Interview mit Nicolas G. Hayek
Gestern verstarb der Smart- und Swatch-Erfinder Nicolas G. Hayek im Alter von 82 Jahren. Für die aktuelle Cicero-Ausgabe führte Chefredakteur Michael Naumann eines der letzten Interviews mit der Ikone der Schweizer Uhrenindustrie. Ein Gespräch über Erfindungen, die Zukunft des Automobils und die globale Finanzwirtschaft.
Herr Hayek, Ihr Name, genauer gesagt die Swatch, hängt an den Armgelenken von Millionen Menschen. Die Swatch ist Ihr Produkt, und der kleine Smart war Ihre Idee.
Leider haben Mercedes und vorher VW nicht gewagt, meine Idee zu ihrem Ende zu führen, was sie jetzt auch zugeben.
Stimmt es, dass Sie ein neues Hybridauto planen?
Heute planen wir bessere Lösungen, dem neuesten Stand der Technik entsprechend. Damals, also vor circa 19 Jahren, habe ich speziell für die deutsche Automobilindustrie ein Hybridauto mit einem Vierrad-Elektromotor-Antrieb geplant, zusammen mit Volkswagen unter Leitung von Goeudevert und Hahn sowie dem damaligen VW-Entwicklungsvorstand, Professor Seiffert. Dann kam Ferdinand Piëch. Er wollte unter keinen Umständen ein ökologisches Auto bauen. Er vertraute einem kleineren Dieselmotor mehr. Nach meinem Empfinden teilte er damals die Menschheit in zwei Seiten: Haben Sie ein Auto gebaut, dann sind Sie auf der richtigen, und haben Sie nie ein Auto gebaut, dann sind Sie auf der falschen Seite. So bin ich zu Mercedes gestoßen, mit einem kleinen, aber leider entscheidenden Unterschied: Statt fifty-fifty zu machen, hat Mercedes-Benz 51 Prozent des Unternehmens beansprucht.
… das war Ihr Fehler …
… ja, das war ein Fehler. Ich hatte Vertrauen gefasst. Aber sie verstanden von Maschinentechnologie enorm viel, perfekt bis zur kleinsten Schraube, jedoch von anderen Technologien wie zum Beispiel der Elektronik sehr viel weniger. Deshalb habe ich jetzt eine neue Firma gegründet, die heißt Belenos. Sie entwickelt einige völlig neue Antriebssysteme.
Was wäre das Besondere dieser Systeme?
Wir bauen kein Auto, sondern entwickeln neue Antriebssysteme, die mit sauberer Energie laufen. Wir haben mehrere Möglichkeiten, im Moment technologisch vorwärtszugehen. In den vergangenen 30 bis 40 Jahren entstanden die Fotovoltaikzellen, die auch in Deutschland sehr genutzt werden. Sie verwandeln Sonnenenergie direkt in Elektrizität, aber mit nur zehn bis zwölf Prozent Effizienz. Wir sind im Moment auf 14 Prozent gestiegen. Die amerikanische Nasa hat bereits 40 Prozent, aber mit Materialien, die so teuer sind, dass niemand sie sich leisten kann. Wir planen Fotovoltaikzellen zu niedrigeren Kosten, die 35 bis 40 Prozent Sonnenenergie in Strom umsetzen. Dafür planen wir nebst einem Forschungszentrum einen Produktionsbetrieb für solche Zellen sowie eine dezentralisierte Produktion von Wasserstoff/Sauerstoff auf der Basis von Wasser/Elektrolyse. Ende dieses Jahres bringen wir zudem ein erstes Versuchssystem, das Brennstoffzellen mit Wasserstoff und Sauerstoff als Energiequellen nutzt und das wir mit zwei Automobilfirmen testen werden. Wir entwickeln auch ein weiteres Antriebssystem sowie weitere Projekte für die Nutzung sauberer Energie. Nebst unseren Universitäten ETH/PSI, der Swatch Group, Hayek Engineering und George Clooney ist auch die Deutsche Bank an Belenos beteiligt.
Ihr Landsmann Josef Ackermann ist also auch ein Unternehmer, von Clooney ganz abgesehen?
