von Julian Barnes
Hinter dem Wunsch nach Gesundheit steckt häufig die Angst vor dem Tod. Alter, Sterblichkeit und Hoffnungslosigkeit beschäftigen Julian Barnes seit seiner Kindheit. Nun erzählt der Romancier vom Leben und Sterben seiner Familie.
Mein Vater hatte mehrere Schlaganfälle, die im Laufe der Jahre aus dem aufrechten Mann von meiner Körpergröße erst eine über einen Rollator gekrümmte Gestalt mit schief gehaltenem Kopf machten, weil das Gestell diese unnatürliche Haltung erzwang, dann einen halb gedemütigten Rollstuhlinsassen. Als jemand von der Behörde kam, um den Grad seiner Behinderung zu begutachten, erklärte man uns, er würde einen – von der Behörde bezahlten – Handlauf brauchen, damit er leichter vom Bett zur Tür gelangte. Meine Mutter lehnte das rundweg ab: „So ein hässliches Ding kommt mir nicht ins Zimmer.“
Sie behauptete, es würde das Aussehen des Bungalows verschandeln, doch inzwischen habe ich den Verdacht, dass sie mit ihrer Abwehr indirekt leugnete, was da geschehen war – und ihr womöglich auch bevorstand. Dagegen gestattete sie, zu meiner Überraschung, eine Veränderung an Dads Sessel. Das war der stabile grüne Parker Knoll mit der hohen Rückenlehne, in dem Grandpa früher seinen Daily Express gelesen und Grandmas Magen mit dem Telefon verwechselt hatte. Jetzt wurden die Sesselbeine mit Beschlägen aus Metall verlängert, damit Dad leichter hinein- und herauskam.
Dieser schleichende physische Verfall meines Vaters ging mit einem Nachlassen des Sprachvermögens – Artikulation und Wortgedächtnis – einher. (Früher war er Französischlehrer, und nun kam ihm seine langue abhanden.) Ich sehe noch vor mir, wie er sich mit seinem Rollator unter Geschlurfe und Geschiebe langsam vom Wohnzimmer zur Haustür bewegte, um mich zu verabschieden; die Zeit dehnte sich endlos, und jedes Gesprächsthema wirkte vollkommen falsch. Ich tat so, als würde ich herumtrödeln, betrachtete eingehend einen Krug mit Blumen auf der Anrichte oder blieb stehen, um mir noch einmal irgendeinen Nippes anzusehen, den ich noch nie leiden konnte.
Schließlich waren wir alle drei auf der Türmatte angelangt. Einmal waren die Abschiedsworte meines Vaters: „Und nächstes Mal bringst su … bringst du …“ Dann stockte er. Ich wusste nicht, ob ich abwarten oder mit vorgetäuschtem Verständnis nicken sollte. Aber meine Mutter fragte streng: „Wen soll er mitbringen?“ – als ließe sich die geistige Fehlbarkeit meines Vaters korrigieren, wenn man ihm nur die richtige Fragen stellte. „Bringst du … bringst du …“ Jetzt drückte seine Miene wütende Verzweiflung über sein eigenes Gehirn aus. „Wen soll er mitbringen?“, wiederholte meine Mutter.
Inzwischen war die Antwort so offensichtlich und unnötig, dass ich am liebsten zur Tür hinausgerannt, ins Auto gesprungen und weggefahren wäre. Plötzlich fand Dad einen Ausweg aus seiner Aphasie. „Bringst du … Julians Frau mit?“ Ah, welche Erleichterung. Aber noch nicht ganz. Meine Mutter sagte, was sich in meinen Ohren nicht gerade feinfühlig anhörte: „Ach, du meinst P.“ – und machte damit meinen Vater, den Lehrer, zu einem Schuljungen, der bei einer Prüfung versagt hatte.
Am Ende meiner Besuche stand er an der Haustür über seinen Rollator gebeugt, der diese blödsinnigen, leeren Metallkörbchen an den Griffen hatte; er hielt den Kopf schräg, als wollte er die Wirkung der Schwerkraft auf seinen Unterkiefer verhindern. Ich verabschiedete mich und ging die etwa zehn Meter zu meinem Auto, worauf meiner Mutter – unweigerlich – noch etwas „einfiel“; sie kam im Trab den kleinen gebogenen Asphaltweg entlang (wobei ihr eiliger Schritt die Unbeweglichkeit meines Vaters noch deutlicher machte) und klopfte an mein Fenster. Ich ließ es widerstrebend herunter, da ich schon ahnte, was sie sagen würde. „Was meinst du? Sein Zustand hat sich verschlechtert, nicht wahr?“ Ich schaute an meiner Mutter vorbei zu meinem Vater hin, der wusste, dass wir über ihn sprachen, und auch wusste, dass ich wusste, dass er das wusste. „Nein“, antwortete ich meist aus Loyalität zu Dad, denn die einzige andere Möglichkeit wäre gewesen, zu brüllen: „Ma, er hatte einen Schlaganfall, verdammt noch mal; was erwartest du da – Volleyball?“ Doch für die war diese diplomatische Antwort der Beweis meiner Unaufmerksamkeit. Während ich langsam die Kupplung kommen ließ und zentimeterweise den Weg hinunterrollte, hielt sie sich am Fenster fest und nannte mir Beispiele für die Verschlechterung seines Zustands, die mir entgangen waren.
Damit will ich nicht sagen, dass sie nicht nett zu ihm war; aber im Umgang mit dem Zustand meines Vaters betonte sie ihre eigenen Unannehmlichkeiten und Leiden und gab auch zu verstehen, dass er sich seine Leiden ein bisschen mehr selbst zuzuschreiben habe als andere wahrhaben wollten. „Wenn er fällt, gerät er natürlich in Panik“, beschwerte sie sich dann.
