von Frank A. Meyer
Gestern hui! Heute pfui! Am liebsten pfui. Frank A. Meyer über katastrophensüchtige Medien und die konservativ-rektionäre Aussaat im deutschen Unterbewusstsein.
Auf der Titelseite der Bild am Sonntag führte die Euphorie über den Sieg von Lena (Meyer-Landrut) am „Eurovision Song Contest“ zu einem Reim-Unfall: „Piep, piep, piep, Europa hat uns lieb.“
Dass es bei Boulevardjournalisten piept, wenn ein Schlagersternchen piepst, ist nichts Ungewöhnliches. Doch auch über die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), sonst knochentrocken und auf Distanz bedacht, wenn’s um Populärkultur geht, kam der Geist der großen kleinen Hannoveranerin: „Nach 28 Jahren führt sie unser Land zum lang ersehnten Ziel …“
Lena führt Deutschland? Zum Ziel? Die FAZ verstieg sich in ihrer Lenamania sogar zu der Bild-würdigen Schlagzeile: „Du bist Deutschland.“
An jenem glücklichen Montag piepte es in ganz Deutschland.
Doch das „Sommermädchen“ (FAZ) wärmte die deutsche Seele nur zwei Tage lang. Am Dienstag war wieder Winterzeit. Der Berliner Kurier titelte: „Gute Nacht, Deutschland!“ und fragte erschüttert: „Wie schlimm steht es um ein Land, dem der Präsident wegläuft?“
Durch einen visuellen Vergleich mit dem Rücktritt Bismarcks im März 1890 verlieh Die Welt Horst Köhlers Abgang historische Weihen. Damals zeigte eine berühmte Zeitungskarikatur den Reichskanzler als Lotsen, der das Schiff „Deutschland“ verlässt. Die Welt aktualisierte die Zeichnung und zeigte Köhler als Bismarck.
Die deutschen Medien gebärdeten sich, als sei das Land bis zur Wahl eines Nachfolgers führungslos.
Lena der Triumph, Köhler das Desaster. Beide Ereignisse völlig überkandidelt inszeniert. Ist das Deutschland?
Keine europäische Nation trägt das Herz so sehr auf der Zunge, keiner anderen steht die Gemütslage so sehr ins Gesicht geschrieben wie Deutschland. Gestern hui! Heute pfui! Am liebsten pfui.
In der Sprache der Psychiatrie nennt man das Phänomen manisch-depressiv.
Angela Merkel hat den Deutschen jüngst aus Arabien ihren stets ruhelosen Zeigefinger mahnend unter die Nase gehalten. Sie lobte die Innovationsfreude der Golfstaaten und forderte ihre Landsleute von ferne dazu auf, sich ein Beispiel an deren wirtschaftlicher Dynamik zu nehmen: „Deutschland muss sich sputen.“
Muss es das? Im Wüstensand rappeln sich endlich einige Scheichs dazu auf, ihre Ölgelder nicht zu verprassen, sondern in sinnvolles Wirtschaften zu investieren – mit wechselndem Erfolg, wie Dubais größenwahnsinnigen Pleite-Projekte zeigen. Im Übrigen herrschen dort weiterhin Despoten, ist Männerherrschaft über rechtlose Frauen weiterhin Alltag.
Arabien, am Anfang vom Anfang einer späten, einer verspäteten Entwicklung – das soll ein Vorbild für Deutschlands Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Forscher, für Deutschlands demokratische Politiker sein?
Doch auch die obskursten Vergleiche sind willkommen, wenn sie nur der deutschen Selbstgeißelung dienen.
Die Deutschen stellen Spitzenprodukte für den Weltmarkt her, von Hochspannungsmotoren über Dampfturbinen bis zu Brennstoffzellen. Die deutsche Maschinenindustrie ist Weltklasse. Deutsche Autos sind Kult. Deutsche Wind- und Solarkraftwerke weisen international den Weg in die Zukunft der Energieversorgung. Deutsche Medizintechnik ist global gefragt, deutsche Pharmaprodukte ebenso. Deutsche Entwicklung und Fertigung genießen den Ruf ultimativer Zuverlässigkeit, deutsche Serviceleistungen nicht minder.
Die hoch innovative Realwirtschaft der größten europäischen Industrienation stützt sich auf Weltunternehmen und Tausende mittlere und kleinere Firmen, die Kunden auf allen Kontinenten beliefern.
