von Thomas Trenkler
Ende Juli haben die Salzburger Festspiele begonnen. Sie stehen im Schatten eines Skandals von gewaltigem Ausmaß. Veruntreuungen, politische Winkelzüge und ein Selbstmord – eine Reportage über den Korruptionssumpf, der die Mozartstadt in Atem hält.
Nein, das hätte sich der Brenner nicht gedacht: Dass jede Fiktion von der Realität übertroffen werden kann. Denn der Roman „Silentium“ des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas war eigentlich absurd genug: Der Privatdetektiv Simon Brenner entdeckt bei Recherchen, dass der Präsident der Salzburger Festspiele schmutzige Geschäfte mit Zwangsprostituierten macht. Die Polizei schaut weg – und die Salzburger Gesellschaft ist an einem Skandal nicht interessiert.
In der Wirklichkeit geht es um Bereicherung im großen Stil, die Fäden spannen sich von Russland über Zypern und die Karibik bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik: Michael Dewitte, zwölf Jahre lang Leiter der Osterfestspiele, wird Mitte Dezember 2009 fristlos entlassen. Mindestens 700 000 Euro hat er zu eigenen Gunsten veruntreut, doch das ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs, der Gesamtschaden wird auf zwei Millionen Euro geschätzt. Wenig später versucht Klaus Kretschmer, technischer Leiter der Sommerfestspiele und Komplize Dewittes, sich das Leben zu nehmen: Er springt von der Schachthausbrücke und überlebt nur knapp. Einem Mitarbeiter der Dekorationswerkstätten hingegen gelingt der Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief steht, dass er sich nicht in den „Sumpf hineinziehen“ lassen wollte. Sich nicht hineinziehen lassen: Das wollen viele. Gegenwärtig wird in der Sache insgesamt gegen zwölf Personen ermittelt.
Ausgangspunkt sind die Osterfestspiele. Sie sind „nur“ der kleine Bruder der sommerlichen Festspiele: Formal voneinander unabhängig, haben die beiden Festivals sowohl eine gemeinsame Geschichte als auch weitreichende geschäftliche und personelle Verbindungen. Herbert von Karajan, von 1955 bis 1989 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, traf als Mitglied des Festspieldirektoriums die maßgeblichen Entscheidungen – und als erster Popstar der ernsten Musik konnte er sich fast alles erlauben. 1966 gründete er zusammen mit seinem Schulfreund Erich Aigner die Osterfestspiel GmbH, die jedes Jahr eine mit den Sommerfestspielen koproduzierte Oper sowie mehrere Konzerte der Berliner Philharmoniker organisierte.
Von Anbeginn an verzichtete der Maestro für „seine“ Festspiele auf Subventionen. Es war ein Statussymbol, Mitglied bei Karajans Verein zu sein. Über Ostern nach Salzburg zu fahren, wurde zum Ritual: Alljährlich bekam man die gleichen Sitzplätze zugewiesen, hatte die gleichen Nachbarn, schloss Freundschaften. Auch heute sind die Osterfestspiele ein recht intimes, ein exklusives Festival. Denn um Karten erwerben zu können, muss man Mitglied des Fördervereins sein und 300 Euro pro Jahr einzahlen. Zudem kann man in der Regel keine einzelnen Karten, sondern nur Abonnements für eine Opernvorstellung und drei Konzerte kaufen. Ein solches schlägt gegenwärtig mit 1230 Euro pro Person in der teuersten Kategorie zu Buche.
Heutzutage ist das Publikum – es kommt zu einem Drittel aus Deutschland, zumindest 80 Prozent sind Stammgäste – steinreich und überaltert. Man will sehen, was man kennt und keine Experimente. Als 2005 „Peter Grimes“ von Benjamin Britten gegeben wurde, verweigerten viele Mitglieder die Anreise. Die Zahl der verkauften Karten sank auf einen historischen Tiefstwert. Trotz Wagners „Der Ring des Nibelungen“, der mit dem Festival d’Aix-en-Provence koproduziert wurde, besserte sich die Situation in den vergangenen Jahren nur marginal. 2009 wurden gerade mal 14 186 Karten verkauft. Fast ein Viertel der Sitze im Großen Festspielhaus wären leer geblieben, hätte man nicht 3307 Frei- und Restkarten ausgegeben.
