Vietnam revisited von Gerhard Hofmann Vor 35 Jahren endete der Vietnamkrieg mit der Einnahme Saigons durch die nordvietnamesischen Truppen. Gerhard Hofmann, langjähriger TV-Korrespondent, hat das Land besucht und schildert für Cicero Online seine Eindrücke von einem Staat zwischen Armut und Reichtum. Bilderstrecke zum Artikel 30. April 1975, Saigon: Der holländische Fotograf Hubert van Es hebt die Kamera, schaut durch den Sucher, drückt auf den Auslöser. Ein Hubschrauber vom Typ UH-1 „Huey“ hebt, völlig überladen, vom Dach eines verlassenen CIA-Gebäudes ab. Er ist der letzte. 32 Minuten später wird er auf dem Flugzeugträger Okinawa landen. Mit der Operation Frequent Wind ist der Vietnamkrieg zu Ende – für die USA - vorerst. "Irgendwann verlässt man Vietnam", sagt van Es 30 Jahre später. "Aber Vietnam lässt einen nie mehr los." Fünf Jahre früher, vor 40 Jahren, Berlin: Im Februar werden die Filmfestspiele abgebrochen – verantwortlich für den Eklat: Michael Verhoevens Anti-Vietnamkriegsfilm „o.k“. Wenig später rücken 20.000 Ledernacken in Kambodscha ein, lässt Kissinger Laos bombardieren. Zehn Tage später schießt die Ohio National Guard in die Menge protestierender Studenten auf dem Campus der Kent State University – vier Tote, viele Verletzte; keiner der Gardisten wird bestraft. Am 14. Mai 1970 wird Andreas Baader gewaltsam aus dem Berliner Institut für soziale Fragen ‚befreit’ – das ‚Gründungsdatum’ der RAF. Und noch fünf Jahre davor, 1965, gibt Präsident Johnson den Befehl, Nordvietnam zu bombardieren. Auf Vietnam fallen mehr Bomben als im ganzen Zweiten Weltkrieg. 2,5 Millionen Menschen sterben. Die letzten Worte von „Apocalypse Now“ (Francis Ford Copolla) lauten: „Das Grauen“. Eine traurige Sammlung von Jubiläen, die alle mit einem Krieg zu tun haben, dessen Countdown vor 50 Jahren begonnen hat, als Eisenhower seinem Nachfolger Kennedy die Dominotheorie vererbte. Mit einem Krieg, den der eben gestorbene Alexander Haig gerne gewonnen hätte: "Mit Bomben". Aber zwei Millionen tote Zivilisten? „Zu wenige“, meinte Haig später, der auf den Einmarsch nach Kambodscha "sehr stolz" war, und nicht verstand, dass amerikanische Rechtsgelehrte das für einen kriminellen Akt hielten. Robert McNamara (†2009), sieben Jahre lang unter Kennedy und Johnson amerikanischer Verteidigungsminister, bekannte sich 1996 dagegen schuldig. 2003 wurde der nach seinem Memoirenband "Vietnam - Trauma einer Großmacht" gedrehte Dokumentarfilm unter dem Clausewitz-Titel „The Fog of War - Eleven Lessons from the Life of Robert S. McNamara“ preisgekrönt. "Wir haben uns schrecklich geirrt. Wir sind künftigen Generationen eine Erklärung schuldig, warum das so war," schrieb McNamara, der für das Hineinschlittern der USA in einen Krieg verantwortlich war, dem mehr als zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen, darunter 58.000 Amerikaner. Der Krieg als eine Folge schwerwiegender Irrtümer: die Moral der Nordvietnamesen sei grob unter-, die der Südvietnamesen überschätzt worden; übertrieben habe die Regierung die technische Überlegenheit der Waffen sowie die Bedrohung der USA für den Fall eines kommunistischen Sieges. Die "Domino-Theorie" sei falsch gewesen: "Wir versäumten es, die fünf wichtigsten Fragen zu stellen: Trifft es zu, dass der Fall Vietnams den Fall ganz Südostasiens nach sich ziehen würde? Wenn ja: Würde dies eine schwerwiegende Bedrohung des Westens darstellen? Zu welcher Art von Krieg - einem konventionellen oder einem Guerillakrieg - könnte es kommen? Könnten wir diesen Krieg mit US-Truppen gewinnen, die an der Seite der Südvietnamesen kämpften? Und schließlich: Sollten wir nicht alle diese Fragen beantworten, bevor wir über die Entsendung von Truppen entscheiden? Es scheint unverständlich, ja unglaublich, dass wir uns nicht direkt und sofort mit diesen Punkten auseinandersetzten." Statt diese Fragen zu klären, entschieden die Mächtigen in Pentagon und White House manichäisch: als gehe es um die Wahl zwischen Gut und Böse, und das, obwohl McNamara schon 1965 zweifelte, ob der Krieg durch die Bombardierungen zu gewinnen sei – wenn man keinen Völkermord riskieren wolle. Er habe in der Folge Johnson immer wieder gewarnt: Wenn man nicht verhandle, werde alles in einer Katastrophe enden - aus Loyalität im Geheimen: Staatsraison ging dem "Buchhalter des Todes, der mit der Anzahl der getöteten Vietcong ("Body Count“) den „Erfolg“ gemessen hatte, vor Gewissen. Kein Wort der Entschuldigung der vietnamesischen Bevölkerung gegenüber. Die Vereinigten Staaten hätten dort aus ehrenhaften Gründen gekämpft. Eigentlich wollte auch ein Colin Powell aus Vietnam gelernt haben, von dort und damals hatte er seine Doktrin mitgebracht (nach ihm und Weinberger benannt): Krieg nur mit großer Übermacht, nur mit der Unterstützung der Heimat und nur mit einer Exit-Strategie – dennoch blieb er, als Bush ihn zum Irakkrieg nötigte. Alles Geschichte? Mitnichten. Der zweite Indochinakrieg, so die offizielle Bezeichnung, der erste Krieg im Fernsehsessel und die erste Niederlage der USA, bleibt bis heute eine offene Wunde im Bewusstsein vieler Amerikaner. Vietnam beschäftigt heute noch bei uns viele, die den Krieg gar nicht erlebt haben. Und dort? Mary McCarthy ("…nichts wäre schlimmer als der Sieg") fand in Hanoi 1968 paradiesische Zustände vor: Im Gegensatz zum Süden sei alles sauber, die Kinder wohlerzogen, alle lächelten und liebten Onkel Ho. Keine Missgunst, keine Habgier, kein Neid – Dutschkes neuer Mensch. |
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| Ihre Meinung zu diesem Artikel |
| Leserkommentare |
| DL (1190 Wien) | 04.06.2010 |
| Warum führen wir Krieg in Afghanistan? | |
| Thiele Ursula (1170 Brüssel) | 26.05.2010 |
| hoch interessant, vor allem der historische Rückblick bringt Vergessenes in Erinnerung, die aktuelle Situation ist wenig tröstlich, aber ein wenig Hoffnung gibt es. vielen Dank für den aktuellen bericht. ut | |
| Tyler Durden (Tokyo) | 25.05.2010 |
| Danke, ein grossartiger Artikel... | |
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