Ja, er ist auch Unternehmer, aber auch ein ausgezeichneter Bankier. Es gibt ja keinen Financier, der nur Unternehmer ist. Ein Unternehmer ist ein Künstler. Sehen Sie sich hier in meinem Zimmer um, das ist ein Studio für einen Künstler und nicht die Chef-Etage. Der Bankier, auch wenn er Unternehmer ist, denkt, wie kann ich mit dem Geld, das ich habe, noch mehr Geld machen. Der Unternehmer will etwas Neues kreieren, neue Arbeitsplätze, neue Produkte schaffen, neue Entwicklungen für alle, langfristiger. Joe Ackermann ist in diesem Sinne mit uns ein Unternehmer beziehungsweise ein unternehmerischer Bankier.
Die Finanzwirtschaft hat sich von der Realwirtschaft abgekoppelt. Sehen Sie eine Chance, dies zu ändern?
Indem wir die Börsen nicht mehr allein der Kontrolle und der Mentalität der Banken überlassen, sondern auch der Kontrolle der Unternehmer und die unternehmerische Mentalität mit einfließen lassen. Mich hat einmal ein amerikanischer Hedgefondsmanager angerufen und gesagt: Herr Hayek, seien Sie froh, dass wir für 300 Millionen Dollar Aktien von Swatch Group kaufen werden. Aber ich müsse ihm garantieren, dass sich in einem Jahr der Wert der Aktie verdoppelt. Ich habe erst gedacht, es ist einer meiner alten Freunde, der sich mit mir einen Aprilscherz erlaubt. Jedenfalls habe ich ihm gesagt, dass das nicht der Fall sein wird. Er antwortet: Sind Sie verrückt? Und: Seien Sie doch nicht so naiv. Er habe so viele Freunde an der Börse, da können wir ein paar Gerüchte streuen, Sie helfen mir und Sie kriegen einen Haufen Geld. Als ich ihm zurief: „Gehen Sie zum Teufel, Sie sollten sich schämen, mir so etwas vorzuschlagen“, antwortete er: „You fucking fool!“ Jetzt ist der Mann wahrscheinlich pleite.
Die Schweizer Banken sind Teil der globalen Finanzwirtschaft. Ihr Ruf ist nicht mehr der beste …
Sie haben früher viel für das Wachstum der Schweiz geleistet – Bahnen, Gotthardtunnel, Infrastrukturen, Industrialisierung – und für uns alle große Vorteile und positive Entwicklungen ermöglicht. Aber gegen Mitte, Ende des vergangenen Jahrhunderts hat sich leider ein Großteil der Schweizer Finanzwirtschaft immer stärker die angelsächsischen Börsen und Finanzmärkte als Vorbild kritiklos angeeignet. Die neue angelsächsische Finanzmentalität hat jedoch nur ein Ziel – Geld, Geld, Geld und noch einmal Geld, so schnell und so viel wie möglich und um jeden Preis. Dieses Verhalten ist äußerst industrieschädigend. Um Missverständnissen vorzubeugen, die angelsächsische Kultur und Mentalität haben unserer Welt eine überaus reichhaltige Vielfalt an äußerst positiven und tollen Entwicklungen auf den verschiedensten Gebieten gebracht, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Elektronik und Informatik, der Physik, der Medizin, bei der Entstehung der Menschenrechtscharta und der Verstärkung der Demokratie, um nur einige zu nennen. Aber diese leidige Finanzmentalität, die an der amerikanischen und teilweise auch an den englischen Börsen leider vorherrscht mit ihren Unmengen von doppelzüngigen Akrobaten, mit allen ihren scheinheiligen Lippenbekenntnissen, alle diese Finanzprediger, dieses Überangebot an Spekulanten, diese Hasardeure und geldgierigen Fondsakteure, diese Pharisäer, die sogar nicht vorhandene Splitter in den anderen Augen sehen und des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr werden, sie alle helfen weder der Industrie noch der Gesamtwirtschaft Amerikas oder gar der Welt. Es sind glücklicherweise nur einige wenige, und doch sind es immer noch zu viele Gauner und Betrüger.
Vor zwei Jahren haben Sie sehr kritisch über die deutsche Wirtschaft und auch die deutschen Unternehmer gesprochen.
