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16.06.2010
Kalifornien ist nicht Griechenland
von Marc Etzold

Der Euro verliert, der Dollar gewinnt - so lassen sich die Kursentwicklungen der vergangenen Wochen zusammenfassen. Dabei könnten die Probleme ähnlicher kaum sein. Hohe Staatsdefizite, steigende Neuverschuldung und Beinahe-Pleiten von Mitgliedsstaaten – trotzdem kommen die USA offenbar besser durch die Krise als Europa. Ein Vergleich.

Staatsschulden sind so eine Sache. Die Beträge übersteigen meist unsere Vorstellungskraft. Deutschlands Schuldenberg liegt bei über 1,7 Billionen Euro, die USA haben 13 Billionen Dollar Schulden. Die Frage, ab welcher Summe ein Staat Probleme bekommt, lässt sich anhand der Höhe der Schulden nicht pauschal beantworten. Entscheidend ist die Relation zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, dem Bruttoinlandsprodukt. Wenn ein Land viel Geld erwirtschaftet, kommt es prinzipiell auch besser mit höheren Schulden zurecht.

Spätestens seit der Griechenland-Krise wissen wir nun aber, dass das Spiel mit den Schulden nicht bis ins Unendliche getrieben werden kann – schon gar nicht, wenn weltweite Krisenstimmung herrscht. Irgendwann sagen die Märkte eben Nein und stellen keine neuen Kredite mehr zur Verfügung, besonders dann nicht, wenn auch noch die Wirtschaftskraft nachlässt. Vor diesem Problem stehend, legten die Euro-Staaten ein 750 Milliarden Euro schweres Rettungspaket auf.

USA sind die schlimmeren Schuldensünder

Nun scheint es auf den ersten Blick aber paradox, dass derzeit vor allem gegen den Euro und nicht gegen den Dollar spekuliert wird. Beides sind weltweite Leitwährungen, beides sind Spiegelbilder von großer Wirtschaftskraft. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die USA noch viel stärker im Schuldensumpf stecken als die europäischen Staaten. Anfang Juni betrug die US-Staatsverschuldung 88 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Bis Ende des Jahres wird der Wert wohl auf 92 Prozent steigen. In Europa scheint die Lage etwas besser. Zusammen haben die Staaten des Euro-Raums eine Verschuldung von über sieben Billionen Euro, im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt macht das 79 Prozent. 1:0 für Europa also.

Das zweite Vergleichskriterium ist die Neuverschuldung, die ein Land auch kurzfristig vor enorme finanzpolitische Probleme stellen kann. Die Euro-Staaten hatten im vergangenen Jahr Kredite im Wert von 560 Milliarden Euro aufgenommen, die USA haben hingegen rund 1,4 Billionen Dollar mehr ausgegeben als eingenommen. Selbst wenn das höhere Bruttoinlandsprodukt der USA großzügig einkalkuliert wird, ist das Defizit im Vergleich noch immer deutlich höher. Damit steht es schon 2:0 für Europa.

Griechenland vs. Kalifornien ist wie David gegen Goliath

Was macht dann den Unterschied zwischen USA und Europa aus, zwischen Dollar und Euro? Der Fall Griechenland hat die europäische Einheitswährung natürlich vor riesige Probleme gestellt. Allerdings haben die USA auch ein Sorgenkind. Das amerikanische Griechenland heißt Kalifornien und wird von Gouverneur Arnold Schwarzenegger regiert. Seit Jahren schockt der seine Landsleute mit schlechten Nachrichten, denn der Sonnenstaat ist immer wieder auf finanzielle Hilfen aus Washington angewiesen.

Der bevölkerungsreichste US-Staat hat seine Ausgaben jedoch schon drastisch gesenkt – daran versuchen sich die Griechen derweil noch. Außerdem hat der Staat an der amerikanischen Westküste wirtschaftlich gesehen durchweg bessere Voraussetzungen als Griechenland. Kalifornien ist immerhin der achtgrößte Wirtschaftsraum der Welt und damit ein überaus wichtiger Motor der US-Wirtschaft. Außerdem liegt die Verschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt bei nur etwa 10 Prozent, in Griechenland sind es 115 Prozent.

Und selbst wenn sich Kalifornien nicht mehr aus eigener Kraft helfen könnte, also pleite wäre, blieben die USA wohl handlungsfähig. Die Washingtoner Zentralregierung würde Kalifornien unter seine Verwaltung stellen. Hier greift der Vorteil, dass die USA nicht nur eine Finanz- und Währungsunion sind wie die Europäische Union, sondern darüber hinausgehend auch noch eine gemeinsame (wirtschafts-)politische Ordnung besitzen. Die USA könnten ein insolventes Kalifornien händeln, weil sie Regeln und Erfahrung haben. Europa fehlt beides. Endergebnis 1:2, rechnerisch gewinnt damit Europa, in der Realität haben trotzdem die USA die Nase vorn. David unterliegt also Goliath.

