12.06.2010
von Josef Girshovich
WM und Tatort schließen sich also aus. Sonntag für Sonntag gibt es Fußballspiele, da bleibt kaum Platz für Zetermordio. Kein Problem, findet Tatort-Kolumnist Josef Girshovich. Aber warum gab es keinen WM-Tatort zum Warmlaufen?
Ein toter Fußballer und zehn Verdächtige. Das Motiv – Tabubruch im Sport und ein manipuliertes Spiel. Die Ermittler – ein gemischtes Doppel.
Ich stelle mir eine U-21-Mannschaft vor, ein Team, das nach oben strebt. Die Saison ist beinahe zu Ende. Der Ort steht hinter dem Verein, einen Sponsor gibt es auch, und der Trainer war ’74 im Münchener Olympiastadion dabei, als Einwechselspieler. Wenn es nur den Streit nach dem letzten Turnier nicht gegeben hätte. Stürmer und Torwart, die sich beinahe geschlagen hätten. Und am nächsten Tag ist der Torwart tot.
Die Kommissare für den Fußball-Tatort sind natürlich besonders wichtig. Nicht, dass ich jemanden vorziehen würde, aber das ist kein Fall für einen Einzelermittler. Hier braucht es ein Doppel, Mann und Frau, mit den passenden Klischees. Er sammelt sofort Autogramme, sie versteht die Aufregung um Fußball nicht. Er glaubt an die Spieler vom Verein, an Mythos und Teamgeist, sie sieht nur Jungen unter Erfolgsdruck. Er sieht elf Freunde, sie sieht Geld und Macht und versagte Liebe.
Worum ging es in dem Streit am Abend nach dem letzten Spiel? War das verpatzte Tor der Auslöser, oder gab es einen anderen Grund? Die Kommissare finden einen Gesprächspartner im örtlichen Sportkommentator. Er war einer Geschichte auf der Spur: Spiele sollen manipuliert worden sein, der Name des Sponsoren fällt, und der Tote war sein Informant.
Spielt der Unternehmer mit gezinkten Karten? Die Ermittler bekommen brisante Informationen zugesteckt. Der allseits beliebte Sponsor des Fußballteams ist stiller Gesellschafter eines Internetanbieters für Sportwetten – und ob sein Alibi wirklich stimmt? Es kommt zu Vorladung und Verhör, Verhaftung und Freilassung – der Unternehmer war zur Tatzeit in der Tat auf der Autobahn unterwegs, eine Geschwindigkeitskontrolle liefert den Beweis.
Doch dürfen Sportwetten nicht der ganze Plot sein. Ein gesellschaftliches Tabu, das größte Tabu im Sport muss her. So körperlich Fußball sein mag, so nah sich die Spieler auf dem Feld und unter der Dusche kommen – Fußball ist ein homophober Raum. Homosexualität und Fußball dürfen nicht in einem Satz genannt werden. Die geschockten Spieler rücken ins Visier der Ermittler – wurde der Torwart gemobbt, weil er schwul war?
Endlich wird der Streit rekonstruiert. Da ging es nicht um Mobbing, sondern um Eifersucht. Der Torwart hatte sich verliebt, doch der Stürmer wollte davon nichts wissen. Da drohte der Torwart, die Homosexualität des Stürmers bekannt zu machen, zu erzählen, dass er und der Trainer – – –
Plötzlich hegen wir einen schrecklichen Verdacht. Wo war der Trainer, der stets so liebevoll von „seinen Jungs“ spricht, als der Mord geschah? War er es nicht, der den Toten gefunden hatte? Bei seiner Verhaftung läuft im Hintergrund das WM-Finale von 1974 …
Ja, einen solchen Tatort hätten wir uns zum Warmlaufen für Südafrika gewünscht. Und wer weiß, vielleicht wird das ja 2014 was mit dem Mord in der Mannschaftsdusche, wenn die WM in Brasilien zu Gast ist.
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