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Herrscht hier noch Vertrauen?
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23.06.2010
„Die Koalition zelebriert den Gruppen-Egoismus
Interview mit Hans-Jürgen Wirth

Die schwarz-gelbe Regierung braucht eine Gruppentherapie, meint Professor Hans-Jürgen Wirth im Interview mit Cicero Online. CSU-Chef Horst Seehofer, so der Psychoanalytiker, schüre Ressentiments gegen vermeintliche Freunde. Wenn das Vertrauen innerhalb der Koalition nicht wieder hergestellt wird, sei das Regieren fast unmöglich.

Herr Wirth, in Union und FDP beschimpft man sich gegenseitig mit Begriffen wie Wildsau, Gurkentruppe oder Rumpelstilzchen. Braucht die Regierung eine Gruppentherapie?
Ja, in gewisser Weise schon. Ich würde eine Beratung für gruppendynamische Prozesse empfehlen (lacht). Der Streit und die Nervosität haben mittlerweile einen Grad erreicht, der schon ungewöhnlich ist.

Was ist ihre Ferndiagnose?
Es gibt natürlich eine extreme Belastung von außen: Die Finanz- und Euro-Krise, für die die Bundesregierung aber nichts kann. Diese Probleme hat sie so vorgefunden. Das kann schon ziemlich nervös machen. Das andere ist, dass man mit großen Hoffnungen gestartet ist, die allerdings enttäuscht wurden. Jetzt suchen beide die Schuld beim Partner und nicht bei sich selbst. Und so schaukeln sich diese Streits dann hoch.

Aber das geht nun schon seit Monaten so. Was fehlt der Koalition aus psychoanalytischer Sicht am meisten?
Vertrauen untereinander und ineinander. Es gelangen ja ständig Informationen nach draußen, was das Vertrauensverhältnis innerhalb der Koalition nicht gerade befördert. Wenn eine Regierung also besser miteinander arbeiten und sich dabei Methoden der Psychotherapie bedienen möchte, dann müsste sie hier ansetzen. Sonst wird alles nur unter Vorbehalt besprochen und die Koalition kommt nie voran.

Das Problem hatten doch aber auch schon andere Regierungen.
Natürlich. Aber im Moment ist es so ja so, dass es einen Kampf aller gegen alle gibt – auch zwischen vermeintlichen Freunden. Wenn der Presse Informationen zugespielt werden, dann nur, um den anderen eins auszuwischen. Damit wird das Vertrauen auf lange Sicht zerstört. Und dann wird das Regieren fast unmöglich. Und eines ist auch klar: Wenn es kein Vertrauen innerhalb der Regierung gibt, vertraut die Bevölkerung der Regierung schon gar nicht.

Was passiert denn, wenn eine Koalition ohne Vertrauen nach innen regiert?
Dann nehmen die Gruppenkonflikte überhand. Ein bekanntes Beispiel aus der deutschen Geschichte ist der Konflikt zwischen den Sozialdemokraten Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt, die am Ende regelrecht verfeindet waren und abfällig übereinander gesprochen haben. Die Bedeutung solch psychologischer Faktoren und gruppendynamischer Prozesse müsste in der Politik also viel mehr beachtet werden.

Viele Politiker nutzen solche psychologischen Tricks doch aber gezielt.
In der Tat, gerne auch gegen sogenannte politische Freunde. Mich hat besonders beeindruckt, wie Horst Seehofer den Bundestagspräsidenten angegangen ist. Er hat Norbert Lammert mit einem süffisanten Lächeln gesagt, anstatt ungehörige Sparvorschläge zu machen, solle der lieber auf eines seiner beiden Gehälter verzichten, das er als Bundestagspräsident zusätzlich bekommt. Das ist eine polemische und geradezu bösartige Kritik. Damit verletzt er auch das Amt des Bundestagspräsidenten.

Und wie erklären Sie das als Psychologe?
Seehofer wollte die eigene Position auf Kosten von Lammert stärken – ihn diffamieren, schlecht und lächerlich machen. Sein Verhalten zielte darauf ab, in der Öffentlichkeit Ressentiments zu erzeugen. Seehofer hat ja so getan, als würde die Frage der Besoldung im Ermessen Lammerts liegen. Die sachliche Auseinandersetzung tritt dabei völlig in den Hintergrund.

