Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Wulff kommt - ob das wohl gut geht?
zoom
Der Chefin im Nacken
von Manfred Bissinger

Einst zählte Christian Wulff zu den „Jungen Wilden“ in der CDU, die sich trauten, dem damals noch allmächtigen Dauerkanzler Kohl in die Parade zu fahren. Auch im Schloss Bellevue wäre er für die Kanzlerin ein durchaus unbequemer Präsident.

Es gehört zu den einfacheren Übungen des Journalismus, einen Politiker ins Abseits zu schreiben. Die Methode wird besonders gern dann angewandt, wenn die Zielperson auf der Karriereleiter die nächste Stufe zu erklimmen sucht – in unserem Fall gar zwei auf einmal nehmen will. So waren, als Christian Wulff zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten ausgerufen wurde, die üblichen Schmähungen schnell formuliert: Von „Christian wer?“ über „Notbehelf“, von „farblos“ über „nicht qualifiziert“ bis zum schulterklopfenden jovialen „ganz nett“.

Doch Vorsicht! Der Mann wusste bislang sehr genau, was und wohin er wollte. Und er wird sich auch diesmal nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wulff war nie einer, der gerne polarisierte. Offener Streit ist seine Sache nicht. Seine Grundbefindlichkeit kann am besten mit dem Motto des Vorvorgängers im Präsidentenamt, Johannes Rau, umschrieben werden: „Versöhnen statt spalten.“ Diese Haltung verkörpert er mit Überzeugung; anders etwa als Jürgen Rüttgers, der die Rau angeborene Noblesse und Glaubwürdigkeit zwar gerne imitierte, aber nicht ansatzweise zu leben wusste.

Mit gerade mal 50 Jahren erlebt Christian Wulff den Höhepunkt seiner Karriere. Wird er zum Präsidenten gewählt, kann er gelassen abstreifen, was auch er glaubte, inszenieren zu müssen, um ganz oben zu bleiben. Mit ihm würde auch das höchste deutsche Staatsamt einen Generationenwechsel erleben. Dabei sind ihm Niederlagen ebenso wenig fremd wie Triumphe. Zweimal ging er im Kampf um die Staatskanzlei gegen den übermächtigen Gerhard Schröder unter; aus dieser Zeit stammt die Erkenntnis, kein Alphatier sein zu wollen. Das Amt des Ministerpräsidenten, als es endlich errungen war, hat ihn gelassen und souverän werden lassen. Es wurde zum Basislager seiner politischen Karriere.

Zuvor hatte er sich als „junger Wilder“ noch ordentlich ausgetobt. Er zeigte Mut vor Königsthronen, als er Ende der neunziger Jahre den damals noch übermächtigen Helmut Kohl ultimativ aufforderte, nur ja nicht noch einmal zu kandidieren. Als Kohl dann krachend verlor, versagte er sich das Triumphgeheul. Der Säbel ist nicht sein Werkzeug, er liebt das Florett.

Führungsqualitäten offenbarte er auch als Minderheitengesellschafter von VW. Konsequent paktierte er mit den Arbeitnehmern (sein Vater war Sozialdemokrat) und ließ sich auch von seinen Parteifreunden nicht davon abbringen, die gesetzlich verankerte Sperrminorität zu verteidigen, die dem Land Niedersachsen ein Vetorecht in allen wichtigen Entscheidungen des Konzerns sichert. Selbst die Brüsseler Juristen ließ er ins Leere laufen. Seine Scheu vor Großmannssucht half ihm wenig später, das Porschewunder Wendelin Wiedeking zu entzaubern und den Supermanager aus der Führungsetage zu drängen. Die VW-Werker werden es ihm nie vergessen.

Christian Wulff war und ist ein Mann der Mitte, effektiv und strebsam. Härte zeigt er erst, wenn er den Kompromiss schon vor Augen hat. Er lebt und handelt in einer auf ihn maßgeschneiderten liberal-konservativen Wertewelt. Die gebot ihm, als erster deutscher Regierungschef eine Muslima als Ministerin zu berufen und eine Ostdeutsche in einem westdeutschen Kabinett zu verankern.

