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Das Apollo Theater in Harlem, New York City
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von Peter Schneider
Ein halbes Leben lang fotografierte die französische Fotografin Martine Barrat die schwarzen New Yorker im Norden von Manhattan. Ihre klassischen Bilder erinnern an eine Welt, die es nicht mehr gibt.
Das Chelsea-Hotel in der 23. Straße zwischen der 6. und 7. Avenue hat die leicht zu merkende Hausnummer 222 und eine bemerkenswerte Vergangenheit. Dylan Thomas starb in diesem Hotel an Alkoholvergiftung, Allen Ginsberg und Gregory Corso haben hier gedichtet und gestritten, Bob Dylan hat einige seiner frühen Songs im „Chelsea“ geschrieben, Sid Vicious von den Sex Pistols soll seine Freundin hier erstochen haben. Heute wirkt der rote Ziegelbau mit den schmiedeeisernen Balkongittern und dem grünen Kupferdach wie eine Pariser Hotelschönheit aus der Jahrhundertwende, die sich nach Manhattan verirrt hat und hier langsam vergessen wurde.
Die französische Fotografin Martine Barrat hat im Chelsea-Hotel ihr halbes Leben verbracht. „Es war nicht meine Wahl“, stellt sie sofort klar, „es ergab sich so.“ Sie hatte ihr Loft in der 22. Straße verlassen, um Milch zu holen. Acht Kinder aus Harlem, mit denen sie noch am gleichen Tag einen Urlaub in Kanada antreten wollte, waren für ein paar Minuten in dem Loft allein geblieben.
Als sie mit der Milchtüte zurückkam, versperrte der Vermieter ihr im Hausflur den Weg. Er hielt ihr eine Pistole an die Schläfe und brüllte sie an: „Wenn Sie diese schwarze Meute nicht sofort aus dem Haus schaffen, bringe ich Sie um!“
Am gleichen Tag zog sie ins Chelsea und ist dort geblieben. Die Fenster ihrer kleinen Wohnung im zehnten Stock zeigen in drei Himmelsrichtungen: Rechts kann man den Hudson River sehen, im Süden, was von der Wallstreet übrig ist, links errät man in den Durchblicken zwischen den Häuserschluchten den East River. Die Wände von Barrats Wohnung sind mit kleinen und großen Fotos bedeckt. Aus den Lautsprechern ist eine CD von David Murray und Mal Waldron zu hören, zu der sie das Coverfoto beigesteuert hat – das Porträt eines „ihrer“ Harlem-Kinder. Jazz und Fotos – das sind die Fixsterne in Barrats beständigem Provisorium.
Martine Barrat, die seit 37 Jahren im „Chelsea“ lebt, ist weltberühmt und bettelarm.
Aber auch den Beruf der Fotografin hat sie nicht gewählt, er ist ihr eher zugefallen. Als Tänzerin und Schauspielerin in Paris hatte sie ihre Künstlerlaufbahn begonnen. Auf dem Dance Festival in Edinburgh war Elaine Stewart, die Leiterin des New Yorker Kulttheaters „La Mama“, auf sie aufmerksam geworden. „You should stay with us“, hatte sie gesagt. Monate später fand Martine Barrat in ihrem Briefkasten ein Ticket nach New York, das ihr Elaine Stewart geschickt hatte. So kam sie nach New York. Bei einem Bühnenunfall brach sie sich mehrfach das Fußgelenk; mit ihrer Karriere als Tänzerin war es vorbei, lange Zeit musste sie an Krücken gehen. Damals begann sie, Schwarz-Weiß-Fotos und Video-Filme in der South Bronx und in Harlem zu machen.
Warum gerade dort? „Ich wollte mit Leuten arbeiten, die nie die Möglichkeit haben, für sich selbst zu sprechen.“ Die Menschen in Harlem und besonders die Kinder in Harlem sind Martine Barrats Schicksal geworden. Seither geht sie fast jeden Morgen mit ihrer Fototasche in „ihren“ Harlemer Distrikt zwischen der 28. und 48.
