirche seit Menschengedenken allen jenen anbietet, die sich in Gebet und Meditation, in größter Not und existenzieller Verzweiflung jenem christlichen Gott zuwenden, dessen „Stellvertreter“ in Rom bisweilen verehrt wird, als wäre er Gott selbst. Er ist aber nur der Dienstherr aller Kardinäle, Bischöfe, Priester, Nonnen und Mönche. Und er steht einer jahrtausendealten Institution vor, die der große katholische Theologe Karl Rahner einmal als „keusche Hure“ bezeichnet hat. In einer vatikanischen Kapelle bekannte sich der Papst – vielleicht im Sinne dieses harten Titels – am 15.April erstmals in klaren Worten zu den eigenen Sünden: „Wir Christen haben auch in jüngster Zeit oft das Wort Reue vermieden, weil es uns als zu hart erschienen ist. Aber jetzt, unter den Angriffen der Welt, sehen wir, dass es eine Gnade ist, Buße tun zu können. Und wir sehen, wie notwendig es ist, Buße zu tun und zu erkennen, was falsch ist in unserem Leben.“ Reue und Buße vor Gott enthebt die weltlichen Gewalten allerdings nicht von ihren irdischen Pflichten: Das letzte Wort zu den Missbrauchs-Skandalen haben die Staatsanwälte und Gerichte. Das zumindest ist den misshandelten Opfern geschuldet – und auch der Zukunft einer im Wortsinn glaubwürdigen Kirche.
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