Sie haben sich wissenschaftlich mit Verhältnis von Narzissmus und Macht beschäftigt. Ist Seehofer ein Narzisst?
Das wäre zu pauschal. Narzisst ist ja auch kein Schimpfwort. Wer in der Politik agieren will, braucht eine gesunde Portion Narzissmus und den Wunsch sich selber darzustellen. Das ist per se also nichts Negatives.

Wie würden sie dieses Verhalten dann beschreiben?
Es ist egomanisches Verhalten, ausschließlich bezogen auf die ureigenen und damit blinden Interessen. Das führt zwangsläufig zu einer Zerreißprobe der Regierung. Und das erleben wir im Moment. Die ganze Koalition zelebriert den Gruppen-Egoismus geradezu.

Ist sich Seehofer darüber im Klaren, dass er der Regierung schadet?
Ob er so viel Problembewusstsein hat, weiß ich nicht. Es scheint ihm aber egal zu sein. Er hat so eine sozialdarwinistische Einstellung, die besagt: Wichtig ist, dass ich mich durchsetze – auf Teufel komm raus.

Als die Koalition ihre Arbeit aufnahm, verhielt sich vor allem der FDP-Chef Westerwelle immer wieder auffällig. Momentan nimmt er sich etwas zurück. War er etwa einsichtig?
Zu seinen Gunsten könnte man das annehmen. Ich bin aber skeptisch. Er ist ja eher gezwungen, sich zurückzunehmen. Insgesamt ist er jemand, der sich gerne in den Mittelpunkt stellt und auch deswegen aus der kämpferisch, provozierenden Haltung nicht rauskommt. Er agiert immer noch so, als wäre er nur Parteivorsitzender nicht aber Außenminister.

Stimmen Sie der These zu, dass Westerwelle die Macht zu Kopfe gestiegen ist?
Ja, das sehe ich auch so. Guido Westerwelle steht ja auch für dieses übersteigerte Selbstbewusstsein. Er wollte sein Thema Steuersenkungen mit aller Macht durchkriegen und hat sich voll auf diese eine Frage konzentriert. Nun muss er die Rechnung dafür zahlen.

Wie viel Psychologie steckt insgesamt gesehen in der Tagespolitik?
Den Einsatz von psychologischen Überlegungen ist groß. Das hat nicht zuletzt das genannte Beispiel über Horst Seehofer gezeigt. Ich finde nur schade, dass es oft darum geht, negative Effekte zu erzeugen. Gerade für diese Koalition wäre es wichtig, dass der einzelne mehr Verständnis für die Position des anderen entwickelt, versucht sich in ihn oder sie hineinzuversetzen und die Argumente der Gegenseite ernst zu nehmen. Das wäre eine ganz andere Form, Psychologie in den politischen Alltag einzubringen. Sie wäre aber dringend nötig.

Ist das nicht etwas, das die Kanzlerin leisten müsste?
Schon, nur kann sie keine psychologischen Tricks anwenden. Sie muss Offenheit beweisen. Das ist anstrengender. Merkel müsste deutlicher signalisieren, dass sie eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit möchte. Sie wäre aber auch ein Stückweit darauf angewiesen, dass der andere da mitspielt. Dass sie das kann, haben wir in der Zeit der Großen Koalition gesehen als sie die SPD bei der Bewältigung der Finanzkrise stark mit einbezogen hat, allen voran den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück. Mit ihm und mit Franz Müntefering ist diese vertrauensvolle Zusammenarbeit ja geglückt.

Die Bundeskanzlerin wirkt allerdings zunehmend angespannter und gestresst. Wie würden Sie ihren momentanen Zustand beschreiben?
Es geht ihr alles nicht mehr ganz so leicht von der Hand wie in der Großen Koalition. Da wirkte sie stets souverän. Jetzt ist sie unter Druck. Trotzdem lässt sie sich das Heft des Handelns meiner Ansicht nach nicht aus der Hand nehmen.

