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Wir brauchen mehr als Pillen
von Günter Beling

Immer weniger Personal, immer größerer Zeitdruck: Krankenschwestern und Pfleger sind regelmäßig überfordert. Für das Gespräch am Krankenbett bleibt kaum noch Zeit. Besuch bei Christa Baumann, die ihrem Traumberuf den Rücken kehrte

Wenn Schwester Christa aus der Klinik kam, ausgepowert und aufgekratzt, nahm sie daheim im Flur immer erst einmal ihre Armbanduhr ab und legte sie bedächtig auf den Sofatisch: „Zeit, Zeit, Zeit, immer geht es um Zeit in der Pflege.
Man rennt und rennt gegen die Uhr an. Erst wenn ich sie vom Handgelenk hatte, fiel dieser Druck von mir ab.“ Fast 40 ihrer 60 Jahre war Christa Baumann für ihre Patienten da, im Altenheim, auf Station, in der Chirurgie, Tagschicht, Nachtschicht, Tagschicht. Bis das Krankenhaus, das der Stadt gehörte, vom Hamburger CDU-Senat an den privaten Asklepios-Konzern verkauft wurde. Kurz danach wusste Christa Baumann: Jetzt ist es genug.

Feierabend, das sei immer öfter das traurige Gefühl gewesen: „Wieder so ein Tag, an dem du nicht alles geschafft hast. Manchmal hätte ich aus Verzweiflung den Umkleideschrank eintreten können. Entweder ich pflege ganz oder gar nicht.“ Der Ton sei schärfer geworden in den Krankenhäusern, die Arbeitshetze höher, selbst die Frühstückspause keine Gewissheit mehr – Kaufleute und Juristen hätten das Regime in der „Gesundheitswirtschaft“ übernommen: „Immer mehr Standards, immer weniger Personal. Man macht nur noch das, was man machen muss. Für das Gespräch am Krankenbett bleibt kaum noch Zeit.“ So ist allmählich ein neues Gefühl entstanden zwischen Pflegekraft und Rekonvaleszent: Mitleid, aber anders herum. „Die Patienten wissen um unsere Lage und schrauben ihre Ansprüche zurück“, sagt Christa Baumann, „wir tun ihnen leid, und sie entschuldigen sich bei uns für ihre Wünsche. Das muss man sich mal vorstellen, in deren Lage!“ Was würde sie zuerst ändern in den Kliniken? „Die Chefetage. Weniger Marketing, mehr Personal. Pflege müsste von unten nach oben aufgebaut werden. In die Führung der Krankenhäuser gehören Menschen mit Pflegeerfahrung.“

Dabei sei das Pflegen ihr Traumberuf gewesen, sagt die verheiratete Mutter und Großmutter: „Ich darf Menschen begleiten, die gesund werden wollen. Die brauchen mehr als ihre Pillen und Mahlzeiten. Manchmal muss man nur zuhören, und es wird besser. Ich habe in diesem Beruf eine andere Einstellung bekommen, zum Leben und zum Sterben.“ Baumanns eigene Kinder haben andere Berufe gewählt.

Früher war alles besser? Nein, so einfach sei das nicht, sagt die Frau aus Hamburg-Barmbek. Entsetzt sei sie gewesen, als sie in den Siebzigern beobachtete, dass demenzkranke Alte mit Schlägen auf die Hand aufmerksam und gefügig gemacht wurden. Fortbildungen waren die Ausnahme: „Selbst die Leitungen hatten nicht viel Ahnung.“ Und damals weckte sie die Ersten zum Waschen schon kurz nach Mitternacht: „Aber das muss nun heute alles am Tag erledigt werden.“ Früher konnte sie schon mal einer älteren Patientin extra ihre Milchsuppe kochen und beim Essen Gesellschaft leisten: „Heute kommt die Puddingsuppe in die Mikrowelle, hinstellen, rausrennen.“ Damals seien auf 16 Betten drei Krankenschwestern und ein Pflegeschüler gekommen – heute müssten sich zwei Schwestern um 28 Patienten kümmern. Und auf einer chirurgischen Station sei sie nachts schon mal allein für 34 operierte Menschen zuständig gewesen, musste Verbände oder Spülungen von frischen Wunden nach der Prostata-OP erneuern: „Man öffnet die Tür zum Krankenzimmer mit pochendem Herzen und der Hoffnung, dass alles gut gegangen ist. Die Überlastungsanzeigen nehmen zu, der Krankenstand unter den Kolleginnen auch. Ich nenne das gefährliche Pflege.“ Der größte Traum mancher Kostenmanager sei wohl eine „Waschmaschine für Menschen“.

Rösler? Der Kopfpauschalenminister mache ihr wenig Hoffnung, sagt Baumann: „Ich frage mich, wo das ganze Geld im Gesundheitssystem bleibt. Die Jungen zahlen doch ein, und es sind längst nicht alle krank. In Deutschland werden Milliarden für Medikamente verschleudert. Warum kosten manche hier dreimal so viel wie in anderen Ländern?“

Als die Landesregierung 2005 die Krankenhäuser gegen das Votum eines Volksentscheids privatisierte, musste das Hamburger Personalamt die langjährigen Beschäftigten der Stadt fragen, ob sie ihr arbeitsvertragliches Rückkehrrecht in den öffentlichen Dienst wahrnehmen wollen. Schwester Christa wollte – und am Ende zählte die Gewerkschaft fast 2000 Fachkräfte und Mitarbeiter, die rauswollten aus der neuen Privatklinikwelt; die meisten sind 40 oder älter.
Seitdem versucht eine eigene Behördenstelle die früheren Krankenhausbeschäftigten in andere sinnvolle Jobs zu vermitteln. Die Stadt dokumentiert auf ihrer Homepage „Erfolgsgeschichten“ dieser Arbeitnehmer – zu besichtigen ist eher eine Art Perpetuum mobile der Privatisierungspolitik: Krankenschwestern, die nun im Jobcenter andere in Arbeit vermitteln sollen, oder Krankenpflegelehrerinnen, die an ihrem neuen Behördenschreibtisch die nächsten Klinikaussteiger betreuen. Rund 1000 „Rückkehrer“ warten noch immer auf eine feste Stelle.

Christa Baumann hatte Glück: Sie ist nun in der Mütterberatung tätig, das passt. Kollegen und Patienten fehlen zwar; ihr letztes Gehalt von 2560 Euro brutto, Endstufe in ihrem Beruf, bekommt sie aber weiter. Und nicht mehr im Renditetakt der Klinik arbeiten zu müssen, sagt die Schwester a. D. mit dem müden Lächeln einer gerade Geretteten, das fühle sich an, „als ob ich von der Autobahn in die Tempo-30-Zone geraten bin“.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe März 2010

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Günter Beling
Günter Beling arbeitet als freier Journalist. Als Reporter und Korrespondent war er unter anderem für die Münchner Abendzeitung und den Berliner Tagesspiegel tätig


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