Integrationspolitik auf Wulff’sche Art. Der Berufspolitiker ist einer, der selten zu weit vorausläuft, seine Anhänger sollten ihn nie aus den Augen verlieren. Er kann Fehler eingestehen und sogar Erfolgen des politischen Gegners Respekt erweisen. So lobte er die fulminante Lebensleistung seines Konkurrenten Joachim Gauck und zollte ihm öffentlich Beifall. Auch in dem Wissen, dass dieser mehr als ein Zählkandidat war.

Christian Wulff könnte ein nachhaltiger Bundespräsident sein. Ist er erst mal gewählt, wird er sicher zwei Perioden im Amt bleiben. Wie sich überhaupt alles Wichtige in seinem Leben zwei Mal ereignete: Die Niederlage gegen Schröder, die Wahl zum Ministerpräsidenten, er heiratete zweimal und wurde zweimal Vater.

Im Übrigen sei all denen widersprochen, die jetzt eilfertig postulieren, Angela Merkel habe sich ihres letzten Widersachers entledigt. Das Gegenteil könnte der Fall sein. Wulff tritt ja nicht ab, wie es Merz, Koch und Köhler getan haben und Ole von Beust wie Peter Müller demnächst tun werden, der Niedersachse verbessert seine Machtbasis gegenüber der Kanzlerin nachhaltig. Bisher war er einer von 16 Provinzfürsten und einer von vier Parteistellvertretern. Im Schloss Bellevue säße er der Chefin zum ersten Mal im Nacken.

Wer ihn kennt, weiß, dass er damit nicht leichtfertig umgehen wird. Doch wenn er es eines Tages für notwendig erachten sollte, dann wird er seine Möglichkeiten nutzen. Die Daumenschrauben des Bundespräsidenten können sehr schmerzhaft sein.

Christian Wulff würde das Schloss Bellevue zur Zentrale des gesunden Menschenverstandes ausbauen. Ihm wird ja gerne vorgehalten, dass er auf Volkes Stimme hört, oder bösartiger noch, dass er schon mal Positionen an dieselbe anpasst. Aber ist das wirklich so schlimm? Joachim Gauck, sein Kontrahent, hat diese Frage gerade abschließend beantwortet: „Dies ist der Staat der Bürger und nicht der der Parteien.“


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Juli 2010

» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Leserkommentare
Karl (49808 Lingen) 02.07.2010
Merkel sollte abtreten +den Stab an einen Nachfolger geben... nur hat sie ja keinen der ihr nachfolgen könnte. Sind ja alle ,,weggebissen,, worden.
Was´n Pech auch!
David_ (Berlin) 01.07.2010
„Dies ist der Staat der Bürger und nicht der der Parteien.“

Wie gesagt nichts persönliches gegen Wulff.

Aber.

Die Beeinflussung der WahlmännerInnen zwischen den Wahlgängen grenzt schon an Gehirnwäsche und Erpressung.

Trotz alledem haben sich 22 Personen aus dem Regierungslager nicht umbiegen lassen.

Respekt!

.

Ein fahler Geschmack bleibt.

"Bei der Präsidentenwahl geht es um mehr als nur um ein Amt oder eine Person.

Der immer trotzigere Versuch, eine Politik von gestern zu bewahren.

Wie ein Dinosaurier torkelt der Staat seinem evolutionären Ende entgegen.

Wie lange lassen sich die Bürger das noch gefallen?

Unsere Demokratie wird nicht mehr reflektiert.

Haben wir sogar die Politiker, die wir verdienen?"

mehr unter ...