Der europäischen Gemeinschaftswährung hilft es eben nicht, dass die USA noch mehr Schulden machen als die Euro-Staaten. Zumal die amerikanische Wirtschaft diese Schuldenmacherei langfristig wohl besser vertragen dürfte. Die Vereinigten Staaten stehen mit einer nahezu optimalen Geburtenrate von 2,1 Kindern nicht vor solch großen demographischen Herausforderungen wie Deutschland und andere. Die USA dürften ihre Schulden also deutlich einfacherer bedienen können als die Europäer. Denen trauen die Märkte offenbar nicht mehr zu, dass sie ihre gigantischen Schulden- und Haushaltsprobleme wieder in den Griff bekommen, den USA schon – zumindest im Moment noch.


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Leserkommentare
Nema () 18.06.2010
Ach, jetzt habe ich mich in Rage geschrieben und habe meinen eigentlichen Punkt doch nicht genannt:
Ein geniales Beispiel für die IMHO so eindrucksvolle amerikanische Mentalität scheint mir California zu sein:
Dort denkt man sogar über einen zweiten Verfassungskonvent nach, um eine neue Verfassung auszurufen, quasi ein Reboot des Staates. Die Three Strikes-Regelung, die die Gefängnisse überfüllt haben soll, wird wieder in Frage gestellt und so weiter. Grade California ist ein Beispiel amerikanischer Inovationskraft. Es ist Sitz der Computerindustrie...

Vergleicht man das mit der alten Welt, ich fürchte, sie schneidet nicht so gut ab. Die Amerikaner können nicht nur sehr pragmatisch handeln, sie zeigen auch enormen Reformwillen, wenns sein muss.
Nema () 18.06.2010
Ähhh...Das Brottosozialprodukt ist _nicht_, niemals, das Einkommen des Staates!
Die Einnahmen des Staates sind nur Steuern, Gebühren usw.usf. plus die Kredite, die der Staat sonstwo gewehrt hat und zurück gezahlt werden.
Aber der Staat verfügt nicht über das komplette BIP, selbst sozialistische Regime sahen sich immer gezwungen Privateigentum anzuerkennen, wenn auch nicht das von "Produktionsmitteln", also Unternehmen (mit allen sozialen Folgen so einer Wirtschaftsweise...). Kapitalistische Systeme, die also Privateigentum auch von Unternehmen kennen, basieren ja grade darauf, dass der Staat nicht über die gesamte Wirtschaftsleistung verfügt.
Daher muss man eigentlich gegenrechnen, wieviele Prozent der STEUEREINNAHMEN verschuldet sind, nicht de GESAMTWIRTSCHAFTSLEISTUNG.

@Mentale Entwicklung der USA:
In der Tat ist die mentale Verfassung jenseits des Kontinents offenbar eine andere. (Zumindest nachdem, was ich hier aus den Medien und Internet-Quellen erfahre) Allerdings bewerte ich das nicht negativ.

Die USA scheinen mir viel dynamischer-agiler zu sein als die europäischen Gesellschaften. Auch wenn die EU als neue Entwicklung viel intellektuelle Aufmerksamkeit auf sich zieht: Die Union, die wir USA nennen existiert seit Jahrhunderten, hat Könige und Kaiser überstanden, fast alle Wandelungen der Moderne mitgemacht und besteht immernoch unter derselben Verfassung wie zu Gründerzeiten; keine europäische Gesellschaft kommt dem gleich, mit der zu erwartenden Ausnahme der britischen natürlich.
Wenn man dagegen die EU ansieht: Dort wird die theoretische Konstruktion der Union schon bei ersten praktischen Schritten unterlaufen. Oder hat hier jemand schon von Einwänden gegen EU-Maßnahmen gehört, weil diese gegen das Subsidaritätsprinzip, das verankert ist, verstoßen?

Wie dem auch sei: Genau die vielgescholtente protestantische Geisteshaltung der USA - die hierzulande nur in ihren extremen Ausformungen gezeigt und so verspottet wird - , hat sie offenbar in diese Vorreiterrolle geführt.
Man kann ja polemisieren wie man will: Die Genies dieses Jahrhunderts wurden in Europa (oftmals im Osten), Asien, sonstwo oder in Amerika geboren, _aber arbeiten werden sie dann doch in den USA_. Warum? Vielleicht, weil die so hochgehaltene europäische Bildung einen verhängnisvollen Fehler enthalten könnte? Oder wie erklärt man sich das? Warum können Spitzenwissenschaftler in den USA offenbar besser arbeiten als in den miefigen geistigen Räumen Europas?