Vielleicht war das damals wirklich eben eine Krisensituation. Es schien so, als würden die deutschen Unternehmer praktisch nicht mehr existieren. Sie hatten einen Haufen Manager, die keine Neuigkeiten entwickelten.
Nun, die Unternehmer des Mittelstands haben Deutschland über Wasser gehalten.
Stimmt, der Mittelstand, das sind jetzt die Unternehmer in Deutschland.
Was würden Sie denn den Deutschen in dieser Situation jetzt vorschlagen? Wir sollen einerseits sparen, andererseits dürfen wir nicht den Fehler machen, den die Regierung Brüning vor 80 Jahren gemacht hat, das heißt, wir dürfen die kleinen Wachstumschancen nicht durch massive Sparprogramme abwürgen. Wie würde es ein Schweizer machen?
Also, Deutschland hat im Moment ein riesiges Problem, das es zu lösen hat. Es hat Europa am Bein. Aber Deutschland wollte Europa unbedingt, aus mehreren Gründen, und will es immer noch. Aber wenn Sie aus solidarischen Gründen Ihrem verarmten Cousin in Griechenland Zugriff auf Ihr Bankkonto geben, und Sie kontrollieren nicht, was er macht, können Sie dann wirklich erwarten, dass er nicht Ihr Geld abhebt, wie es ihm gerade passt? Mit dem Euro ist Deutschland nicht mehr Souverän über seine Kasse. Das ist der eine Grund.
Das ist für alle europäischen Staaten der Fall …
Aber Berlin ist gezwungen, mit 175 Milliarden Bürgschaften für Länder wie Griechenland geradezustehen. Deutschland geht es nicht schlecht. Die Bürger Deutschlands sind hart arbeitende Menschen, seriöse Menschen, technisch und kulturell hoch gebildet. Sie sind in der Lage, Produkte zu machen, die unter den besten sind in der Welt, in verschiedenen Sektoren. Sie könnten wirklich weiter vorwärtsmarschieren. Aber sie haben einen Klotz am Bein, und sie wollen ihn behalten – von mir aus gerne. Ich habe nichts dagegen. Ich habe nicht vor, den Deutschen zu sagen, sie sollen aus der Europäischen Union austreten. Das wäre ein großer Fehler. Die Vorteile des Friedens in Europa sind mehr wert als alle Milliarden Euros der Welt.
… Sie hören sich auch nicht wie jemand an, der den Beitritt der Schweiz in die Europäische Union befürwortet.
Die Schweiz hat schon jetzt trotz Krise erreicht, was die EU immer noch zu erreichen träumt: Trotz 1,7 Millionen Ausländern und 5,5 Millionen Schweizern kaum Arbeitslosigkeit, höchste Gehälter der Welt für unsere Arbeiter, volksnahe Demokratie, keine Streiks und sozialer Friede und so weiter. Die Schweiz würde zerbrechen, wenn sie der Union beiträte und würde um Jahrhunderte zurückgeworfen.
Aber was soll die deutsche Regierung machen, außer zu sparen?
Egal, wer heute Deutschland regiert, man kann nichts anderes machen, als was sie jetzt im Moment versuchen. Dass sie aber die Steuer senken wollten, war ein Fehler …
… das ist nun vorbei …
… was ihr Vizekanzler Westerwelle während der Wahlkampagne unbedingt wollte. Aber noch einmal: Alle deutschen Intellektuellen sind verliebt in Europa: Sollen sie haben – aber im Moment existiert kein Chef in Europa. In der Außenpolitik läuft alles auseinander. Die Engländer und die Italiener haben den Irakkrieg mitgemacht. Die Deutschen und die Franzosen haben gesagt – zum Teufel damit! Dann wollten die Polen und Tschechen diese amerikanischen Radaranlagen gegen die Russen – und die Deutschen waren dagegen. Sie haben in Wirklichkeit kein einiges Europa, sondern eine solide europäische Friedensunion und eine flaue Wirtschaftsunion. Wenn Sie mich fragen, was Deutschland machen soll, dann soll es sich zuerst von diesem Klotz am Bein erleichtern und einen echten europäischen Bundesstaat kreieren, wie die ersten Europa-Macher es geplant hatten, nach dem Modell der Schweiz oder der USA. Ich war damals dabei. Aber keine geografisch enorme Anzahl Länder bis hin zu Asien, ohne richtige Struktur, ohne gemeinsame Strategie und Mentalität. Dann ginge es Deutschland besser.
