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Zwischen Reich und Rilke
Interview mit Moritz Rinke

Mit Stücken wie „Republik Vineta“ und „Café Umberto“ sowie mit der Neudichtung der „Nibelungen“ wurde der Autor Moritz Rinke bekannt. Jetzt hat er seinen ersten Roman geschrieben. Er spielt in seinem Geburtsort Worpswede


Herr Rinke, Sie zerlegen die Idylle der ehemaligen Künstlerkolonie ­Worpswede sehr gründlich. War es an der Zeit, dieses Kapitel deutscher Kulturgeschichte literarisch aufzuarbeiten?
Ich konnte mir keinen besseren Ort denken, um eine Figur aus der Gegenwart durch das Jahrhundert fallen zu lassen. Worpswede hat durch seine Anziehungskraft seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts sehr anschaulich die historischen Fragestellungen auf sich vereinigt: Wie ging man mit den Sozialutopien und den Träumen von einer Weltrevolution in den zwanziger Jahren um? Wie war das später mit der 68er-Generation, als die Worpsweder Gesellschaftsrevolutionäre kreuz und quer in den Heinrich-Vogeler-Betten lagen? Und dann eben auch das Dritte Reich: Wie verhalte ich mich als Künstler, als Mensch, als Familienvater, welchen Preis zahle ich für Erfolg in solch einer Zeit? Wie ist das mit der Verführung durch Macht?

Der Großvater Ihres Helden war der Verführung offenbar erlegen.
Ja, sein Enkel Paul muss zusehen, wie bei Grabungsarbeiten neben dem Haus der Familie Nazi-Skulpturen aus dem Moor zutage gefördert werden. Plötzlich ist diese Zeit gegenwärtig, in der riesigen Bronze eines Reichsbauernführers. Drittes Reich? Bisher war das Schulstoff oder allenfalls Kinounterhaltung für Paul. Außerdem ist er auch schon eine Diktatur weiter, in Berlin nämlich arbeitet er mit einem Blumenhändler die DDR auf. Zudem hat er andere Probleme und Feinde, den globalen Kunstmarkt zum Beispiel.

Lange schien es so, als ob sich eher die 68er-Generation für die Auseinandersetzung mit der Tätergeneration interessierte, während sich jüngere Autoren lieber der Gegenwart widmen. Warum ist das Thema für Sie relevant geworden?
Ich weiß gar nicht, ob man Gegenwart und Vergangenheit in diesem Roman so trennen kann. Die Vergangenheit führt in meiner Geschichte zu ganz konkreten Problemen in der Gegenwart. Mich hat auch nicht so sehr interessiert, die NS-Zeit aufzuarbeiten, sondern wie sich meine gegenwärtige Figur zu diesen Geschichtsbrocken Drittes Reich und 68 verhält. Vor allem, wie sich seine frühesten Beziehungen verändern. Ob die Liebe zu seinem Großvater der Entdeckung im Garten standhält? Oder welche Kämpfe er mit seiner Mutter ausführt, ihr möchte er ja die unbändige Vaterliebe geradezu entreißen. Und der Reichsbauernführer und dessen schreckliche Aushungerungspläne des Ostraums dienen dann Paul auch nur dazu, sich gegenüber seiner Mutter als Sohn Gehör zu verschaffen. Der Roman ist also eher ein heutiger Kampf um die Geschichte und das Jahrhundert.

Wie viel Autobiografisches steckt für Sie als Worpsweder in diesem Roman?
Ich hatte schon als Kind immer das Gefühl: Wenn ich zu lange stehen bleibe, versinke ich und falle durch alle Zeiten hindurch. Im Moor wird ja alles Vergangene konserviert, und im Roman wird sehr viel gegraben – mit der Schippe und mit Google. Auch ich habe beides getan. Als Kind grub ich nach der Kunst eines Verwandten. Der Künstler Carl Emil Uphoff, der Schwiegervater meiner Tante, lebte in dem heutigen Paula-Modersohn-Becker-Haus, wo ich als Kind oft spielte. In genau diesem Garten hat Uphoff zwischen 1933 und 1939 seine offenbar hoch begabte expressionistische Kunst vergraben. Nach dem Krieg legte er sich eine neue Biografie zu und wollte die Kiste mit den Bildern wieder ausgraben – er hat sie aber nicht mehr gefunden. Als Kinder hörten wir oft die Frage, wie viel Geld man wohl für die Kunst vom Tanten-Schwiegervater bekäme. Da haben wir eben auch gegraben, um am Gewinn beteiligt zu werden.

