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Auf den Schultern von Giganten
von Evelyn Runge

Handys, Hi-Fi, Hörgeräte – jeder nutzt Mini-Mikrofone im Alltag. Der Darmstädter Professor Gerhard Sessler hat ihre Technik erfunden und damit einen Umbruch in der Kommunikationsindustrie möglich gemacht.

Es dauerte sechs Jahre, bis die Industrie damals den Wert von Gerhard Sesslers Erfindung erkannte. Sechs Jahre, in denen Sessler dachte, sein Elektretmikrofon würde ein Patent ohne Realisierung bleiben. Dabei sprach viel dafür, es herzustellen: Es war kleiner, günstiger und besser als alle anderen Mikrofone, die Anfang der sechziger Jahre auf dem Markt waren. Heute sind 90 Prozent der weltweit produzierten Mikrofone Elektretmikrofone, sie stecken in Handys, Hörgeräten und Hi-Fi-Anlagen, in Videokameras, MP3-Rekordern und Diktiergeräten, in Laptops und iPhones.

Sessler sitzt in seinem Büro an der TU Darmstadt, holt eine Plastikbox hervor und schüttet vorsichtig einige seiner Mikrofone auf den Tisch. Sie sind viereckig oder rund und kleiner als eine Ein-Cent-Münze. Obwohl er seit 1999 emeritiert ist, kommt der 79-jährige Professor für Elektroakustik täglich hierher, hält Vorlesungen, forscht und veröffentlicht weiter. „Meine Arbeit ist mein Hobby“, sagt er. Wenn er über Schallwellen nachdenkt, sieht er sie vor sich. Und so spricht er auch über seine Erfindungen: bildhaft, anschaulich, verständlich.

Töne und Technik faszinierten den 1931 in Baden-Württemberg geborenen Sessler schon als Kind. Das Telefon in der Tierarztpraxis seines Vaters hatte es ihm besonders angetan. 468, die Nummer kennt er heute noch, und es ist gleichzeitig die erste Begegnung mit einem Mikrofon. Bei allem wollte er wissen, woher die Töne kamen. Mit vier Jahren nahm Sessler die väterliche Violine auseinander, die Saiten, den Steg, doch den Schall entdeckte er nicht, noch nicht. Später studierte er Physik in Freiburg, München und Göttingen, Ende der fünfziger Jahre noch das Mekka der Physik. Dort lehren die Nobelpreisträger Werner Heisenberg und Otto Hahn sowie der bekannte Physiker Robert Pohl: „Sie strahlten aus, dass sie über den Dingen standen“, erinnert sich Sessler.

Nach der Promotion ging er 1959 in die USA. Ein bis zwei Jahre wollte er im Land seiner Träume bleiben; es wurden fünfzehn. Sessler arbeitete im damals berühmtesten Industrielabor der Welt, den Bell Telephone Laboratories in New Jersey, benannt nach dem Erfinder des Telefons, Alexander Graham Bell. Alle Telefone funktionierten zu dieser Zeit mit Kohlemikrofonen, erzählt Sessler, „die Tonqualität war schlecht, die Stimme stark verzerrt, es war zu groß und benötigte zu viel Strom“. Sie brauchten eine Vorspannung, um Schall in ein elektrisches Signal umzuwandeln. Zusammen mit James West, seit diesen Tagen sein Kollege und Freund, entwickelt Sessler 1962 das Polymer-Elektretmikrofon. Elektrete sind Isolatoren, die elektrische Ladung lange halten und ohne Vorspannung auskommen: Am besten eignen sich dafür Teflonfolien, fanden Sessler und West heraus. Trotzdem interessierte sich zunächst kein Unternehmen für das Patent der neuen kleinen, günstigeren Mikrofone.

Sessler und West suchten sich andere Projekte: Als Anfang der sechziger Jahre der Bau der Philharmonic Hall in New York akustisch schiefging – tiefe Frequenzen gingen verloren, es gab störende Echos –, gaben Sessler und West dem Konzertsaal seine Stimme zurück. Sie waren die Ersten, die Messsignale nur mit dem Computer erzeugen konnten, und entdecken den Sitzeffekt: Sitzplätze im Theater absorbieren tiefe Frequenzen; ein Anstieg der Reihen mindert diesen Effekt, komplett auslöschen lässt er sich nicht.

1968 sprach Sessler auf einer Konferenz in Tokio wieder über das Elektretmikrofon; nach dem Vortrag überraschte ihn ein Zuhörer mit der Nachricht, dass Sony sein Mikrofon produziere. Pro Jahr werden heute zwei Milliarden Elektretmikrofone fabriziert, die meisten in Asien, allein die Hälfte davon für Telefone. Es passierte noch zwei Mal, dass die Industrie nicht sofort reif für Sesslers Entwicklungen war: 1983 patentierten Sessler und sein Schüler Dietmar Hohm Silizium-Kondensator-Mikrofone. Bis die ein bis zwei Quadratmillimeter großen Mikrofone produziert wurden, vergingen 20 Jahre; die Stückzahlen liegen mittlerweile bei 400 Millionen pro Jahr. Sesslers neueste Erfindung, gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Joachim Hillenbrand und Reiner Kreßmann ist das piezoelektrische Mikrofon; dabei fungiert die Folie selbst als Mikrofon: In Luftblasen entlädt sich durch den Druck des Schalls elektrische Spannung. Die Mikrofone sind halb so dick wie ein Haar. Wieder erfuhr Sessler eher zufällig am Rande einer Konferenz, dass eine japanische Firma im Sommer die Produktion starten will.

Reich geworden ist Sessler durch seine Erfindungen und insgesamt mehr als 100 Patente nicht. Von den Bell Laboratories bekam er symbolisch einen Dollar für die 20 Patente, die er über die Firma anmeldete. Dafür genießt er in der akademischen Welt international Anerkennung. Vor wenigen Wochen erhielt er zusammen mit James West die Benjamin-Franklin-Medaille, eine Art Wissenschafts-Oscar, den das amerikanische Franklin Institute verleiht. Er ist Mitglied der National Inventors Hall of Fame in den USA. Hierzulande erhielt er unter anderem die Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Akustik. Sessler ist dabei bodenständig geblieben: „Man selbst hat Befriedigung dadurch, dass man etwas für die Gesellschaft geleistet hat. Und man steht immer auf den Schultern von Giganten, die zuvor etwas entdeckt haben.“


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Juni 2010

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