von Tobias Lehmkuhl
In ihren leichtfüßigen Romanen hat jeder Buchstabe seinen genau austarierten Platz. Sie ist eine Wort-, aber keine Bücherfetischistin. Bibliotheksbesuch bei Brigitte Kronauer.
Bücher kommen in ihren Büchern eher selten vor. Allenfalls spielen Manuskripte in Brigitte Kronauers Romanen eine tragende Rolle, die drei Manuskripte etwa, die Jobst Böhme, der Held aus „Errötende Mörder“, mit auf seine Alpenwanderungen nimmt. Richtige, fertig gebundene und mit Verfassernamen versehene Bücher aber bilden in Kronauers lebenssatter und keinesfalls papierner Romanwelt höchstens eine Randerscheinung.
Ähnlich verhält es sich mit den Büchern bei ihr zu Hause. Durchaus in jedem Stockwerk sichtbar, erwecken sie nicht unbedingt den Eindruck, hier, in diesem heimeligen Hamburger Häuschen, würde sich alles um Literatur drehen. Eher schon fällt einem die Malerei ins Auge, die vielen Gemälde an den Wänden und auch die leeren Bilderrahmen, die sich im ersten Stock und unterm Dach stapeln.
Ein Maler nämlich wohnt mit der Autorin zusammen und ein Kunsthistoriker ebenfalls.
1974 hatten sie das Haus zu dritt gekauft.
Ganz oben immerhin, unterm spitzen Giebel, liegt das alleinige Reich der Büchner-Preisträgerin 2005, eine Kammer so klein, dass kaum ein zweiter Stuhl hineinpasst. So muss der Besucher auf dem Boden Platz nehmen, nimmt hier auch gerne Platz, zu Füßen der Dichterin, die ihm schon bei der Begrüßung als feengleich-federleichtes Wesen erschienen war. Jetzt schwebt ihr Kopf knapp über dem seinen, und er entsinnt sich, um die Befangenheit abzulegen, des Bildes, das er im Eingang hatte hängen sehen. „Am Anfang war das Wort Am“ stand dort zu lesen. Hier also nimmt man die Dinge wörtlich und gerne auch mit Humor. Heiliger Ernst wie eherne Gewissheiten, sie haben hier augenscheinlich nichts verloren.
Ganz unprätentiös präsentieren sich auch Brigitte Kronauers Bücherregale. In der engen Dachkammer sucht das Auge zuerst nach den Werken der Autorin. Auf halber Höhe stehen sie dann. Nicht „die“ Bücher gleichwohl, das ist falsch, und Brigitte Kronauer korrigiert einen da auch schnell: Es seien längst nicht alle, ja sie besäße nicht mal alle Bücher, in denen etwas von ihr steht. Wo andere Schriftsteller noch die dritte Auflage der estnischen Übersetzung ihres marginalsten Werks ausstellen als wäre es die Nofretete, kann man die vergilbten und angerissenen Umschläge der Kronauer-Bücher kaum entziffern.
Selbst zu sagen, dass sie im Regal „stehen“, verfehlte die Sache: Wie lieblos hineingestopft wirken die Bände in diesen wirklich nicht besonders schönen, ja im besten Fall funktionalen, weißen Holzregalen. Bibliotheken von Bücherfetischisten sehen wahrlich anders aus.
Die 1940 in Essen geborene Brigitte Kronauer aber, in deren Rede sich längst ein norddeutsch abgerundetes „nech?“ eingenistet hat, will dem Besucher in ihrer höflichen, ja geradezu liebreizenden Art durchaus entgegenkommen. Um ihm etwas ganz besonders Schönes zu zeigen, zieht sie aus einem Papierhaufen etwas hervor: Kein Faksimile, keine Handschrift, kein Büttendruck, nein, was sie zielsicher zu fassen bekommt und mit kindlicher Freude ausbreitet ist eine Landkarte, eine „Flurnamenkarte“ des Schweizer Ortes Arosa, um genau zu sein. „Schaafrügg“, „Roti Wäägli“, „Chrüüzblaika“ – völlig fasziniert liest sie die dort eingetragenen rätoromanischen Wörter vor, begeistert von ihrem Klang, jener Mischung aus Latein und Französisch, der das Schwyzerische gerade die richtige Würze verliehen zu haben scheint. Die Schweiz, die Alpen, das „Gebirg“ überhaupt reizt sie ungemein, und nicht selten auch schickt sie ihre Figuren auf Gletscher und Grate und lässt sie dort mal feste ausschreiten, mal ordentlich herumtaumeln. Sie selbst sei leider nicht schwindelfrei.