Das Verhältnis von Kunst und Politik erscheint heute harmlos angesichts der Versuchungen und Gefahren, denen Künstler im Dritten Reich ausgesetzt waren. Empfinden Sie als Schriftsteller so etwas wie die „Gnade der späten Geburt“, von der Helmut Kohl einst sprach? Sie selbst galten zur Regierungszeit Gerhard Schröders als „Kanzler-Flüsterer“, weil Sie einige Male zusammen mit anderen Autoren im Kanzleramt eingeladen waren. Ärgert Sie das?
Nee!

Das sagen Sie aber sehr wütend.
Ja, weil ich es nicht mehr hören kann. Man muss schon eine sehr hohe Meinung von Politik haben, wenn man glaubt, ein Künstler könne einem Kanzler etwas „einflüstern“. Ich habe dagesessen, zugehört und beobachtet, vor allem wie andere mit der Macht umgehen, auch wie ich selbst damit umgehe. Der Preis aber, den man für diese Beobachtungen, die Neugierde und vielleicht auch für die eigene Eitelkeit zahlt, ist groß. Es ist eine Vereinnahmung, egal, wie kritisch man zu jeweiligen Entscheidungen der Macht steht, nach außen hin gilt man als vereinnahmt. Und die Sätze und Gedanken, die man als Künstler über den Mächtigen äußert, kann man überhaupt nicht mehr kontrollieren. Es ist sinnlos, sich in irgendeiner Form zu äußern. Schriftsteller kennen das mediale Verhackstücken ihrer meist etwas länglichen Ausführungen nicht. Am Ende sitzen sie da mit ihrer nur im Ausschnitt verbreiteten Aussage und werden hysterisch. Wir haben gelernt, subtil zu arbeiten, zumindest ist das der Anspruch, und dann sitzt man da mit Sätzen wie Fratzen.

Ihr Held kämpft gleich an zwei Fronten. Es geht um die politisch korrumpierte Großelterngeneration und zugleich um die Abrechnung mit einer egoistischen 68er-Elterngeneration – in Gestalt der völlig rücksichtslosen Späthippiemutter. Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen diesen beiden Fronten?
Der Roman stellt eine äußerst unangenehme Frage: Wie viel von den Kriegsgroßvätern steckt noch in der Elterngeneration, wie viel von diesen Großvätern steigt im Rausch empor und partizipiert an der Gegenwart? Das führt ja zu diesem irren Duell im Moorgarten, als Paul versucht, mit den Nazi-Feinden von vorgestern die 68er-Feinde von gestern zu bekämpfen. Außerdem muss ich doch heute nur den alten, berühmten Regisseuren beim Regieführen im Theater zusehen, um zu ahnen, wie präsent diese alten Feinde von vorgestern und gestern noch sind. Nach außen hin sind ihre Theater zutiefst humane Anstalten, aber innen zerstören sie die Menschen und machen lauter Jasager aus den Schauspielern. Die KPDSU hatte wahrscheinlich flachere Hierarchien als das deutsche Theater.

Das hieße, um mit Götz Aly zu sprechen: Auch in den 68ern stecken faschistoide oder zumindest autoritäre Strukturen. Dagegen zu kämpfen, ist natürlich schwieriger als gegen offensichtliche Despotie.
Es ist viel einfacher, sich von einer Kriegsgeneration zu befreien als von der nachfolgenden. Befreien Sie sich mal von 68er-Eltern! Da gehen Sie dann als Kind aus Protest um sieben ins Bett, weil es den Erwachsenen total egal ist. Und am Ende wissen Sie nicht mal, ob Ihr Vater wirklich Ihr Vater ist. So erlebt es auch Paul. Er ist umgeben von Erwachsenen, die sich im „Akt der Befreiung“ befinden. Seine Mutter hängt bei seiner Geburt an einer Stange im Schrank, weil das angeblich den Beckenboden befreit und archaische Kräfte freisetzt. Gezeugt wurde er nach der berühmten Orgasmusformel von Wilhelm Reich, die so kompliziert ist, dass dabei nur ein kompliziertes Eltern-Kind-Verhältnis herauskommen konnte. Wenn dann Weihnachten ist, wird er mit seiner Mutter von einem befreiten Künstler eingeladen, der als Weihnachtsbaum seine nackte Freundin hinstellt und der das Bienenwachs auf riesige Brüste tropft. Und im Sommer zwingen die Worpsweder Mütter ihre Kinder, nackt in den Moorfluss zu springen, in dem wahrscheinlich jahrtausendealte Hexen, Wikinger und Napoleons Soldaten liegen.