Diese anderen Länder sind auch unsere Märkte.
Das ist eine tolle Mentalität – ich verkaufe dir was und gebe dir das Geld, um es zu bezahlen –, aber kein Argument. Ich finanziere auch nicht Saudi-Arabien, damit sie von mir Sachen kaufen. Die sollen selber lernen, sich zu finanzieren.
Das ist für die Saudis kein Problem …
Sie müssen den Mut haben, ein wenig mehr zu verlangen. Aber statt Europa ins Uferlose zu erweitern, sollten sie erst einmal einen europäischen Staat bilden, der eine solide Struktur und Richtung hat und nicht aus mehreren Staaten besteht, die nur nebeneinandersitzen, mit dem gemeinsamen Ziel, immer mehr Geld von den wenigen fleißigen und reichen EU-Partnerstaaten zu ergattern. Wenn Europa eine Zentralregierung gehabt hätte, hätte sie den Griechen gesagt, diese Schulden machst du besser nicht.
Jeder Grieche könnte allerdings sagen, schaut euch doch eure eigene Staatsverschuldung in Deutschland an – drei Prozent waren die Regel von Maastricht, heute seid ihr bei fünf Prozent.
Ja, aber die Deutschen produzieren etwas, vergessen Sie das nicht. Sie sind eine reiche, produzierende Nation. Ich vertraue den Deutschen. Wenn ich eine Finanzanleihe kaufen will, dann kaufe ich sie, weil ich weiß, dass sie funktioniert und pünktlich zurückbezahlt wird. Für viele andere EU-Staaten trifft das nicht zu. Ich bin für Europa, und ich will ein Europa, aber ich bin nicht für ein Sammelsurium von Staaten, die alle hoffen, dass Deutschland und eventuell Frankreich und ein paar andere ständig zahlen.
Reden wir von den kriminellen Aktivitäten auf dem sogenannten grauen Finanzmarkt. Die Schweizer Banken waren auch in diesem Geschäft, die UBS musste gerettet werden, nicht wahr …
Wir haben für sie sechs Milliarden Franken als Kapitalhilfe eingesetzt und für 48 Milliarden Franken faule Papiere gekauft. Ich habe vergangenes Jahr in einem Rundfunkinterview gesagt, viele Bank-Verantwortlichen der UBS von damals sind dumme, kriminelle Menschen …
Solange Sie keinen Namen nennen, kann sich ja niemand betroffen fühlen.
Nein, nein, ich habe gehofft, dass sie mich anzeigen. Aber das konnten sie nicht. Ich habe dann an alle politischen Parteien und großen Wirtschaftsverbände in der Schweiz einen Brief geschrieben, und darin habe ich gesagt, wir Unternehmer und andere können uns solche Banken nicht leisten. Ich möchte sie gern zwingen, die Banken besser zu regieren. Wir wollen, dass die Banken ihr Eigenkapital so erhöhen, dass sie ihre eigenen Risiken stärker abdecken und in ihren ausländischen Filialen so gestalten, dass, wenn die pleitegehen, nicht die ganze Bank untergeht. Auch sollen sie mit unserem Geld keine Risikogeschäfte mehr tätigen – weder im Ausland noch im Inland. Mit den beiden extremen politischen Parteien, SP und SVP, habe ich als Vertreter der Unternehmer der Uhrenindustrie in Bern eine Pressekonferenz und eine gemeinsame Deklaration zum Thema organisiert. Wir machen jetzt einen Gesetzentwurf – das können wir in der Schweiz, weil wir eine Demokratie des Volkes sind. Dann kommt eventuell eine Volksbefragung, und dann werden wir sehen, wie die ausgeht. Unsere Regierung war ursprünglich dagegen, weil die Banken einen großen Einfluss auf sie hatten. Also, man muss die Banken mit dieser wunderbaren Schweizer Möglichkeit eines demokratischen Entscheids des ganzen Volkes zwingen, für die Schäden, die sie anrichten, verantwortlich zu sein. In letzter Zeit scheint dies sogar mithilfe unserer Regierung möglich zu werden und auf gutem Weg zu sein.
Das Gespräch führte Michael Naumann.
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