von Christian Kortmann
Wenn Stars und Sternchen heute sterben, springen die Marketingmaschinen an. Nachrichtenportale inszenieren den Tod genüsslich als aufregendes Ereignis, und die Nachlassverwerter der Unterhaltungsindustrie stehen schon in den Startlöchern. Über einen Mentalitätswandel.
Michael Jackson darf nicht sterben. Sein letzter Geschäftspartner ist der Tod, und der erweist sich als so gnadenlos, so gierig, dass er noch das hinfälligste Röcheln zu Gold macht. Man könnte meinen, der Mann mit der schwarzen Kapuze und der Sense arbeite hauptberuflich für die Unterhaltungsindustrie. Tod und Ruhm haben sich im Showgeschäft noch nie ausgeschlossen, aber heute kommt die Karriere manchmal erst nach dem Ableben eines Künstlers in Fahrt.
Dafür sorgen unter anderem Männer wie Rob Stringer. Der Sony-Musikchef hat mit den Jackson-Erben einen Vertrag über 200 Millionen Dollar abgeschlossen, angeblich der am besten dotierte Deal der Musikgeschichte. Seit Jacksons Tod am 25. Juni 2009 sollen 31 Millionen Tonträger verkauft worden sein. In den kommenden sieben Jahren ist die Veröffentlichung von zehn neuen, aus dem Nachlass gewonnenen Platten geplant. Man setzt auf anhaltendes Interesse, auch in der Videospielbranche und der Werbung. „Wir sehen das als eine Partnerschaft“, sagt Rob Stringer, 250 Millionen Dollar könnte Sony so schon im ersten Jahr nach Jacksons Ableben erwirtschaftet haben.
Der Tod steht Jackson einfach gut: Während der letzten Dekade seines Lebens war er nur mehr ein Schatten des „Königs des Pops“ der achtziger Jahre, sein Image wurde von seinem zirkushaften Privatleben, seiner durch kosmetische Operationen entstellten Erscheinung und den Vorwürfen des Kindesmissbrauchs bestimmt. An ein Comeback des 50-Jährigen hatte niemand mehr geglaubt. Aber schon die Trauerfeier mit Popstars wie Stevie Wonder und Mariah Carey wirkte wie die Kick-off-Veranstaltung eines gewaltigen Relaunchs der um die unappetitlichen Details bereinigten Kunstfigur „Michael Jackson“. Die Wiederauferstehung hält bis heute an.
Jackson ist nur ein Beispiel für die Dynamik, die der Tod von Prominenten in unserer beschleunigten Informationskultur entfaltet – und dafür, wie er zu einem Marketingwerkzeug wird, mit dem man geschickt eine massenpsychologische Schwachstelle ausnutzt. Schon immer hat der Tod berühmter Persönlichkeiten auch Menschen betroffen gemacht, die den Toten nur durch die Medien kannten. Man denke an den mysteriösen Drogentod von Marilyn Monroe, die grausamen Attentate auf John F. Kennedy und Martin Luther King, an die weltweite Schockwelle am Tag, als John Lennon erschossen wurde, an die wochenlange Trauer nach dem Autounfall von Lady Diana oder an das monatelange mediale Mitleiden, als Papst Johannes Paul II. auf dem Sterbebett lag.
Ob Filmgöttin, Politiker, Popstar, königliches Fantasiekonstrukt, ob Staats- oder Religionsoberhaupt – sie alle bedeuteten Menschen etwas, das ihren Verlust schmerzhafter als den manches realen Bekannten erscheinen ließ. So unterschiedlich auch ihr Wirken war, sie eint, dass sie durch ein Werk mit den um sie trauernden Menschen verbunden sind – ein „Werk“ weniger im physischen Sinn von Buch, Film oder Gesetzesentwurf, sondern ein Gemenge aus bekannten Erzählsträngen, kollektiven Fantasien und heimlichen Sehnsüchten. Sie alle gehörten für die meisten Menschen ihrer jeweiligen Generation fest zum persönlichen, manchmal intimen Repertoire aus Erinnerungen und Gefühlen.