Die finanzielle Situation der Festspiele war daher angespannt. Doch das war schon so, als Michael Dewitte 1997 die Führung der Geschäfte aufnahm. Eine Folge waren geschäftliche Veränderungen: Die „Herbert von Karajan Stiftung“ wurde umstrukturiert und in „Stiftung Herbert von Karajan Osterfestspiele Salzburg“ umbenannt. 98 Prozent der Osterfestspiel GmbH gehörten fortan der Stiftung, die restlichen zwei Prozent dem Anwalt Christoph Aigner, Sohn von Karajans Schulfreund. Im Kuratorium der „neuen“ Stiftung sitzen seither mehrere Repräsentanten der Berliner Philharmoniker, darunter deren Anwalt Peter Raue, die Präsidentin der Sommerspiele Helga Rabl-Stadler und der jeweilige Salzburger Bürgermeister. Eliette von Karajan, die Witwe des Dirigenten, fungiert als Präsidentin. Seit 2004 ist Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, eine Sozialdemokratin, als geschäftsführende Präsidentin dabei.
Alle vertrauten Michael Dewitte, der als überkorrekter Mann beschrieben wird. 1991 war der Belgier mit Gerard Mortier, dem streitlustigen Reformintendanten der Sommerfestspiele, nach Salzburg gekommen. Anfangs hatte er im Konzertbereich gearbeitet, später wurde er Referent von Claudio Abbado, damals Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, was ihn für die Geschäftsführung der Osterfestspiele bestens in Position brachte. Manchem aber war er nicht geheuer: Man will an ihm Züge von Großmannssucht festgestellt haben, außerdem ging das Gerücht um, dass er ein gravierendes Problem mit dem Alkohol habe.
Schon oft kamen Verdachtsmomente gegen die Geschäftspraktiken von Dewitte auf. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelang es den Berliner Philharmonikern im Spätherbst 2009 Einblick in die Geschäftsbücher zu erhalten. Beim Lesen der Bilanzen sei ihnen, so Peter Raue, „schnell klar geworden, dass da etwas nicht stimmen kann“. Gabi Burgstaller beauftragte daraufhin eine Wirtschaftsprüfungskanzlei, die Audit Services Austria. Was diese herausfand, war, sagt Raue, „erschreckend“: Michael Dewitte hatte aufgrund einer ungerechtfertigten „Vereinbarung“ aus dem Jahr 2002 jährlich fünf Prozent aller Sponsorengelder kassiert – insgesamt 265 000 Euro. Zudem genehmigte er sich zwischen 2001 bis 2009 eine Gehaltssteigerung von 133 834 auf 233 677 Euro und beschäftigte seine Ehefrau Yvette, die für nicht nachvollziehbare Tätigkeiten 43 673 Euro erhielt. Die Reisekosten des Verwaltungspersonals explodierten zwischen 2001 und 2009 von 34 665 auf 111 254 Euro, die Repräsentationskosten von 42 836 Euro auf 136 527 Euro, die Rechts- und Beratungskosten von 70 042 Euro auf 134 636 Euro. Obwohl die Osterfestspiele nur zehn Tage dauern, waren die Reisekosten ähnlich hoch und die Repräsentationskosten deutlich höher als bei den sechswöchigen Sommerfestspielen.
Dewitte wurde fristlos entlassen, Landeshauptfrau Burgstaller machte Peter Raue und den Salzburger Wirtschaftsfachmann Bernd Gaubinger zu interimistischen Geschäftsführern. Der Öffentlichkeit aber verschwieg man die Ergebnisse. Erst gute fünf Wochen später berichtete die Austria Presse Agentur, dass Dewitte abgelöst worden war. Gerüchte über mögliche Unregelmäßigkeiten oder Verfehlungen wurden von der Landeshauptfrau damals nicht bestätigt.
