von Tobias Lehmkuhl
Sie ist eine der erfolgreichsten Sachbuchautorinnen Deutschlands. Tausenden von Lesern half Kathrin Passig, wichtige Aufgaben ohne Schuldgefühle vor sich herzuschieben. Ihr jüngstes Buch ist eine Anleitung zum Verirren, dem Königsweg des Weltentdeckens.
Marzahn ist ein geeignetes Ziel, meint auch Kathrin Passig. Wir wollen uns gemeinsam mit ihr, der Verirrspezialistin, verirren, und was ist da besser geeignet, als dieses von der Welt vergessene Viertel im Osten Berlins. „Verirren“ – das ist natürlich auch der Titel ihres jüngsten, im Rowohlt-Verlag erschienenen Buches. Sie habe während der S-Bahn-Fahrt aus ihrer Wahlheimat in Berlin-Kreuzberg extra nicht aus dem Fenster geschaut, sagt die Autorin gleich zur Begrüßung, damit auch nichts schiefgehe. Wie sich später herausstellt, hat sie gut daran getan: Da Passig während der Recherche für ihr gemeinsam mit Aleks Scholz verfasstes Buch immer wieder mutwillig die Orientierung verloren hat und sowohl in Großstädten als auch in der kanadischen Wildnis alles darauf anlegte, verloren zu gehen, hat sie inzwischen einen hervorragenden Orientierungssinn erworben, der uns nach fast drei Stunden, die wir aufs Geratewohl durch Marzahn gewandert sind, sicher zum Ausgangspunkt zurückführt.
In der Zwischenzeit staunte die Autorin über die polierte Ostkunst an den Wänden – wilde Mosaiken, die wohl manchen der Künstler politische Probleme bereitet haben, wie sie im Vorbeigehen vermutet. Noch mehr staunte sie über die Ruhe und den Frieden zwischen den wahrhaft riesigen und sich scheinbar bis ins Unendliche ziehenden Plattenbausiedlungen: keine „brennenden Ölfässer“, keine marodierenden Jugendbanden, nur Kleinfamilien und ältere Damen mit flammend rotem Haar.
Kathrin Passig selbst macht einen sehr geländegängigen Einruck: Schlank und kompakt wirkt sie. Auch am Ende der Wanderung ist sie nicht im Geringsten ermüdet, im Gegenteil, gerne würde sie noch länger weiterlaufen, daheim nämlich warte bloß die Arbeit auf sie, und auf Arbeit sei sie gewiss nicht erpicht. Da staunt nun ihr Begleiter, denn aus der Ferne war ihm die 1970 im niederbayerischen Deggendorf geborene Autorin recht fleißig erschienen. Nicht nur hat sie mehrere Bücher verfasst, viele Jahre lang leitete sie auch die „Zentrale Intelligenz Agentur“, eine Berliner Ideenschmiede, und nach wie vor ist sie beim Grimme-Preis-prämierten Internetblog „Riesenmaschine“ tätig.
Dabei schlafe sie liebend gern, sagt Passig, oft zehn, zwölf Stunden am Stück. So richtig ins Schreiben, in einen „Flow“ gerate sie erst, wenn die Deadlines drücken. In vier Wochen muss sie nun das Manuskript ihres neuen Buches abgeben, und auf dem Papier stehe davon eigentlich noch nichts. Nachdem sie ein sehr erfolgreiches „Lexikon des Unwissens“ geschrieben hat (der zweite Teil steht ebenfalls an), den ebenso erfolgreichen Band „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ und schließlich ihre Vorschläge zum erfolgreichen „Verirren“, beschäftigt sich Passig in ihrem nächsten Buch mit dem Programmieren von Computern: Wie kann man einem Laien diese Kunst nahebringen, ohne ihn gleich mit Spezialwissen zu überfordern? Wie nimmt man der Computersprache den Hauch von Kabbalistik, der sie umgibt?
Der Kluge fängt eben klein an. Auch Passig hat sich erst einmal Zeit gelassen, unzählige Semester studiert, und als man ihr in der abschließenden Germanistikprüfung sagte, dass sie kein Gespür für die deutsche Sprache habe, machte ihr das wenig aus. Da hatte sie den Vertrag für ihr erstes Buch schon in der Tasche, eine Art Fibel für die sadomasochistische Liebe mit dem sinnigen Titel „Die Wahl der Qual“.
Lachen muss man übrigens ständig, wenn man Passig liest. Ob sie ihre Bücher nun zusammen mit Ira Strübel, Aleks Scholz oder Sascha Lobo verfasst, man meint doch immer ihre trocken-humorvolle Handschrift zu erkennen. Auf Kooperationen würde sie dennoch nie verzichten, sagt Passig, allein schon, weil es dann bei Lesungen und auf Messen nicht so schnell langweilig werde. Überhaupt hält sie nicht übermäßig große Stücke auf ihre eigene Schreibkunst: Auch die Recherchelücken in ihren Arbeiten scheinen ihr manchmal so „groß wie Scheunentore“.
In diesem Moment passieren wir tatsächlich, inmitten all der Wohnsilos, eine alte Scheune, zwei Pferde grasen davor. Ein irrealer Anblick, aber das gibt es: „Alt-Marzahn“. Schnell wird an einer Tankstelle noch ein Eis gekauft, und wenn einem Kathrin Passig am Anfang sehr bedächtig vorkam, so zeigt sich nun, dass sie vor allem beharrlich ist. Jede Geschichte wird zu Ende erzählt, jeder Gedanke zu Ende gedacht – auch wenn der Erzählfluss hin und wieder durch sportliche Einlagen unterbrochen wird. So gilt es etwa einmal, einen mannshohen Zaun zu überqueren, um der Himmelsrichtung und nicht der Straßenführung zu folgen, und die Autorin bewältigt das Hindernis mit Bravour. Wer sich verirrt, entdeckt die Welt, heißt es schließlich in Passigs Verirranleitung. Wir kennen jetzt immerhin Marzahn. |