28.05.2010
Interview mit Jan Feddersen
Ganz Europa schaut nach Oslo: Diesen Samstagabend geht der Eurovision Song Contest in seine 55. Runde. Cicero Online sprach mit dem ESC-Experten und Buchautor Jan Feddersen über die hohen deutschen Erwartungen, den ESC als gesamteuropäische Kulturveranstaltung und - natürlich - über Lena Meyer-Landrut.
Herr Feddersen, während wir sprechen, sind Sie bereits in Oslo. Wie ist die Stimmung im deutschen Lager?
Zu meiner großen Überraschung ist sie aus deutscher Perspektive ziemlich entspannt. Lena Meyer-Landrut ist gelegentlich angemessen nervös und wirkt dann mal wieder wie Alice im Wunderland, die das alles zu genießen scheint. Das ist sehr erstaunlich, denn gut eine Woche eine solche Spannung an Ort und Stelle auszuhalten würde ich als vermögend bezeichnen.
Bei den Ländern, die nun in den Halbfinals ausgeschieden sind, ist die Stimmung natürlich extrem getrübt. Finnland gehört mit dazu und fühlt sich mal wieder an den Rand Europas gedrängt.
Macht sich denn die Wirtschaftskrise in irgendeiner Weise bemerkbar dieses Jahr?
Auf eine spezifische Art und Weise. Griechenland ist natürlich das beste Beispiel, hat von 2000 an bis zum Vorjahr auf eine Musik gesetzt, die man als international bezeichnen kann und die sehr kostenaufwendig war. Dieses Jahr ist es ein Act der eher slawisch-balkanesisch klingt. Der Künstler legt dieses Jahr eine wesentlich preisgünstigere Performance hin, als in den Vorjahren. Die isländische Teilnehmerin hat gestern auf einen bestimmten Trockeneis-Effekt verzichtet, da die Länder die Kosten selber tragen. Viele Künstler beziehen auch nicht die teuren Hotels in Oslo, sondern weichen auf preisgünstigere Quartiere aus. Es war ohnehin bei vielen Ländern die Frage, ob sie teilnehmen können – das ganze Baltikum zum Beispiel.
Sie verfolgen den Eurovision Song Contest bereits seit Ihrem 9. Lebensjahr. Welche Faszination übt dieses Spektakel noch heute auf Sie aus?
Es ist ein Sport! Vorgestern Abend im Halbfinale gab es einen Moment, der das wunderbar illustriert hat: unmittelbar vor dem Auftritt wurde auf der Bühne gezeigt, wie die Künstler für den Auftritt gerüstet werden. Gewissermaßen ein kleines Insert live on stage – das ist vergleichbar mit Sport, wenn sich Läufer im Startblock auf den Schuss vorbereiten. Meine Faszination ist etwa der beim Fussball ergleichbar. Es hat einen hohen dramaturgischen Wert und man weiß nie, wie es endet. Das macht die Spannung aus.
Warum hält sich bei uns in Deutschland das Interesse am ESC so in Grenzen, wird er oft nur gering geschätzt?
Ich bin da mittlerweile skeptisch. Aus dem konservativen Spektrum wird ja die Meinung geäußert, es gebe einen Unterschied zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung – das würde ich für den ESC zur Geltung bringen. Die Einschaltquoten sind über alle Jahre hoch gewesen, für die ARD ist es stets die erfolgreichste Show des Jahres. Vielleicht ist es der Wettbewerbscharakter, der nicht so geschätzt wird. Es ist fast ein deutscher Kultursonderweg, zu sagen: "Mag ja sein, dass wir Vorletzte sind, aber dafür sind wir in Schönheit gestorben.“
Haben wir Deutschen ein Problem mit der scheinbaren Leichtigkeit der Veranstaltung?
Ein britischer Kollege hat mir vor fünfzehn Jahren mal gesagt: „Ihr Deutschen kommt immer super perfekt. Das stimmt alles, so wie ihr auch Maschinen baut.“ Es gibt in deutschen ESC-Acts kaum Spielräume für Improvisation, das wirkt dann eben auch unleicht. Das hat sich erst mit Auftritten wie von Guildo Horn geändert und vielleicht auch mit Lena Meyer-Landrut. Das Leichte ist – wie Brecht schon sagte – sehr schwer zu machen.
In Ihrem Buch zum ESC schreiben Sie, er wäre die einzige europäische Kulturveranstaltung, die diesen Namen verdient. Inwiefern sehen Sie darin einen Beitrag zur Europäisierung?
Weil Sie tatsächlich über so was wie Popularität und ohne Subventionen funktioniert. Es kommen keine Sondergelder aus Brüssel, mit denen z.B. die Jury rekrutiert wird. Was die Europäisierung betrifft, das ist kompliziert. Aber ich würde sagen, sie erfolgt über die gegenseitige Betrachtung. Durch das Ausmessen und den Blick der Rivalität ist man gezwungen, ein Stück weit vom nationalen Sockel runter zu kommen. Finnlands Ausscheiden vor drei Tagen wird zur Folge haben, dass man wohl eher nicht wieder auf einen solchen Auftritt zurückgreift, weil es Europa offensichtlich nicht vermittelbar war. Europäisierung bedeutet zu sagen: Was machen die andern? Man kann natürlich auf seinen Eigenheiten bestehen, verliert dann aber vielleicht. Und man will ja nicht verlieren, und erst recht nicht Letzter werden. Deswegen muss man sich auf die andern in einer wechselseitigen Beziehung einlassen.
Outet uns unser Interesse also als stille Europäer?
