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29.05.2010
Ein Tatort für MdB Ulla Jelpke
von Josef Girshovich

Der Bremer Tatort wird politisch. Die Tote saß lange in Bautzen ein, und nun fragen sich Kommissare Lürsen und Stedefreund: Wer waren die Feinde dieser alten, einsamen Frau? Radio Bremen liefert einen schmerzhaften Kommentar zur Verharmlosung des SED-Regimes und ihrer schlimmsten Waffe, der Staatssicherheit. Schlafende Hunde – Sonntag, 30. Mai, 20:15 im Ersten.

Die Bremer machen einen immer wieder staunen. Passt’s Ihnen nicht? Wollen Sie, wie Werner Bergengruen dereinst sagte, „Augen und Ohren gewaltsam verschließen“? Just in dem Moment, da alle meinen, die veränderte Lage des gesellschaftlichen Diskurses dulde keine abweichenden Meinungen mehr, meldet sich Radio Bremen und funkt ein wohl gewappnetes Jetzt-erst-recht. Oder ist es etwa Zufall, dass Ulla Jelpke … aber spielt Ulla Jelpke, MdB für die Linke, etwa im Tatort Schlafende Hunde mit?

Erinnern wir uns: Weil es keine satanistischen Verschwörungen gibt, drehte Thorsten Näter den Bremer Tatort Abschaum. Weil – ich gebe gern zu, meine Ansichten zum Islam korrespondieren eher mit denen von Claudius Seidl als von Henryk Broder – es eine Islamisierung auf Raten nicht gibt, schrieben Thea Dorn und Seyran Ates für die Bremer den Tatort Familienaufstellung. Und nun zeichnen Wilfried Huismann (Das Totenschiff, Rendezvous mit dem Tod: Warum John F. Kennedy sterben musste) und Dagmar Gabler für Schlafende Hunde verantwortlich – auf was der neue Tatort aus Bremen wohl Antwort gibt?

Eine alte, einsame Frau, tot in ihrer Wohnung. Keine Familie, keine Freunde, keine Feinde. Seit der Wende nicht mehr, denn die Ruth Thalheim (Marie Anne Fliegel) kommt aus der DDR, saß Jahre lang als Politische in Bautzen ein, hatte nie Kontakt zu ihrer Tochter.

Es ist nicht Ermittlungsgeschick, das Lürsen und Stedefreund (Sabine Postel, Oliver Mommsen) vorantreibt, nicht einmal der Zufall, es ist die „Froschperspektive“. Was Staatsanwältin Johannsen (Julika Jenkins) durchaus schnippisch und verächtlich meint, liest sich letztlich als Kompliment für den Kommissar. Vor lauter Erdnähe, in der Stedefreund das Verbrechen sucht, übersieht er zu Recht (und zum Glück, übertragen auf die Gesellschaft, in der wir leben), wer jäh und außer Reichweite über die Grashalme hinausgewachsen ist. Was kümmert es Stedefreund, in den Zeh der Großen kann er sich nach wie vor verbeißen.

Anders Lürsen, deren amüsante Vergangenheit von Tatort zu Tatort stückweis zusammengesetzt wird. War sie nicht auch einmal jung und idealistisch? Reiste sie nicht überall hin um des Friedens willen als Angehörige der liebenden 68er? War sie damals nicht auch in der DDR? Dass Lürsen aus ihrer ehemaligen Affinität zur studentischen Szene heute ein Strick gedreht wird, ist nur die oberflächliche Sicht. Spannender, und subtil umgesetzt von Regisseur Florian Baxmeyer, ist der innere Dialog ihres Kollegen. Was ist dran an den Vorwürfen, Lürsen habe für die DDR gearbeitet, sei dem Regime zumindest nicht abgeneigt gewesen und helfe auch heute noch, die Ermittlungen zu torpedieren? Darf er, muss er gar Lürsens Mobiltelefon kontrollieren?