Was muss die Koalition jetzt konkret besser machen?
Sie muss sich – so schwer es auch sein mag – wieder auf die sachlichen Aufgaben besinnen. Und die Koalitionäre müssen sich eben zusammensetzen und ehrlich miteinander sprechen, so wie in einer Therapie. Das setzt aber auch voraus, dass man zur Verständigung und Selbstkritik bereit ist. Noch sehe ich dafür aber keine Anzeichen.

Zu einem anderen Problem: In Interviews werden die Spitzenpolitiker oft nur noch ihre Statements los, die man eh schon kennt. Sollten besser Psychologen Interviews mit Politikern führen?
Der gewiefte Politiker lässt sich nicht aufs Glatteis führen, auch nicht von einem gewieften Psychologen. Das ist eher ein Problem zwischen Bürger und Politik. Die Politiker sind ja ständig in einer Profi-Haltung. Das führt dazu, dass sie nicht authentisch sind, nicht sagen, was sie wirklich denken.

Was empfehlen Sie dagegen?
Zwei Dinge. Zum einen müsste sich der Politiker wieder etwas entprofessionalisieren, damit wir keine Politik-Schauspieler mehr haben, die nur darauf achten, nichts Falsches zu sagen. Zum anderen müssten sich die Bürger ihrerseits wieder aktiver in der Politik engagieren. Dann würden sie an der eigenen Haut merken, dass man in der Politik eben schnell aufs Glatteis geführt werden kann und dann auch mal Unsinn redet. Nur so können beide wieder Verständnis für einander entwickeln.

War das denn je anders?
In den 70er und 80er Jahren haben sich meiner Meinung nach mehr Bürger aktiv eingebracht, beispielsweise in der Friedenspolitik, in sozialen Fragen oder der Ökologie. Damals kam es noch zu spontanen und lebhaften Gesprächen. Im Moment sieht sich der Bürger den Politiker ja nur im Fernsehen an, ein Dialog oder Austausch findet kaum statt.

Herr Wirth, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Marc Etzold


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Leserkommentare
David_ (Berlin) 24.06.2010
@Nema

Milch für ALLE!

Subventionen bestehen - da die alten Seilschaften und ihre profitierenden Enkel der "alten" BRD immer noch aktiv sind!

Leider ist der hedonistisch-narzistische Ansatz der heutigen(!) FDP keine Lösung des Problems, sondern eher wichtiger Bestandteil dessen.

Man muss sich die Vorsteher der Liberalen Elite unter psychologischen Aspekten näher betrachten.

Nervös, über den Mund fahrend, klientelorientiert im schlechtesten Sinne, bissig, unsolidarisch, kleinbürgerlich, miefig - aber dabei gut angezogen(!), in Talkshows unsympathisch (Kampfhund-Charme) ...

Ich würde keinem meine Kinder für ein Nachmittag anvertrauen!

Ehrlich.

Liberalität - Freiheitssinn hat für mich ein anderes Gesicht!

"... was bringen schon Fakten angesichts des Charisma eines Che Guevara? Ein Arzt, bereit sein privilegiertes Leben hinter sich zu lassen, um in irgendwelchen Dschungeln für das zu kämpfen und zu sterben, woran er glaubt.

Nicht die Argumente, die Helden, die Legenden, die Balladen sind es, die dem Liberalismus fehlen. "

Wo ist der Che in der FDP?

Sehen keinen.
Wahrscheinlich kann er in dieser Partei gar nicht existieren!
Man würde ihn "umbringen".

Die Yuppie-Restverwerter haben kein Format!

Liberalität sehe ich in der Zukunft eher bei den Grünen oder dem sozial-liberalen Flügel der SPD.

Die heutige FDP hat nichts mit Freiheit zu tun!

Der Liberalismus begründete die Emanzipation (Befreiung) von überlieferten Dogmen aus dem Feudalismus und Absolutismus, ...

Wenn ich die Hierarchie und Kommunikation in der FDP sehe weiss ich, dass das Wort "Absolutismus" und die damit einhergehende Selbstbestätigung und Selbstbeweihreucherung - die menschliche Solidarität in der Partei und im ganzem Volk ausschließt.

Solche Menschen wünsche ich mir nicht mal als Nachbarn.

Umfrage FDP 2,9%

Das ist erst mal gut.

Gute Nacht!

Milch für ALLE und in Freiheit!