Straße – wenn die Harlemer von ihren Straßen reden, erklärt sie, lassen sie die 1 vor den Zehnerzahlen weg, ihre Welt soll mit 1 anfangen, nicht mit 100. Jeden Tag geht sie im öffentlichen Bad in Harlem schwimmen, in der Bibliothek in Harlem leiht sie ihre Bücher, in Harlem hat sie ihre Freunde, und dort verbringt sie den Tag. Die Mitglieder der Straßengangs und jungen Boxer, die sie auf ihren frühen Schwarz-Weiß-Fotos und in ihren Videofilmen festgehalten hat, sind mit ihr alt geworden; viele von ihnen sitzen im Gefängnis, viele sind an Aids und anderen Krankheiten früh gestorben, viele sind umgebracht worden. Sie zeigt mir die Fotos von der letzten Gruppe von Kindern und Halbwüchsigen, mit denen sie – dank einer großzügigen Spenderin aus der Filmwelt – im Sommercamp in Kanada war. „Mindestens ein Elternteil von jedem dieser Kinder ist im Gefängnis“, erklärt sie. „Aber während der zwei Wochen im Feriencamp in Kanada leben sie wie die Prinzen!“
Ihr berühmtester Fotoband trägt den Titel „Do or die“ („Die Boxer“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1991). Darin zeigt sie jugendliche, zum Teil noch kindliche Boxer aus Harlem und der South-Bronx beim Training mit ihren Ausbildern und Eltern. Es ist so etwas wie ein verhaltener, sich mit Verzögerung ausbreitender Schock, den diese Schwarz-Weiß-Bilder beim Betrachter auslösen. Die Grellheit, ja das Skandalöse des Sujets steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Diskretion, mit der Martine Barrat diese kindlichen Gladiatoren beobachtet. Fast möchte man sagen, dass diese Fotos sich jedes Urteils enthalten. Sie zeigen die Kälte und Brutalität des Geschäfts, aber auch den Stolz und die Hoffnung in den Gesichtern der Kämpfer, die Schönheit und Verletzlichkeit der halb erwachsenen Körper.
Die unaufdringliche Meisterschaft von Barrats Fotos ist inzwischen von Museen, Galerien und Kunstkritikern auf der ganzen Welt anerkannt worden. Martin Scorsese hat ein fasziniertes Vorwort zu ihrem Boxerband geschrieben, Muhammad Ali hat viele dieser Fotos signiert, die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben ihr gelehrte Reverenz erwiesen. Aber Barrat folgt keiner Kunstreligion, wenn sie ihre Fotos macht. Überrumpelung, Anordnung, aufwendiges Arrangement, Hintergrundgestaltung – all diese Formen der Herrschaft des Künstlers über sein „Objekt“ sind ihr verhasst. Ärgerlich wehrt sie die Frage ab, ob sie mit ihren Fotos einer vorgegebenen Vorstellung folge. „Fotografieren“, sagt sie, „ist ein Akt der Liebe.“ Man müsse die Geduld haben, auf den richtigen Augenblick zu warten.
Jedes ihrer Fotos erzählt mehrere Geschichten – eine, die man sieht, und eine, die man, wenn man will, nachlesen kann. Eines ihrer Fotos zeigt einen vielleicht zehnjährigen schwarzen Jungen mit nach links und nach rechts weit abgestreckten Armen – in der einen Hand hält er einen Hut, in der anderen ein Jackett. Man sieht einen schüchternen Jungen mit großen sanften Augen, der zwei Kleidungsstücke, die ihm fremd sind, die gar nicht zu ihm passen, die er vielleicht gefunden hat, von sich weghält. Und nun die andere Geschichte. Martine Barrat hatte den Jungen gefragt, was er einmal werden wolle.
Schauspieler, hatte er gesagt. Barrat hatte ihn ermutigt, sich in einem Second-Hand-Laden die Kleidungsstücke auszusuchen, die er einmal tragen wolle, wenn sein Traum wahr werden würde. Man muss die zweite Geschichte nicht kennen, um von derjenigen, die das Foto selbst erzählt, berührt zu sein. Aber die zweite Geschichte nimmt der ersten auch nichts weg, sie fügt etwas hinzu. Martine Barrat erzählt sie, ohne nachzudenken. Der ideologische Purismus, nach dem Fotos sich unbedingt von selbst erklären müssen und durch Worte nur beschädigt werden, ist ihr fremd.