„Tja, ich kann ihn nicht aufheben, also muss ich jemanden aus dem Dorf zu Hilfe holen. Aber er gerät in Panik, weil er nicht aufstehen kann.“
Schlechte Note. Dann war da die Sache mit der Tretmaschine meines Vaters, die ihm der Krankenhaus-Physiotherapeut besorgt hatte.
Mein Vater sollte in seinem Parker Knoll sitzen und auf diesem glänzenden kleinen Rumpffahrrad herumtrampeln. Ob er es absurd fand, im Sessel zu sitzen und so zu tun, als würde er Fahrrad fahren, oder ob er einfach meinte, das würde sowieso nichts nützen, weiß ich nicht. „Er ist so starrsinnig“, beklagte sich meine Mutter.
Als es sie dann traf, war sie natürlich genauso starrsinnig. Nach ihrem ersten Schlaganfall war sie in ihrer Beweglichkeit viel eingeschränkter als mein Vater damals: Die rechte Seite war weitgehend gelähmt, und das Sprachvermögen hatte mehr gelitten als bei ihm. Am verständlichsten drückte er sich aus, wenn ihr Zorn über das, was ihr da zugestoßen war, am größten war. Dann packte sie den gelähmten Arm mit der guten Hand und hob ihn hoch. „Das da“, sagte sie, und für einen Moment hörte sie sich exakt an wie früher, „ist natürlich zu nichts zu gebrauchen.“ „Das da“ hatte sie etwa so im Stich gelassen wie mein Vater. Auch den Physiotherapeuten stand sie, genau wie Dad, skeptisch gegenüber. „Die ziehen und zerren an mir herum“, klagte sie. Als ich ihr sagte, sie zögen und zerrten an ihr herum, damit es ihr besser ginge, erwiderte sie spöttisch: „Ja, Sir.“ Aber sie war bewundernswert unerschrocken und ließ sich auf nichts ein, was sie als verlogene Aufmunterung betrachtete. „Die lassen dich irgendwas machen, und dann sagen sie ‚sehr gut‘. So ein Blödsinn – ich weiß doch, dass es nicht sehr gut ist.“ Also spielte sie da nicht weiter mit. Sie blieb sich selbst treu, indem sie sich über den professionellen Optimismus lustig machte und sich der hypothetischen Genesung verweigerte.
Meine Nichte C. ging sie besuchen. Ich rief sie an und fragte, wie es gelaufen sei und wie es Ma gehe. „Als ich ankam, war sie vollkommen gaga, aber dann haben wir über Kosmetik gesprochen, und da war sie wieder völlig normal.“ Da ich aus diesem Befund die Schroffheit der Jugend herauszuhören meinte, fragte ich – womöglich ein wenig steif –, wie es sich denn geäußert habe, dass sie „gaga“ war. „Ach, sie war furchtbar sauer auf dich. Sie hat gesagt, du hättest sie dreimal hintereinander beim Tennis versetzt und sie da auf dem Platz stehen lassen.“ Okay, vollkommen gaga.
Nicht, dass meine Nichte der Kritik entgangen wäre. Einmal mussten wir beide ein zwanzig Minuten währendes, geheimnisvolles, wütendes Schweigen samt hartnäckiger Verweigerung von Blickkontakt ertragen. Schließlich sagte Ma zu C.: „Du bist ein richtiger kleiner Schlingel, wirklich und wahrhaftig. Aber du siehst doch ein, dass ich dir mal eine Lektion erteilne musste?“ Vielleicht gaben ihr diese aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen die Illusion, sie habe ihr Leben im Griff. Die Vorwürfe trafen auch meinen Bruder, dessen Abwesenheit in Frankreich ihn weder entschuldigte noch schützte. Etwa zwei Wochen nach Mutters erstem Schlaganfall, als ihre Äußerungen weitgehend unverständlich waren, sprachen wir darüber – besser gesagt, ich erklärte ihr –, wie ich alles regeln würde, während sie im Krankenhaus war. Ich zählte auf, wen ich zurate ziehen konnte, und falls es Probleme gäbe, könnte ich mich immer noch an meinen Bruder mit seinem „klugen Köpfchen“ wenden. Mit qualvollen Pausen nach jedem Wort brachte unsere Mutter endlich den fast lupenreinen Satz hervor: „Sein kluges Köpfchen denkt an nichts anders als an seine Arbeit.“
Trotz monatelanger Verweigerung aller Krankenhausangebote erlangte sie das Artikulationsvermögen teilweise zurück, nicht aber die Beweglichkeit. Da sie sich selbst nie etwas vorgemacht hatte, erklärte sie, eine Rückkehr nach Hause und weiteres Wohnen in ihrem Bungalow seien ausgeschlossen. Eine Krankenschwester names Sally kam und sollte sich dazu äußern, wie Mutter sich in dem Pflegeheim zurechtfinden würde, in dem C. und ich sie unterzubringen hofften. Ma behauptete, sie habe dieses Heim bereits besichtigt und für „einwandfrei“ befunden; meiner Vermutung nach hatte sie sich diese „Besichtigung“ allerdings anhand eines Prospekts zusammenfabuliert. Sie erkläre Schwester Sally, sie wolle die Mahlzeiten allein in ihrem Zimmer einnehmen: Es sei ihr unmöglich, mit den anderen Bewohnern zusammen zu essen, da sie den rechten Arm nicht bewegen könne. „Ach, stellen Sie sich nicht so an“, sagte die Schwester. „Das spielt doch keine Rolle.“ Mutters Antwort war gebieterisch: „Wenn ich sage, es spielt eine Rolle, dann spielt es eine Rolle.“ – „Waren Sie mal Lehrerin?“, erwiderte Sally schlagfertig. |