Kind, Ingild (Hamburg) 23.06.2010
Eine von Herrn Gerth empfvhlene Beratung für gruppendynamische Prozesse ist ein tolles Wort, aber für die einfachen Zänkereien zwischen den Koalitionären etwas hoch gegriffen und fehl am Platz. Frau Merkel und Herr Westerwelle müssen merken, dass die nicht zusammen passen - politisch.
Westerwelle reizt gern Themen aus, um Beifall zu bekommen und rutscht ins Populistische ab, während Frau Merkel von Natur aus milde und kompromisswillig ist. Entweder tolerieren sie sich mit ihrer Andersartigkeit oder sie trennen sich. Gruppendynamische Analysen und Bearbeiten der gruppendynamischen Prozesse verkompliziert den Zank und das "nicht-miteinander-Können". Selbstdarstellung ist in der Politik eigentlich auch nicht notwendig, ein bisschen sich gegenseitig akzeptierendes Miteinander tut es auch.
Nema () 23.06.2010
@David:
Wenn man sich wirtschaftlich sinnvolles Handeln nicht anders als im rücksichtslosen Egoismus vorstellen kann dann mögen ihre überlegungen vielleicht eine gewisse...wie soll man es nennen?..."Plausibilität" haben. Dann ist es aber wahrscheinlich auch plausibel, Milch den Göttern zu opfern, um damit eine grenzenlos übersubventionierte Agarwirtschaft in ihrer jetzigen Form bestehen lassen zu können.

Für alle, die das anders sehen gibts ja immernoch die Hoffnung, dass zumindest einige liberale Politiker nochmal zur Besinnung kommen könnten - von anderer Seite ist ja höchstens zu Rechnen, dass sie die Agrarwirtschaft noch überregulieren und sie so endgültig gegen die Wand fahren...
Nema () 23.06.2010
Ja, ne is kla.

Tatsche ist doch: Die FDP ist mit Steuersenkungen angetreten, während die CDU schon selbst eine teilsozialdemokratische Agenda unterstützt...
David_ (Berlin) 23.06.2010
Getriebener Borderliner Westerwelle.

Selbstverleugnende Ignorantin Merkel.

Antagonistischer C-Sozialist Seehofer.

West-SPD angstgeschüttelt durch ihre kleine Schwester - der LINKEn.

GRÜNE Elite im Zweifel zwischen Wirklichkeit und Anspruch.

Der Souverän schaut RTL am Grossbildschirm.

Die Bild manipuliert den aufrechten Gang.

Die Finanz-Oligarchie entfesselt und selbstbestimmend.

Die Elite unseres Landes.

Der Hauptwesenszug des Homo oeconomicus ist EGOISMUS.

Egoismus (frz.: égoïsme; zu griech./lat.: ego = ich) bedeutet „Eigennützigkeit“. Das Duden-Fremdwörterbuch beschreibt Egoismus als „Ich-Bezogenheit“, „Ich-Sucht“, „Selbstsucht“, „Eigenliebe“. Egoismen (Plural) sind demnach Handlungsweisen, bei denen einzig der Handelnde selbst die Handlungsmaxime bestimmt. Dabei haben diese Handlungen zumeist uneingeschränkt den eigenen Vorteil des Handelnden zum Zweck. Der so Handelnde kann es zudem nicht akzeptieren, wenn andere Menschen ihm gegenüber das gleiche Verhalten zeigen, da es als schädlich eingestuft wird. Der Egoist räumt sich selber also mehr Freiheiten ein, als er anderen zugesteht. Wesentliche Aspekte eines unumschränkten Egoismus' sind damit das Verwenden von zweierlei Maß und die generelle Missachtung der Goldenen Regel.

Die alte Bundesrepublik verteidigt Ihre alten Werte und vergisst dabei, dass Sie seit 20 Jahren nicht mehr existiert.

Die FDP ist der radikalste und unsolidarischste Ausdruck dessen.

Aktuelle Umfragewerte 3%.

Also - es ist noch nicht alles verloren.

!



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Hans-Jürgen Wirth
Hans-Jürgen Wirth ist Psychoanalytiker und Verleger des Psychosozial-Verlags. Außerdem ist er Professor an der Universität Bremen. 2002 hat er das Buch "Narzissmus und Macht" veröffentlicht.


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