Aber wir wollen uns weiter umschauen hier oben, knapp über Elbhöhe, denn hier stehen sie vereint, Brigitte Kronauers Hausgötter, ihre „Seelenverwandten“, wie sie selbst es ausdrückt, ohne dass dies auch nur im Geringsten so klingt, als würde sie dabei innerlich den kleinen Finger abspreizen: Eckhard Henscheid und Ror Wolf, vor allem aber Joseph Conrad und Herman Melville, zwei Seefahrer also, wobei vom Seefahren im Folgenden keine Rede ist, sondern von Sprache, Denken und Konstruktion. Den „genialsten Dilettanten“ nennt sie Melville, einen kühnen Fabulierer, der populär sein wollte und es doch nicht konnte. Niemand sei so großartig gescheitert wie er.
Bald auch kommt die Sprache auf Wilhelm Raabe, ebenfalls einer dieser „verrückten Extremisten“. Seine Romane zieht Brigitte Kronauer der wohltemperierten Prosa eines Theodor Fontane oder eines Thomas Mann deutlich vor, und wer ihre eigenen Bücher kennt, den wird das kaum wundern, denn aus ihnen spricht ebenfalls ein seltener erzählerischer Abenteuergeist. „Rita Münster“, „Berittener Bogenschütze“ oder „Teufelsbrück“ sind nicht im Geringsten dazu geeignet, dass man sich gemütlich in ihnen einrichtet. Man liest sie vielmehr ganz weit vorne auf der Stuhlkante sitzend, voll staunender Erregung.
Faszinierend ist nicht zuletzt die Leichtigkeit, mit der sich die Dinge in Kronauers Prosa – sei es Roman, Essay oder Erzählung – zusammenfügen, mit der sie Gedanken, Beschreibungen und Gefühle zusammenbringt.
Auch der letzte Roman „Zwei schwarze Jäger“ verströmte diese traumwandlerische Fähigkeit der Autorin, aber dieses Werk ist nun schon bald zwei Jahre alt und interessiert sie darum im Moment nicht besonders. Brigitte Kronauer schaut nach vorn, Rückblicke sind ihre Sache nicht. Lieber arbeitet sie gleich am nächsten Buch.
Und wenn sie lesend auch immer wieder zu ihren Lieblingsklassikern zurückkehrt, so kann man gleichwohl nicht behaupten, dass ihr eigenes Schaffen direkt von diesen abhängen würde. Häufig wird ihrer Literatur unterstellt, sie sei ausgesprochen „anspielungsreich“. Aber Anspielungen und Zitate hält Kronauer für überaus banal. Conrad, Melville oder auch Jean Paul – die Werke dieser Größen des 19.Jahrhunderts bilden, so kann man vielleicht besser sagen, eine Art Resonanzraum, in dem Kronauers eigene Fiktionen sich frei entfalten können.
Dieses Bild wenigstens drängt sich auf, wenn man in ihrer kleinen Dachkammer hockt, umzingelt von den angestoßenen, gelben Bänden der Conrad-Gesamtausgabe, die in manchen Fällen schon ihres Schutzumschlags verlustig gegangen sind, oder den unterschiedlichsten Ausgaben der Werke Melvilles und Nabokovs, die wie Kraut und Rüben im Regal stehen. Auch hier fühlt man sich einem Resonanzraum, einer anregend vibrierenden Arbeitsatmosphäre ausgesetzt.
Die Fortsetzung dieser Arbeit will man gar nicht länger stören, den Bau an dem „so merkwürdig anderen Reich“, wie Brigitte Kronauer einmal die Literatur genannt hat.
Aber im Wohnzimmer warten Ostfriesentee und Tierheimkatze, warten weitere Bücher, über die es in Begeisterung auszubrechen gilt, und so dauert es noch Stunden, bis es der Besucher schafft, sich zu lösen, und schließlich mit einem kleinen „nech?“ von der Dichterin zur Tür geleitet wird.
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