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04.06.2010
Lieber dement als im Altersheim?
von Josef Girshovich

Vergreisung, Demenz, Hilflosigkeit – und mitten drin ein Mord. Die Leipziger Kommissare Saalfeld und Keppler müssen den Tod einer Altenpflegerin aufklären, und geraten selbst in die Fänge des Alterns. Heimwärts hätte wichtige und unangenehme Fragen zu bieten, wenn die Charaktere nicht derart grob geschnitzt wären.

Ich sollte also schreiben: Das Thema ist brisant. Das Thema ist aktuell. Wie wichtig, dass der MDR daraus einen Krimi gemacht hat. Drehbuchautorin Heike Rübbert zeigt mit ihrem Tatort-Debüt, dass sie um die gesellschaftliche Relevanz des Alterns Bescheid weiß. Nicht immer ist es leicht, sich um Familienangehörige zu kümmern. Aber sollen wir unsere lieben Eltern, wenn sie denn einmal dement sind, in einem Pflegeheim unterbringen? Und woher dafür das nötige Geld nehmen? Die Kosten für private Pflegedienste sind horrend, der Zeitdruck der meist überforderten Pflegerinnen immens, und dann fallen mir noch ein paar gewichtige Adjektive ein, zu denen ich die passenden Aussagen suche.

Aber ich kann nicht. Mit der allmählichen Vergreisung unserer Gesellschaft lässt sich Politik machen, lassen sich Bücher verkaufen und die Feuilletons füllen. Dann und wann versuchen Söhne gar, ihre intimen Tübinger Erfahrungen niederzuschreiben. Demenz ist schockierend und macht uns ohnmächtig. Wer sich für die häusliche Pflege entscheidet, braucht Mut und Kraft. Kraft, die ich nicht aufzubringen wüsste, weil ich an dem Bild des Dahinsiechenden wahrscheinlich selbst zerbrechen würde.

Wenn Hannes Holst (Karl Kranzkowski) sagt, „Aber ich kann doch meinen Vater nicht ins Heim stecken“, muss er wissen, welche Verantwortung er übernimmt. Denn der, der „hier zu Hause ist“, weiß nicht einmal mehr immer, was Zuhause bedeutet. Und wehe, wenn es einem dabei um das eigene Gewissen geht. Nicht immer ist es gut, wenn sich die gesamte Familie um Opa Karl (Joachim Tomaschewsky) kümmern muss, aber nicht kann, nicht will, aber muss. Enkeltochter Svenja (Nina Gummich) mag ihre Jugend vielleicht mit Gleichaltrigen verbringen, träumt vielleicht von Amerika. Statt dessen darf sie sich in ihrer Freizeit daheim zur Altenpflegerin ausbilden lassen.

Ich habe nachgeschaut. Mittlerweile kann man Gerontologie sogar studieren. Nur wie zynisch muss dieser Student sein, der sich mit 18 Jahren dafür entscheidet, die Vorlesungen Altersheimverwaltung I und II zu besuchen? Zynisch – oder abgeklärt wie Mike Breuker (Dirk Borchardt). Dass es sich bei Altersheimen um einen Industriezweig mit Zukunft handelt, ist kein Geheimnis. Umso erstaunlicher ist es, wenn der Betreiber eines Pflegedienstes so offensichtlich als böser Wolf dargestellt wird. Ausbeuterisch, betrügerisch, überheblich … mir fallen nicht einmal mehr genügend Adjektive ein, um seinen klotzig geschnitzten Charakter zu beschreiben. „Schmierig“, wenn ich mich recht erinnere, soll Breuker auch noch sein.

Adjektive sind verachtenswert. In der Werbung und in der Reportage finden sie sich, aber in der Literatur kaum. Wer seine Helden mit Adjektiven umschreibt, hat das Agens des Verbs nicht verstanden. Adjektive und Vergleiche wirken stets spröde und einfallslos. Der Tatort Heimwärts besteht nur aus Adjektiven. Und es wird nicht ganz klar, an wem das liegt: an Heike Rübberts Drehbuch oder an Johannes Griesers Regie. Bei so viel Geschrei verliere ich rasch den Überblick, welche Szene wo spielen soll: Sind wir nun auf dem Polizeipräsidium oder auf dem Hof? Sind das Kommissare Saalfeld und Keppler (Simone Thomalla, Martin Wuttke) und ihre Mitarbeiter oder Familie und Opa Holst?

Schließlich, aber da gehen selbst mir die Adjektive aus, gibt es da noch den unglücklich verliebten, leidenden, nervösen, unberechenbaren Ex-Freund der Toten. Übrigens ist Gerontologie vielleicht doch nicht das Richtige: Ermordet wird eine junge Altenpflegerin. Wir freuen uns auf den Tatort aus Leipzig: Sonntag, 6. Juni 2010, 20:15 im Ersten.

Bild: Dürers Mutter, wenige Wochen vor ihrem Tod


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Leserkommentare
Otto Schwarzer (37077 Göttingen) 06.06.2010
Betr. Adjektive im Tatort

Ich gebe zu bedenken, dass es sich bei "heimwärts" nicht um ein
Adjektiv, sondern um ein Adverb handelt, d. h man kann nicht sagen: Der heimwärtse Weg (ein Adjektiv kann i. d R. als Attribut verwenden)
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Josef Girshovich
Josef Girshovich, geboren in Hannover, studierte Literaturwissenschaften und Jura in Tübingen und an der Brown University (Providence, RI). Er beschäftigt sich mit der Idee des Kosmopolitismus und lebt in Berlin.


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