Ich glaube nicht, dass wir uns bei der Vorabstimmung überlegt haben, wie ein Lied auf Europa wirken wird. Es war einfach eine Abstimmung über das beste Lied. Aber Lena ist der moderne Ausdruck einer jungen Frau, wie sie in Deutschland in millionenfacher Ausführung lebt. Das unterscheidet sie übrigens von der Gewinnern 1982, Nicole, die keine Angehörige der Friedensbewegung war und trotz ihrer Jugend deutsch-provinziell blieb. Das ist bei Lena Meyer-Landrut anders, ich denke sie ist ein Mehrheitsmodell in Deutschland. Darum interessiert uns vielleicht auch, wie sie abschneidet.
Sie schreiben, der ESC sei ein Spiegel des real existierenden Europas. Kritiker behaupten, er sei mittlerweile zu osteuropäisch geprägt. Wie viel Europa steckt denn nun wirklich drin?
Ich würde sagen alles, und auch alles, was Europa problematisch macht. Es steckt natürlich auch das entsetzlich nervige Nachbarschaftsvoting drin. Ich glaube aber nicht an Verschwörungstheorien, wie sie unter anderem Raab 2004 verkündete. Wenn man in Bosnien für Serbien wählt, ist das kein Kalkül, sondern kulturelle Übereinkunft. Das ist ein Ärgernis, aber wenn es ums große Ganze geht, funktioniert das Siegen nur, wenn alle ihre Punkte dazugeben. Osteuropa für sich könnte keinen Sieger bestimmen. Man kann nur gewinnen, wenn man aus 95% aller Länder hohe Punktzahlen bekommt, soviel deckt Osteuropa nicht ab. In Fünfzehn Jahren hat Osteuropa nur zweimal gewonnen, das ist nicht so viel.
Aber auch der letztjährige Sieger Alexander Rybak, ein Norweger mit weißrussischen Wurzeln, schien eine eher osteuropäische Musik zu spielen und hatte damit großen Erfolg.
Es scheint so, aber tatsächlich hat er norwegischen Folk gespielt. Es stimmt allerdings, dass Sie Elemente seiner Musik auch in östlichen Teilen Europas finden. Sie können eben bestimmte Harmonien in Portugal und in Rumänien oder Westrussland entdecken. Ich glaube nicht, dass man Länder und ihre Kulturen als holistische Zustände begreifen kann, ohne zu übersehen, dass Europa ja mittlerweile so etwas wie ein durchmischter Kontinent ist. Auch davon erzählt der ESC. Aber es gibt natürlich Dominanzfaktoren, welche die Wahrnehmung von einem Land prägen.
Gibt es denn eine Erfolgsformel oder einen gemeinsamen kleinsten Nenner der Gewinner der letzten Jahre?
Die hatten alle Hunger. Als sie auf die Bühne kamen, waren sie noch nicht zufrieden. Den deutschen Acts Roger Cicero und Texas Lightning wurde von der ARD versprochen: wir machen euch mit Hilfe unserer Sendekraft groß, dafür tretet ihr nochmal international auf. Als Cicero in Helsinki und Texas Lightning in Athen ankamen, haben sie einfach einen weiteren Gig absolviert, richtige Ambitionen hatten die nicht. Aber das Publikum in Europa spürt, ob jemand um sein Leben singt und das wird meist honoriert. Bei Maria Serifovic, der serbischen Siegerin 2007, war das gut zu sehen: eine junge Frau mit Roma-Wurzeln und auch bosnisch-jüdischen Vorfahren. Da war auch eine unglaubliche politische Motivation dabei.
Zuletzt schnitt Deutschland vor allem dann gut ab, wenn es seine Blödelbarden wie Raab oder Horn entsendete. Was fehlt uns, um ungezwungen gut abzuschneiden?
Kurz: Lockerheit, Coolness. Ich denke Raab und Horn hätten auch heute noch Chancen, denn es handelte sich ja nicht ausschließlich um Blödelei, sondern um performativ perfekte Auftritte.
Täuscht der Eindruck, dass die deutsche Erwartungen hoch sind wie nie zuvor?
Die sind in bestimmten Jahren immer hoch – so war es bei Max Mutzke und Guildo Horn, wenn auch auf kontroversere Art. Aber die jetzigen Übererwartungen sind übertrieben. Man hat gemerkt, dass Lena Meyer-Landrut in Deutschland funktioniert und mittlerweile ist sie sowas wie die gesamtdeutsche Adoptivtochter. Ob das aber in Resteuropa klappt, weiß man nicht. Dem Beifall zufolge, den ich hier mitbekommen habe, ist das ein Titel, der ankommen könnte. Raab liegt aber richtig, zu sagen, unter die besten zehn zu kommen wäre gut.
Wie beurteilen Sie die wachsende Bedeutung Stefan Raabs für den ESC? Ist er der neue Ralph Siegel?
Ralph Siegel war zu seinen besten Zeiten ein beseelter Maniac, der später zum Zyniker und dann zum Schlagersöldner wurde, wie zuletzt in Irland. Mittlerweile ist da weniger Herzblut dabei. Raab ist noch kein Zyniker, er trägt eine Mission in sich und will gewinnen. Er ist das beste, was dem ESC von deutscher Seite passieren konnte.
Abschließend: Wird Europa die deutsche Adoptivtochter am Samstag in die Arme nehmen?
Es könnte gut sein. Ich habe nie gedacht, dass Europa Lou, Corinna May oder die No Angels gern haben könnte. Aber Lena hat was verführerisches, offenbar ist ihr Hunger auch nach ihrem 8. Tag in Oslo noch nicht gestillt.
Herr Feddersen, Wir danken für das Gespräch!
Das Interview führte Martin Ernst |