Übrigens: Genau das, was linke Bildungspolitik immer wieder fordert: Ganztagsschule, Einheitsschule mit Kursen usw., das ist in den USA doch teilweise schon ewig verwirklicht. Warum steht die USA dann wohl nicht an der Spitze der Bildungsvergleiche? ;-)
Ullrich L. (FFM) 18.06.2010
@Hartmut Jaspers

Ihr Kommentar ist sicher nicht an den Haaren herbeigezogen. Zweifel kommen bei mir nur deshalb auf, und ich möge mich hoffentlich irren, weil sich auch in Good Old Germany intellektuelle Untiefen dramatisch ausweiten. Die Gründe sind sicherlich vielfältig, wohl aber hauptsächlich in der subtil durchgeführten medialen Lobotomie, verfehlter Migrationspolitik, sowie bundesländischen Schul-Laborversuchen zu finden. Wir lustwandeln seit einiger Zeit auf dem bildungspolitischen Irrpfad, der uns nicht über kurz oder lang, sondern schon heute eine tröge Masse abliefert, wo eine knappe Hälfte nach 10jähriger Beschulung schlichtweg nicht ausbildungsfähig ist. Wenn man eine Angleichung an den großen Bruder anstrebt, so sind wir auch hier auf dem allerbesten Weg. Es klingt sicher ein wenig elitär diesen Vergleich zwischen der alten und neuen Welt zu wagen, aber er ist es, der uns doch die Zukunft weisen könnte, wenn wir Deutschen, ja Europäer, uns auf eine Kultur des Fortschritts und des Wissens besinnen würden.
Möge uns der „Bildungs-Vorsprung“ nicht abhanden kommen. Es wäre der letzte Verbleibende.
Speziell auf das kalifornische/amerikanische Problem: Es wird abzuwarten sein, wie die Kultur der permanenten Verschuldung sich weiter ausbreitet oder eben, zumindest auf lokaler/kommunaler und individueller Ebene, verebbt. Fakt ist, Schulden sind die Droge aller freien Wirtschaftsräume. Ohne diesen Treibstoff kann unter normalen Bedingungen eigentlich kein Wirtschafts- oder Konjunkturwunder erwartet werden. Amerika und auch die anderen westlichen Staaten werden sich deshalb immer weiter verschulden. Sie können gar nicht anders. Deutliches Indiz hierfür ist die wohl eher gemäßigt ausfallende Steuerreform der aktuellen Regierung. Hier ist weder Wille noch Fähigkeit des Staates zum Sparen erkennbar. Warum sollte das in anderen Ländern anders sein?

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass die bundesdeutsche Verschuldung immer noch ohne die staatlich garantierten Renten- und Pensionsansprüchen ausgewiesen werden, durch die sich die Verbindlichkeiten auf ca. 6 Bill. Euro
Hartmut Jaspert (Huntsville, Alabama) 17.06.2010
Verehrter Herr Etzold;
was Sie hier darstellen ist gelinde gesprochen Äpfel mit Birnen verglichen. Sie betrachten nur die wirtschaftlich -rechnerische Seite und lassen die sozialen Errungeschaften und das allgemeine Bildungsniveau völlig ausser acht. Diese haben m.M. einen erheblichen Anteil and der Bewertung der Lebensqualität und damit der Stabilität einer Wirtschafts- und Sozialregion. Ich lebe mit meiner Familie seit 10 Jahren wechselweise in D und in USA und kann aus eigener Erfahrung berichten, dass die Amerikaner noch 20 Jahre brauchen werden über Allem betrachtet, sich mit Deutschland/Europa vergleichen zu können. Alleine das Wissen um das Ausmass und die Auswirkung der Ölpest im Golf ist erst 10 Tage später als in D durch die Presse mit entsprechenden Schlagzeilen gewürdigt worden, selbst dann wurde es von der Bevölkerung nicht ernst genommen. Jetzt "brennt die Hütte" und die gottfanatischen Südstaatler warten auf einen "Act of God"! Die geistg-soziale Entwicklung dieses Landes befindet in weiten Teilen auf dem Niveau des ausgehenden Mittelalters in Europa. Wenn Obama als erster US Präsident den Umschwung zur grünen US Energie-Politk herausstellt, kommt hier unten bei Joe doch nur an,... ich darf mir hier das mal herausnehmen - "das der verdammte Yankee-Nigger begonnen hat unser schöner Amerika kaputt zu machen - der islamische Sozialist muss weg!
"Grün" ist hier nicht mehr als nur eine Farbe, nix mehr und so lange Joe, der Plumber noch immer seinen Tank volltanken kann, sein Plastik-Geschirr und Besteck nach dem Lunch wegwirft, die Plastikeinkauftüten noch frei sind, aller Abfall in einer grossen Tonne landet, Joe der Plumber seinen Vorgarten und DowChemicals ganze Regionen chemisch vergiften kann, ohne dafür an die Wand geklebt zu werden, wird sich in Amerika, dem Land der begrenzten Unmöglichkeiten sicherlich nichts ändern. Wie war das noch mit dem Propheten: Wenn der Prophet nicht zum Öl geht, kommt das Öl zum Propheten!. Kommen Sie doch mal her, ich zeige Ihnen den grössten "Kindergarten" der Welt!
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Marc Etzold
Marc Etzold ist freier Journalist und beschäftigt sich mit innenpolitischen Themen und der Klimadebatte.


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