Und was ist aus dem Jungen geworden?, frage ich Martine Barrat. „Er sitzt im Gefängnis.“
Eines von Martines Lieblingsfotos zeigt ein älteres Paar in einer Jazzkneipe. Die Frau scheint sich an den Mann, den man im Halbprofil sieht, anzuschmiegen, sich an ihm festzuhalten. Man glaubt den Blues zu hören, in dessen Rhythmus sich das Paar gerade eingeschwungen hat. Minuten vor diesem Augenblick, erklärt Barrat, hatte die Frau, eine Jazzsängerin, ein herzzerreißendes Liebeslied gesungen. Mitten in diesem Lied war ihr Ehemann, der sie am Klavier begleitete, zusammengebrochen und tot liegen geblieben. Auf dem Foto ist der Moment danach festgehalten, in dem die Witwe am Freund ihres Mannes Halt sucht.
Viele ihrer neueren Fotos sind in dem Harlemer Jazzclub „The Rhythm Club“ entstanden. Musiker, Lebenskünstler, Pensionäre und Arbeitslose aus Harlem verbrachten in diesem Club – ihrem „second home“ – den größeren Teil ihres Lebens. Man trank Bier für einen Dollar, man kochte und spielte Karten, abends machte man Musik. Auch Martine verbrachte dort den größeren Teil ihres Lebens, sie kochte Tee und fotografierte die Mitglieder des „Rhythm Club“, die mit ihr älter wurden. Eine große Melancholie geht von diesen Bildern aus. Sie halten flüchtige, unwillkürliche Lebensäußerungen der Menschen fest, die in dem Jazzclub ein zweites Zuhause fanden. Und doch, obwohl Barrat es nie auf einen herausgehobenen, dramatischen Augenblick abgesehen hat, haben diese Bilder etwas Dramatisches. Sie zeigen das Kippen des Augenblicks, die vergängliche Lebendigkeit und Würde von Menschen, deren einziger Reichtum das Leben im Augenblick ist, weil das Vorher und Nachher nur Armut, Gefängnis und Krankheit bereithalten.
Die Fotografierten haben die Chronistin des Clubs nicht gerade mit Komplimenten überhäuft. Die Aufforderung, von den jüngst Verstorbenen ein letztes Foto für den Sarg zu machen, war die höchste Anerkennung, auf die sie hoffen durfte.
Der Satz: „Deine Kamera hat einen guten Job gemacht“ war so etwas wie ein Ritterschlag. Vor allem bewiesen die Mitglieder des „Rhythm Club“ die Wertschätzung ihres „Picturegirls“, indem sie Hunderte von ihren Fotos an die Wände des Jazzclubs tackerten. „Es sind sehr spezielle Bilder“, sagte Emile, der uralte Verwalter des Clubs, immer wieder in Barrats Videokamera, bevor er ihre Fotos von den Wänden des Clubs abnahm.
Denn im November 2006 wurde der Club geschlossen. Seit Bill Clinton sein Büro in der 125. Straße eingerichtet hat, ist das Viertel ein begehrtes Objekt von Investoren geworden. Der Vermieter des „Ryhthm Club“ hatte die Miete von einem Tag auf den anderen um ein Vielfaches erhöht.
In diesen Tagen folgt Martine Barrat einer Einladung nach Paris. Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand wird dem „Picturegirl“ einen der höchsten Orden Frankreichs für ihre künstlerischen Verdienste verleihen. Er hat versprochen, eines ihrer Fotos bei seiner öffentlichen Preisrede als Hintergrund zu benutzen. Martine Barrat wird sich die sicher wohl gewählten und schmeichelhaften Worte aus dem Munde des französischen Kulturgewaltigen anhören, aber eine Frage aus ihren Gedanken nicht vertreiben können: „Wie wäre es, Herr Minister, wenn Sie mir statt oder zusätzlich zu der Ehre einen kleinen Scheck überreichen würden, mit dem ich meine Miete im Hotel Chelsea bezahlen kann?!“ |