19.06.2010
von Josef Girshovich
Kann Mord schön sein? Darf er das überhaupt? Und jedes Mal stellen wir uns die gleichen Fragen: wie, wann, warum soll jemand sterben? Dabei hat der Mord im Krimi nichts mit der Realität gemeinsam, meint Tatort-Kolumnist Josef Girshovich. Auf dem Papier folgen wir immer nur unseren Reizen.
Wie bringe ich dich um? Wo, um welche Uhrzeit … nein, wir fangen doch immer wieder am falschen Ende der Geschichte an. Tausend Mal bereits musste ich mir das sagen, und doch kann sich das niemand merken. Glauben wir tatsächlich, es gehe um den Toten? Um den Mord, die Geschichte eines Lebens, das bereits vorüber ist? Die Moral des Krimis, der Detektivgeschichte im Allgemeinen ebenso wie des sonntäglichen Fernsehspiels, ist eine andere: Die Moral des Krimis lautet, gar keine Moral zu haben.
Der Tote … aber auch nur einen einzigen Gedanken an den Ermordeten zu verlieren, ist ein Fehler. Ebenso gut könnten wir uns den ganzen Abend lang darüber unterhalten, wie der Mord begangen wird. Am besten auf einer Récamière entspannend … Wie nun wurde – aber ist es überhaupt eine Sie oder ein Er, der ermordet wird? Über Stunden ließe sich streiten, ob Gift, Pistole, Erwürgen, Messer, Treppensturz oder Überfahren. Kein Blut, bitte, weil das so hässlich ist, und die Tote – eine Sie, definitiv – auch danach schön aussehen soll, womit Messer, Pistole und Bratpfanne ausgeschlossen sind. Ersticken? Wie abstoßend, lautet da der Einwurf, der letzte Krampf, der letzte Blick in die blauen, tiefen Augen … Aber kann denn Mord schön sein?
Überhaupt: Das Wie des Tötens spielt ebenso wenig eine Rolle wie das Wo und Wann. Der Tote und seine direkte Umgebung sind Requisiten auf der Bühne des Ermittlers. Sie schmücken die Geschichte, aber die Geschichte selbst ist der, der den Fall vor unseren Augen löst. Der Detektiv, seine Fehler und Gedanken leiten und bestimmen den Spannungsbogen – ganz anders als die Kriminalistik der polizeilichen Ermittlung das im wahren Leben tut.
Mach doch ein Praktikum bei der Polizei! – hörte ich einmal einen sagen, dessen Freund eine Kriminalgeschichte schreiben wollte. Wir sind es der Ehrlichkeit des Berufsstandes schuldig, der Zunft der Polizisten und der der Kriminalautoren: Nichts kann weiter von einer Detektivgeschichte entfernt sein als die Aufklärungsarbeit der Damen und Herren in Grün. In ihren Bereich fällt tatsächlich die Arbeit am Tatort, in unseren alles andere.
Zum Beispiel das Fest, auf das sich alle freuten. Die Burlesque, zu der von weit her Gäste anreisten, sich im Stile der 20er Jahre verkleideten. Schwarze Hosen, aufgemalte Leberflecke, Fliegen am Hals der Damen – ja, dieses Fest wäre im wahren Leben einfach weiter gegangen, während im Film … Wer, wenn er eine Geschichte erfindet, würde es sich nehmen lassen, die Kommissare verkleidet auf die Feier zu schicken? Die Bühne Fernsehen verlangt nach Atmosphäre, nach dem geeigneten Setting, um das herum die Ermittler tanzen. Der Mord ist nichts weiter als Auslöser, das Negativ heißt Motiv und alles, was sich vor unseren Augen entwickelt, ist das bunte Bild der Fiktion – denn wir, die wir schon glaubten, uns im Gestrüpp der Realität verloren zu haben, waren doch bloß Sklaven unserer Reize. |