Die Familie ist das zentrale Thema Ihres Buches, vor allem der Topos der Familiengeheimnisse. „Wir alle haben Schätze auf dem Dachboden und Skelette im Keller“, sagen Familientherapeuten gern. Auch Ihr Held Paul hebt Schätze und findet eine Leiche. Warum verdrängt ausgerechnet die Mutter die düstere Familiengeschichte, statt den kritischen Reflex ihrer Generation zu bedienen?
Weil sie weiterleben will mit ihrer persönlichen Liebe zum Vater. Sie verdrängt einfach, um die alten Bilder zu bewahren. Das ist im Buch auch ihr Beruf geworden. Ihr therapeutischer Ansatz nennt sich „History Change“, da lernt man belastende Erinnerungen aus der Vergangenheit in der Gegenwart zu verwandeln. Das tun wir doch alle. History Change! Wir verdrängen oder verwandeln, um mit schöneren Bildern von uns und der Vergangenheit zu leben. Ich möchte aber betonen, dass ich meine Figuren nicht kritisiere, wir haben hier ja so viele kritische Dinge angesprochen, aber wenn ich eine poetologische Vision habe, dann jene, dass ich meine Figuren verteidige und liebe.

Viele Therapeuten vertreten die These, dass erst die Aufdeckung von Familiengeheimnissen einen Reifeprozess einleitet. Mir erschien es so, dass der zunächst etwas infantile Paul durch das Durchbrechen des Schweigegebots erwachsen wird.
Ja. Paul scheint am Ende eine Widmung umzusetzen, die ihm sein krank und irre gewordener Onkel in das Buch von der Schneekönigin geschrieben hatte: „Frieren. Eis werden. Weinen. Auftauen. Fließen. In die Welt gehen“. Ich glaube, so könnte man erwachsen werden.

Ihr Roman ist auch eine Reflexion des Kunstbetriebs. Sie machen sich lustig über die trivialisierten Worpswedemythen und -gemeinplätze vom „Brodem des Moores“ oder den „brennenden Himmeln“. Stehen die Werke der Worpsweder heute unter Kitschverdacht? Oder deren Rezeption?
Nein, ich verteidige natürlich meine Worpsweder, sogar Fritz Mackensen hat ein paar ganz gute Bilder gemalt, obwohl er als Figur natürlich viel interessanter ist. Mackensen war wahrscheinlich der letzte Deutsche, der am Worpsweder Weyerberg für das Deutsche Reich die Stellung hielt. Mit 77! Als Maler und Koloniegründer! Und mit einem selbst konstruierten Gewehr, das angeblich um die Ecke schießen konnte. Aber Sie haben natürlich recht: Die Paul-Figur leidet sehr unter ihrer Herkunft, Paul war ja seine ganze Kindheit von Worpsweder Kunst umstellt, sogar jede Gabel, jede Tasse und jede Türklinke, die er in die Hand nahm, war von Heinrich Vogeler entworfen! Dazu die ganzen Rilke zitierenden Großmütter!

Da flüchtet Ihr Held lieber in die Stadt, versucht sich erfolglos als Galerist in Berlin-Mitte und stellt, unter Originalitätszwang, die Bilder eines blinden Malers aus. Selbst in Worpswede sind schon Konzeptkünstler unterwegs. Man könnte den Eindruck haben, dass Sie heute eine Tendenz zu ambitioniertem Kitsch oder gar zur Scharlatanerie im Gewand der Avantgarde ausmachen.
In der Figur des Malers Ohlrogge zeige ich die große Wut und Verzweiflung, in der ein konventioneller Maler heute leben muss. Die Marktmechanismen haben ihn als Künstler umgebracht, wie ein altes Bett aus der Welt geschoben. Und er hat nicht gelernt, sich selbst zu genügen, mit seiner Achtung vor sich selbst zu überleben. Künstler, die nicht den Maßstab in sich selbst suchen, sondern im Außen, diese Künstler werden zwangsläufig irgendwann verbittern. Und so bleibt Ohlrogge nur das Worpsweder Bordell, der Hass auf die früheren Feinde und der Ekel vor der Maßlosigkeit, vor dem Fetisch des Neuen, mit dem sich die Kunstmärkte fast jeden Tag beweisen müssen, wie neu und frisch und jung sie sind.

„Love is a battlefield“ in Ihrem Buch. Held Paul verliert seine Freundin, sein Vater kann sich Frauen nur im Bordell nähern, der Großvater tötete die heimliche Geliebte, Pauls Cousin Nullkück hat ausschließlich virtuelle Beziehungen. Warum stellen Sie eine derart desaströse Diagnose, was die Möglichkeit gelebter Liebe betrifft?
Ist das so? Aber dafür gibt es doch diese Liebesbriefe von Nullkück, die der früher den Bäuerinnen vom Trecker aus zuwarf. Schönere Liebesbriefe werde ich wahrscheinlich nie wieder schreiben können.


Das Gespräch führte Christine Eichel


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe März 2010

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Moritz Rinke
Moritz Rinke lebt und arbeitet als Dramatiker in Berlin.


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