Wenn uns die Nachricht vom Tod eines Prominenten heute erreicht, fällt auch sie in diesen Resonanzraum geteilter Erfahrung. Allerdings hat eine befremdliche Trauerroutine eingesetzt, ist ein reflexhaftes Nachrufritual entstanden. Dabei kommt es immer öfter zu dem absurden Umkehrschluss, dass nicht der Tote, sondern der Tod große Bedeutung besitzt, vor allem, wenn die Umstände des Sterbens spektakulär sind. Größe wird heute in erhöhtem Maße durch die Behauptung von Trauer simuliert. Das uns mit dem Star verbindende „Werk“ – jenes Geflecht aus Sehnsüchten und Fantasien – wird oft erst in der Aufbereitung seines Todes konstruiert.
Ein Grund für diese Entwicklung liegt, wie kann es anders sein, in der Beschleunigung der Medienwelt durch das World Wide Web, wo die Jagd nach News in Echtzeit die herkömmliche Gewichtung der Nachrichten nach Relevanz zu einer altmodischen, fast belächelten Idee gemacht hat. Weil Websites ständig aktualisiert werden können, werden sie auch ständig aktualisiert, selbst wenn der Content dafür eigentlich fehlt. Regionale Ereignisse, die ein paar Hundert Menschen betreffen, erreichen so an einem nachrichtenarmen Sonntagmorgen auch schon mal den Status eines Aufmachers. Wenn die Netz-Platzhirsche Spiegel und Bild es vormachen, folgt die Konkurrenz ohnehin innerhalb weniger Minuten. Und so kann auch der Tod eines bis dahin eher wenig beachteten Stars zum großen Thema werden, sofern dieser zum richtigen Zeitpunkt stirbt.
Die Aufmerksamkeitsverteilung im Internet erinnert an ein defektes Heizungsthermostat, das, anstatt die Heizleistung bei steigender Raumtemperatur zu senken, erst einmal richtig aufdreht. Im Netz erleben wir sie permanent, eine solche Reglerkatastrophe. Nur selten werden Nachrichten durch Reflexion gebremst; einer Logik der Eskalation folgend, wachsen sie innerhalb kürzester Zeit zu einer Lawine heran: Steht die Eilmeldung vom Tod eines Prominenten auf der Seite eines Nachrichtenportals, stellt in der Regel auch die nächste Website eine Meldung online. Das wiederum beobachtet das erste Portal, sieht sich in seiner Einschätzung der Nachrichtenlage bestätigt und zieht mit einem neuen, ausführlicheren Artikel zum Thema nach. Die sozialen Netzwerke fungieren als zusätzliche Verstärker: Dass die Reaktion der betroffenen Fans auf Facebook oder Twitter direkt beobachtet werden kann, erzeugt ein Rauschen, das immer öfter mit Relevanz verwechselt wird. Wer wäre früher auf die Idee gekommen, Tagebucheinträge von Teenagern als Gradmesser kultureller Bedeutung heranzuziehen? Die Medienmacher treiben diese Reglerstörung an, zugleich werden sie davon getrieben. Es ist schon lange niemand mehr „über Nacht“ zum Star geworden, heute wird man es zwischen sechs und zwölf, zwischen Website-Aktualisierung und mittäglicher Online-Primetime. Ist der Stein erst mal im Rollen, schließen sich am Morgen darauf auch die gedruckten Ausgaben der Zeitungen an.
Die Folge dieser medialen Reglerkatastrophe ist ein schleichender Mentalitätswandel. Nicht nur die Bildsprache der Nachrufmeldungen hat sich verändert, auch ihre Tonlage. Wenn heute jemand stirbt, der auch nur den Anschein von Prominenz verbreitete, dann wird der eilig zusammengeschriebene Nachruf im Internet nicht nur mit einem Schwarz-Weiß-Foto illustriert, sondern eine Bildergalerie muss her, die für die Klicks sorgt, über die sich der Online-Journalismus finanziert. Ein Paradebeispiel ist die mediale Ausschlachtung des Todes des amerikanischen Starlets Brittany Murphy Ende vergangenen Jahres. Diverse Galerien mit jeweils zehn bis zwanzig Galafotos, Paparazzischnappschüssen und Filmszenen wurden ihr zu Ehren zusammengestellt. Auch die lasziven Posen auf irgendwelchen Pferderücken durften nicht fehlen. Da wurde sich keiner Person erinnert und auch kein künstlerisches Werk besiegelt. Vielmehr handelte es sich um eine opulente Eröffnungsfeier für eine geänderte Form der Wahrnehmung von Murphy. Das Starlet wurde zum Star gemacht.