Verzeihen wir einmal die doppelte Sahnehaube: Waffenlieferungen an Revolutionäre in Südamerika, das tölpelhafte Spiel des alternden Charmeurs Hans Rodenburg (Jürgen Prochnow) und seine aktivistische, leider schauspielschulmädchenhafte Assistentin Anna Korzius (Laura Tonke), und denken wir an Ulla Jelpke. Hat die Linken-Abgeordnete nicht jüngst (am 15. Mai 2010) ein Grußwort verfasst angesichts der jährlichen Tagung der haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiter der DDR-Auslandsaufklärung, der „Hauptverwaltung A“ (HVA), die in Strausberg bei Berlin abgehalten wurde? Was für eine bezaubernde Rolle Jelpke doch in Bremens Schlafenden Hunden abgegeben haben würde, in diesem imperialistischen Propagandafilm, der den „mutigen Einsatz für Frieden“ der Staatssicherheit diffamiert. Aber vielleicht ist das alles auch nur Zufall. Wir freuen uns auf den Tatort aus Bremen: Sonntag, 30. Mai 2010, 20:15 im Ersten.


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Leserkommentare
Yvonne Walden (41334 Nettetal) 01.06.2010
Der Kommentierung von Karl Brückner stimme ich vollinhaltlich zu. Es ist und bleibt eine Tatsache, daß durch die gegenseitige politische und militärische Aufklärung, also Spionage auf beiden Seiten, der Bündnisse Nato und Warschauer Pakt ein "heißer Krieg" verhindert wurde. Nur dadurch, daß die Gegenseite über die Absichten der anderen Seite weitestgehend unterrichtet war, kam es nicht zu einem Krieg mit absolut verheerenden Folgewirkungen. Ein mutiges Beispiel lieferte der Bundeswehrmitarbeiter und Doppelagend Karl Gebauer, der dem potentillen Gegner Informationen lieferte, damit die eigene Seite nicht ihm Wahn militärischer Überlegenheit zum Erstschlag ausholte (Karl Gebauer: "Doppelagent - Erinnerungen" edition ost 1999)
Eigentlich sollten wir denjenigen, die für ihren Kundschaftereinsatz "Kopf und Kragen" riskierten, also eher dankbar sein und die Auffassung der Parlamentarierin Ulla Jelpke nicht grundlos diffamieren.
Dr. Munzert (Erlangen) 30.05.2010
Stasi-Recycling

Zersetzung und Stasi-Methoden in Ost und West 2010
Stasi-Recycling beinhaltet sowohl das Personal (Ex-Stasimitarbeiter) als auch übernommene Methoden und Aktivitäten der Stasi: Überwachung, Zersetzung, Existenzvernichtung, Psychiatrisierung von Gegnern, Körperverletzung und Morden mit Zeitverzögerung sowie hohem Verschleierungspotential (auf neuestem technischen Stand mit HighTech-Waffen und Radioaktivität, und für viele Nicht-Opfer unfassbar)!
Karl Brückner (10587 Berlin (Charlottenburg)) 29.05.2010
Ehe Sie sich über Ulla Jelpke erregen, sollten Sie sich vielleicht ausnahmsweise einmal informieren. Die Auslandsaufklärung aller Seiten im Kalten Krieg war extrem nützlich und hat wahrscheinlich dazu beigetragen, dass wir dem nuklearen Weltbrand entgangen sind. (Das haben auch westliche Geheimdienstler bei mehreren internationalen Konferenzen bestätigt.) Die sogenannte "DDR-Aufarbeitung" in deutschen Unterhaltungsserien ist dagegen weniger positiv zu beurteilen: Generell handelt es sich dabei um pathologische, frei erfundene DDR-Phantasien westdeutscher Kleinbürger, die von der DDR keinerlei Ahnung haben und die die DDR nie von innen gesehen haben.
Karl H. Brückner (geborener West-Berliner, der nie in der DDR gelebt, aber sie oft besucht hat - ohne HVA- etc. Erfahrung), 10587 Berlin
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Josef Girshovich
Josef Girshovich, geboren in Hannover, studierte Literaturwissenschaften und Jura in Tübingen und an der Brown University (Providence, RI). Er beschäftigt sich mit der Idee des Kosmopolitismus und lebt in Berlin.


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