Man registrierte die Meldung und vergaß sie wieder. Denn die Osterfestspiele sind eben ein eher privater Zirkel. Die Bombe platzte erst später. Helga Rabl-Stadler hatte Raue in leiser Vorahnung um Informationen gebeten, falls bei den Untersuchungen Querverbindungen zu den Sommerfestspielen festgestellt werden sollten. Am 21. Januar setzte Raue die Präsidentin in Kenntnis, dass Klaus Kretschmer, ihr technischer Direktor, zwischen 2005 und 2009 aufgrund dubioser Rechnungen rund 487 000 Euro von den Osterfestspielen erhalten hatte. Wie sich später herausstellte, hatte die Zusammenarbeit mit Michael Dewitte gleich nach dessen Amtsaufnahme begonnen. Von 1999 an hatte Klaus Kretschmer Rechnungen in der Gesamthöhe von 2,4 Millionen Euro an die Osterfestspiele gestellt – über sein „Technisches Büro für Veranstaltungstechnik“ oder ihm nahestehende Unternehmen, darunter die „Move! Multimedia GmbH“ und die beiden Briefkastenfirmen „Techne Multimedia“ und „TDC“.
Rabl-Stadler und das Direktorium der Sommerfestspiele reagierten blitzartig: Kretschmer wurde entlassen, bei der Staatsanwaltschaft Anzeige eingebracht. Die Flucht nach vorne schien das einzig probate Mittel. Denn dass Kretschmer zumindest früher nebenbei für die Osterfestspiele gearbeitet hatte, war dem Direktorium bekannt: Er wurde am 30. August 2001 zur Rede gestellt und sagte schriftlich zu, seine Firmen stillzulegen. Ein Jahr später, am 29. August 2002, erinnerte man ihn schriftlich daran, dass jede Nebenbeschäftigung einer vorherigen Genehmigung bedürfe und er seine Tätigkeiten für Ostern als technischer Direktor der Sommerfestspiele zu leisten habe. Kretschmers Tricks dürfte man trotzdem weiter stillschweigend ignoriert haben. Er war ein Organisationstalent und garantierte reibungslose Abläufe. 2006 etwa setzte er den irrwitzigen Plan des damaligen Intendanten Peter Ruzicka um, alle Bühnenwerke von Mozart zur Aufführung zu bringen. Der Regisseur Peter Stein sagte nach Bekanntwerden der Affäre, er habe den technischen Direktor bereits 1994 „Mister 10 Prozent“ genannt. Dass Kretschmer sich Provisionen habe ausbezahlen lassen, hätten alle „lange Zeit gewusst und die Augen zugemacht“.
Unter anderem wird Kretschmer vorgeworfen, bei Vergaben von Aufträgen Schmiergeld genommen zu haben. Jürgen Flimm, der scheidende Intendant der Sommerfestspiele, sagt, er sei von Beginn an verwundert gewesen: „Die Bühnenbilder waren enorm teuer. Das passte nicht mit meiner Stadttheatererfahrung zusammen. Klaus stand daher unter meiner Beobachtung.“ Von Kretschmers Rechnungen an die Osterfestspiele aber hat er nichts gewusst, auch von den anderen Ungeheuerlichkeiten nicht, die dieser sich erlaubte. So fand man heraus, dass Kretschmer eng mit der Firma „PV Planungs- und Veranstaltungstechnik GmbH & Co KG“ in Nürnberg zusammengearbeitet hatte, die von seinem Freund Johannes Fickenscher geleitet wurde. Kretschmer habe, wie es in der Anzeige heißt, Bestellungen getätigt und „Rechnungen dieser Gesellschaft, denen keine Lieferungen zugrunde lagen, zur Vorauskasse oder überhaupt zur Zahlung freigegeben“. Zudem soll über Kretschmers Veranlassung Equipment der Festspiele an Fickenscher verliehen worden sein, „der es seinerseits entgeltlich weitervermietet hat“. Der dadurch entstandene Schaden lasse sich derzeit noch nicht abschließend ermitteln, „dürfte aber beträchtlich sein“.
Um sicherzugehen, beauftragte auch das Direktorium der Sommerfestspiele die Audit Services Austria. Beleuchtet wurden speziell jene Felder, in denen, so die Festspielpräsidentin, „Kriminelle ihr Unwesen treiben könnten“ – also die Schnittstelle mit dem Osterfestival und die Auftragsvergabe. Man kontrollierte nur die Jahre 2007 bis 2009, die Schadenssumme belief sich auf 500 000 bis 800 000 Euro. Der Bericht erfüllte seinen Zweck: Hinweise auf Komplizen Kretschmers und Dewittes bei den Sommerfestspielen wurden nicht gefunden. Die Festspielpräsidentin konnte sich weiter als Schutzmantelmadonna präsentieren und ihre „Einzeltätertheorie“ aufrechterhalten. Jürgen Flimm hingegen will nicht daran glauben: Zu komplex seien die Vorgänge gewesen.