Die Todesnachrichten von Prominenten treffen immer auf etwas sehr Menschliches: auf die Nostalgie der Leser, die die Erinnerung an das Jugendidol mit Bildern aus eigenen Jugendtagen verbinden, auf den glücklichen Narzissmus des Überlebenden und nicht zuletzt auf einen versteckten Wunsch zur Selbsterhöhung – hat man zu Zeiten eines großen Stars gelebt, erscheint auch das eigene Leben viel bedeutender. Wenn man nur groß genug trauert, wird die Illusion wahr, dass derjenige, der gestorben ist, tatsächlich zu den ganz Großen gehörte, ja, dass es eine Ehre war, gemeinsam mit ihm auf Erden zu wandeln. Dass Nachrufe daher zunehmend wie prächtig ausdekorierte, künstlerische Debüts gestaltet werden, folgt einem kollektiven Instinkt: Die Öffentlichkeit nimmt genussvoll teil am Überschreiten der letzten Grenze, an der ein Star noch ganz präsent und doch schon Geschichte ist. In einer Kultur, die alles archiviert und ständig greifbar hat, ist der Tod ein aufregendes Ereignis. Er ist unwiederholbar. Jeder erinnert sich, wo er war, als er vom Tod eines ihm wichtigen Stars erfuhr. So was erlebt man eben nur einmal im Leben. Aber immer wieder.
Wenn die Todesgeschichte sexy genug ist, kann es sogar egal sein, wer da eigentlich gestorben ist. Im Netz findet die Todesnachricht eine Leserschaft, die für gut inszenierte Ablenkungen anscheinend immer dankbar ist. Beispielhaft ist ein Kommentar auf der Website www.fem.com über den Selbstmord von Modedesigner Alexander McQueen im Februar dieses Jahres: „Zwar habe ich noch nie von ihm gehört“, schreibt Userin Fiona, „aber das ist so unendlich traurig. Hoffentlich hat er jetzt seinen Frieden gefunden. Auch, wenn das der schlechteste Weg war, ihn zu suchen.“
Kapitalistische Alltagslogik ist es, wenn bei so viel emotional aufbereiteter Kaufkraft die Marketingmaschine in die Gänge gebracht wird. Auf McQueen war nicht nur Fiona aufmerksam geworden, seine letzte Kollektion fand auch bei den Pariser Modenschauen besondere Beachtung. Nicht immer muss der Idealfall eintreten wie beim mit dem Oscar prämierten Schauspieler Heath Ledger – bei seinem Ableben waren die beiden letzten Filme gerade abgedreht und konnten als gefeierte Dokumente eines cineastischen Nachlebens in die Kinos kommen. Für die Vermarktung des Werks von Celebrities spricht viel. Die historische Person mag gestorben sein, nicht aber die ohnehin nur medial existierende Starfigur. Die wird durch den Tod sogar noch bereichert. Jetzt umfasst die Star-Erzählung alle Lebensbereiche. Beendet ist sie, aber abgeschlossen nicht. Schließlich kann sie immer neu gedeutet, immer wieder aufbereitet werden.
So auch im Fall von Michael Jackson. Gerade hat der kanadische Cirque de Soleil eine Mammut-Zirkusschau über das Lebenswerk des Popkönigs angekündigt, die ab 2012 im Casino-Hotel Mirage in Las Vegas zu sehen sein wird. Die Organisatoren verkünden stolz, dass es mit mehreren Hundert Millionen Dollar Produktionskosten die teuerste Zirkusinszenierung der Welt werden soll. Und diesen Juni, pünktlich zum ersten Todestag Jacksons, kommt nach dem ersten posthumen Film „This Is It“ gleich eine weitere Dokumentation über ihn in die Kinos. „Gone Too Soon“ ist der etwas pathetische Titel des Films, den der kanadische Regisseur Ian Halperin als „eine ausgewogene Würdigung“ ankündigt. Von den letzten Lebenswochen des Stars soll die Doku handeln. Nicht nur Jacksons Manager und sein Anwalt wurden dafür interviewt, auch der Koch, der Friseur und der Fitnesstrainer werden aus dem Nähkästchen plaudern. Mit dem Geschäftspartner Tod ist nicht zu spaßen, seine oberste Regel bricht er nie: Vielleicht macht er dich berühmt oder noch berühmter, aber in jedem Fall bezahlst du mit deinem Leben. |