Die hoch wettbewerbsfähige deutsche Realwirtschaft stützt sich auch auf Gewerkschaften und Arbeitnehmer, die sich der wirtschaftlichen Vernunft verschrieben haben – bis zu der schieren Unvernunft, dass ihre Lohnzurückhaltung in Konsumverzicht umschlägt und den Binnenmarkt abwürgt.
Doch Deutschland ist noch viel mehr als seine Wirtschaft. Es ist ein Land der Städte, die mit ihren Bildungs- und Kultur-Infrastrukturen einen modernen, urbanen Reichtum pflegen, der weltweit seinesgleichen sucht.
Richtig: Es gibt auch Probleme – viele sogar und auch ein paar große. Aber die Substanz ist da. Quirlig. Lebendig. Vorwärtsgewandt.
Gute Nacht, Deutschland? Nur weil in der wohl modernsten Demokratie der Welt ein Bundespräsident zurücktritt, nur weil eine Repräsentationsfigur das Rednerpult verlässt?
Woher diese Lust am Lamento, dass alles schlechter sei als gestern? Dass alles noch schlechter werde als heute?
Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von den Deutschen verschuldet, auf die Deutschen zurückgefallen, ziehen immer noch als dunkle Wolken über die verzagte deutsche Seele: Urangst als Lebensgefühl – als Überlebensgefühl.
So wird jeder Flügelschlag eines Schmetterlings zum Orkan hochgejazzt. Allen voran von Medien, die katastrophensüchtig der Formulierung verfallen sind: „Es droht …“
Irgendetwas droht in Deutschland immer. Jede Geschichte droht ihre schlimmstmögliche Wendung zu nehmen, ganz nach dem dramatischen Prinzip des Schweizers Friedrich Dürrenmatt. Und wenn die schlimmstmögliche Wendung nicht eintritt, dann wurde sie wenigstens prophezeit.
Horst Köhlers Rede zu den vorzeitigen Neuwahlen, die Gerhard Schröder 2005 ansetzte, war so ein dramatischer Appell in düsterster Stunde: „Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel.“
Im Licht der Finanzkrise wirkt die damals schon groteske Prophetie des frisch gewählten Bundespräsidenten nur noch lächerlich. Und fast so unerwachsen wie sein beleidigter Rücktritt mitten in den Euro-Wirren.
Doch das ist Deutschland.
40 Jahre lang sah sich die Bundesrepublik bevormundet von den USA und misstrauisch beäugt von ihren europäischen Nachbarn. Das bedeutete Belastung und Belästigung, aber auch Zuwendung, irgendwie sogar Nestwärme. Seit 1989 jedoch muss der Bundesadler selber fliegen, schlimmer noch: ganz alleine fliegen. Freiheit zwar, aber auch Liebesentzug.
Deutschland freut sich nicht einfach, wenn etwas gelingt. Nein, Deutschland kocht gleich über im Glücksrausch. Gestern: „Wir sind Papst“, heute: „Wir sind Lena“!
Entsprechend ist, was schiefgeht, nicht einfach Pech, sondern immer gleich Schicksal: Da geht Deutschland unter, weil ein nervenschwacher Bundespräsident seinen Hut nimmt.
Die Deutschen haben Oswald Spengler hervorgebracht, den konservativen Untergangspropheten; sie haben Carl Schmitt hervorgebracht, den demokratiefeindlichen Lobredner des Ausnahmezustandes; sie haben Martin Heidegger hervorgebracht, den Meister der raunenden rechten Philosophie. Lange Zeit fühlte sich die romantisch beseelte Nation erst im Dämmer solchen Denkens ganz bei sich.
Diese konservativ-reaktionäre Aussaat keimt im deutschen Unterbewusstsein immer noch nach. Das ist auch das Problem der Deutschen mit ihrer Demokratie: Sie genügt nie ganz. Sie ist zu undramatisch. Zu bürgerlich.
So beeilen sich denn die Medien, Ersatz zu schaffen für die einst so eindrucksvollen Taten und Untaten: Mit unbändiger Quotenlust vergrößern sie mäßige Auftritte und Abtritte zum großen Geschehen der kleinen Gegenwart.
Lena und Köhler: Glückliches Deutschland!
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