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-703254,00.html

.
Helmut Koslowsky (40878 Ratingen) 01.07.2010
Ob Herr Bissinger auch nach der dürftigen Antrittsrede des C.W. ein solches Portrait, in dem die 'tertiär'-Tugenden treffend beschrieben wurden, verfassen würde. (DerVergleich mit Johannes Rau ist ja völlig daneben.) Mir grault schon vor der Neujahrsansprache. H. K.
Marco Newhill (London, Paris) 30.06.2010

Ich sehe das ähnlich wie unser neuer Prime Minister Cameron in London.

"Chancellor Merkel should think about to resign".

Die Präsidenten-Wahl ist für Merkel eine ähnlich Schmach wie die 3-Lions Niederlage gegen DFB.
Eva Maria Lyndon (London) 30.06.2010
Ich sehe das so.
Die Wahl ist nicht gegen die CDU sondern gegen Merkel gerichtet. Ein Merkel Abschied wäre notwendig, ein Wechsel der bessere Weg für Deutschland.
EVA Dittrich (Altötting, Westheim) 30.06.2010
Respekt vor der Bundesversammlung. Da gibt es viele mutige Leute. Wir brauchen einen Präsidenten als Vordenker für die jeweilige Regierung. Das kann Gauck. Ein Schritt in die richtige Richtung unserer so schwierigen Zeit. Danke.
David_ (Berlin) 30.06.2010
14:50 30.06.10

Die Demokratie lebt!

Sogar im Bundestag!

Sogar in der FDP/CDU!

"Wahl des Staatsoberhaupts.

Wulff fällt im ersten Wahlgang durch."

Das Abendland ist noch nicht am Ende!

Was für ein Glück!

.

David_ (Berlin) 30.06.2010
Gegen Wulff gibt es nichts prinzipielles einzuwenden!

Aber.

Gauck wäre ein Signal an den Osten und an die politikverdrossenen im ganzem Land.

Netter Revolutionär vs. Netter Schwiegersohn.

Zur Zeit der "Völlerei" wäre der Nette Schwiegersohn eine angenehme Begleiterscheinung des allgemeinen glücklichen Umstandes.

Zur Zeit des "durch die Banken und seine MitarbeiterInnen verursachten globalen Ruins" und den damit einhergehenden Verfall der sozialen Systeme bei parallelem ansteigenden Reichtum der Verursacher und ihrer Nutzniesser, halte ich seine Wahl für kontraproduktives Signal an die Mehrheit des Wahlvolkes.

.

Die Frage ist jetzt hat die FDP/CDU die theoretisch jetzt bei den Wahlen bei 37% liegen würde das moralische Recht ihren Kandidaten durchzudrücken!?

Jeder Abgeordnete hat ein Gewissen.
Jeder Abgeordnete unterliegt insgeheim dem Fraktionszwang - sonst fliegt aus der Liste der demnächst Versorgten.

Ein wirkliches Dilemma!

Aufbruch oder weiter so.

Verstand (verbunden mit einem unangenehmen Leben)
oder
Gehorsam (verbunden mit einem angenehmen Leben)?

Heute zur späten Abendstunde sind wir klüger!

Und die Demokratie?

.

(diese!) FDP bei 3%

.
Wolfgang Schäfer () 30.06.2010
"... das Schloss Bellevue zur Zentrale des gesunden Menschenverstandes ausbauen."

Ein sehr schöner Satz! Möge ihm das in einem Meer aufgeblähter Wichtigtuerei gelingen.
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Berliner Republik als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Artikel aus
Ausgabe Juli 2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft

Manfred Bissinger
Manfred Bissinger war unter anderem Chefredakteur der Woche. Er ist Geschäftsführer des Buchverlages Hoffmann und Campe.


"Ich liebe die Stille"
mehr lesen
"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Weltbühne
„Die Kontrolle Irans geht weiter“
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Kapital
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Bankenretter wider Willen
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Meschugge in Manhattan
mehr lesen
Leinwand
"Ich liebe die Stille"
mehr lesen
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
Netzstücke
Der letzte Tatort aus Frankfurt
mehr lesen
Ein Jahr nach dem Luftschlag
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben