von Ursula Weidenfeld
Die Barmer Ersatzkasse ist die größte Krankenkasse Deutschlands. Mit einem Umsatz von 22 Milliarden Euro, 20000 Beschäftigten und 8,5 Millionen Versicherten ist sie eine Großmacht auf dem Gesundheitsmarkt. An der Spitze steht die neue Chefin Birgit Fischer
Sie ist SPD-Politikerin. Seit Januar ist sie Chefin der Krankenkasse Barmer GEK. Mit diesen Eigenschaften gilt sie als die geborene Frontfrau im Widerstand gegen die Reformpläne des liberalen Gesundheitsministers Philipp Rösler. Der will die Kopfpauschale als neues Beitragsberechnungsprinzip für die Pflichtversicherten einführen. Die lebhafte Mittfünfzigerin Birgit Fischer ist dagegen. Ihr neues Amt, ein reiner Verwaltungsposten, in dem sie nur das Geld der Versicherten vernünftig und effizient einsetzen soll? Mitnichten. Sie habe sich schließlich nicht aus der Politik verabschiedet, als sie 2007 zuerst auf den Stuhl der Vizechefin der Barmer Ersatzkasse wechselte, um dann mit Beginn dieses Jahres den Vorstandsvorsitz der vereinigten Barmer und Gmünder Ersatzkasse (GEK) zu übernehmen. Sie mache dieselbe Sache – Gesundheitspolitik – „jetzt in der Praxis und in anderer Funktion“, sagt sie. Nach wie vor sitzt sie im Präsidium der SPD Nordrhein-Westfalens und im Parteivorstand der Bundes-SPD.
Rösler bekommt das zu spüren. Zwei Drittel der gesetzlich Versicherten würden mit der Kopfpauschale abhängig von Transferzahlungen des Staates, sagt Fischer. 20 Milliarden Euro müssten jährlich aus der Steuerkasse ins Gesundheitssystem fließen, rechnet sie vor.
Gesundheitsversorgung nach Kassenlage sei die Konsequenz, politisiert sie. Fischer, die sich selbst als uneitel und pragmatisch beschreibt, lässt es zu, dass sie zur außerparlamentarischen Oppositionsführerin stilisiert wird. Beworben hat sie sich nicht um diese Rolle. „Trotz mancher Unterschiede in der Sache kommen wir miteinander aus“, sagt sie. „Die bestmögliche Lösung für das Gesundheitssystem zu finden, das wollen wir beide.“ Auch wenn die Ansichten über das, was bestmöglich ist, meilenweit auseinanderliegen.
Er will eine neue Art der Finanzierung. Sie will die alte. Er will die Forschung in der pharmazeutischen Industrie stärken, Apothekern und Fachärzten eine gute Perspektive geben. Sie will Rabattverträge von der Pharmaindustrie, die Hausärzte stärken, und eine Politik streng aus der Sicht der Versicherten. Angst vor Streit hat diese Frau nicht.
Dass sie sich jetzt mit den großen Mitspielern im Gesundheitssystem anlegt, ist für die Frau mit dem praktischen Haarschnitt nur folgerichtig. „Es liegt jetzt an der Politik und an den Krankenkassen, einen Interessenausgleich herbeizuführen. Wir sind die Kräfte, die Gesundheit allein aus der Perspektive der Versicherten betrachten und entscheiden müssen. Die Politik ist auch als Moderator dieser Interessen gefragt, nicht nur als Gesetzgeber.“
Für eine wie sie gab es kein Rollenmodell – weder in der Schule noch in der nordrhein-westfälischen SPD noch in der Landesregierung. Als Kind von berufstätigen Eltern war sie eine der wenigen Schülerinnen des Bochumer Hildegardis-Gymnasiums, deren Mutter nachmittags nicht zu Hause war. Sie hat nicht darunter gelitten, sondern daraus gelernt: dass man pragmatisch und flexibel sein muss, wenn man Familie und Beruf unter einen Hut bringen will. Für den Sohn Philipp blieb zuerst der Ehemann halbtags zu Hause, dann halfen Oma und Opa, schließlich gab es eine Hausgemeinschaft von Freunden, in der man sich auch in Kinderbetreuungsfragen unter die Arme griff.
Persönlicher Ehrgeiz und Macht treiben sie nicht an, sagt sie. „Aber der Ehrgeiz, ein fachliches Ziel umzusetzen. Visionen sind nur dann gut, wenn es gelingt, sie in die Realität zu bringen.“ Opposition im Düsseldorfer Landtag ist dafür nicht das beste Pflaster. Aber die größte Krankenkasse Deutschlands. Die Barmer GEK rangiert mit einem Umsatz von 22 Milliarden Euro, rund 20000 Beschäftigten und 8,5 Millionen Versicherten als Unternehmen kurz hinter der Lufthansa und unmittelbar vor dem Touristikkonzern TUI. Doch während Lufthansachef Wolfgang Mayrhuber für seine Arbeit rund 3,1 Millionen Euro im Jahr bekommt und TUI-Chef Michael Frenzel 2008 rund 4,5 Millionen nach Hause brachte, muss Fischer mit dem üblichen Chefgehalt großer Krankenkassen von rund 200000 Euro auskommen.
Den anderen mit einer positiven Ausstrahlung offen anschauen – das ist das Bild, das die schlanke Frau im üblichen Spitzenpolitikerinnendress – Hosenanzug, T-Shirt, asymmetrischer Halsschmuck – von sich selbst zeichnet. Unredlichkeit könne sie nicht ausstehen. So findet sie es unerträglich, dass Politiker sich jetzt über die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenkassen empören. „Diese Beiträge wurden von denselben Leuten als vierte Säule der Finanzierung geplant, da kann man doch jetzt nicht ‚huch, was ist denn das?‘ rufen.“
Dass die Barmer GEK noch keinen Zusatzbeitrag verlangen muss, sei ein Glücksfall: „Wir stehen zurzeit sehr gut da. Aber ich kann nicht ausschließen, dass auch unsere Versicherten den Beitrag irgendwann bezahlen müssen.“
Dass sie nicht nur Kontroverse, sondern auch Versöhnung kann, erleben Mitarbeiter und die Kollegen im Präsidium des Evangelischen Kirchentags. Die beschreiben Fischer als kollegial, umgänglich und absolut teamfähig. Auf dem Kirchentag 2007 sprach sie den Abendsegen. Thema: „Der Friede sei mit euch.“ |