Dass nur Dewitte und Kretschmer für die Unterschlagungen verantwortlich sind, erscheint mittlerweile völlig unwahrscheinlich: Die Staatsanwaltschaft gab Mitte Mai bekannt, dass gegen elf Personen wegen Untreue und gegen eine wegen des Vorwurfs, ein Unternehmen vorsätzlich in den Bankrott getrieben zu haben, ermittelt werde. Das Augenmerk des Landeskriminalamts dürfte sich unter anderem auf Gerbert Schwaighofer, den langjährigen kaufmännischen Leiter der Sommerfestspiele, richten. Denn wie das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Audit in seinem Bericht festhält, war er verpflichtet, alle Bestellungen und Rechnungen über 7000 Euro persönlich abzuzeichnen.
Auch andere, noch ungeklärte Details erinnern an die skurrileren Facetten eines Kriminalromans. In diese Kategorie fällt ein Deal, der mit Igor Vidyaev gemacht wurde. Der 48-jährige Russe, Anteilseigner der Lebensmitteldiscounter-Kette Pjatjorotschka, erklärte sich bereit, den Osterfestspielen 2,5 Millionen Euro zu spenden – in der Hoffnung auf eine österreichische Staatsbürgerschaft. Der „Mäzen“ wurde von Kretschmer an Dewitte vermittelt. Um das Geschäft durchführen zu können, gründete Vidyaev eine Stiftung, deren Adresse identisch mit jener der Osterfestspiele ist. Als Zustelladresse gab der Russe die von Kretschmer an. Laut Vertrag sagte Vidyaev das Geld in mehreren Raten bis 2014 zu. Die erste – in der Höhe von 800 000 Euro – wurde bereits überwiesen. Und von dieser Summe ließ Dewitte widmungswidrig 300 000 als Provision auf das nordzyprische Konto einer in Belize ansässigen Firma namens „Art & Culture“ überweisen, die im Internet mit „diskreten Geldgeschäften“ wirbt.
Schon im Juni 2008 hatte Dewitte ein Gespräch zwischen dem Russen und Landeshauptfrau Gabi Burgstaller vermittelt, und im Sommer 2009 ersuchte das Land Salzburg das österreichische Innenministerium um eine positive Erledigung – aufgrund „der vom Antragsteller bereits erbrachten“ und „noch zu erwartenden außerordentlichen Leistungen“. Nachdem das Innenministerium den Antrag abgelehnt hatte, versuchte es Vidyaev im Januar 2010 noch einmal.
Burgstaller wies zwar „jeden Versuch, irgendwelche Zusammenhänge oder gar eine politische Intervention zu konstruieren“, strikt zurück, doch der Verdacht besteht – und mit ihm eine nicht enden wollende Reihe offener Fragen. Viele Salzburg-Insider können nicht fassen, wie lange Dewitte und Kretschmer ihr kriminelles Unwesen haben treiben können. Hätte nicht schon eine oberflächliche Durchsicht von Unterlagen und Jahresabschlüssen genügt, um das Ausmaß der Veruntreuungen zu erahnen? Wie konnte man die Dreistigkeit solcher Machenschaften übersehen?
Inzwischen hat Burgstaller mit dem britischen Musikmanager Peter Alward einen neuen geschäftsführenden Intendanten präsentiert, der „Veränderungen auf allen Ebenen“ und „maximale Transparenz“ verspricht. Sie hat eine neue Opernfestspiele Salzburg GmbH gründen lassen, an der Karajans Stiftung nur mit einem Viertel beteiligt sein wird. Die Beziehungen zu den Sommerfestspielen sollen von nun an nach dem Prinzip „strenge Rechnung, gute Freunde“ gestaltet werden. Man schaut nach vorn. Doch man wird die Vermutung nicht los, dass mit einer endgültigen Klärung der Ereignisse nicht zu rechnen ist. Dafür halten alle Beteiligten zu eng zusammen. Salzburg, sagt Peter Stein, sei eine kleine Stadt: „Da hackt eine Krähe der anderen nicht das Auge aus.“ |