Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Konnte sich auf dem Gipfel am schlechtesten durchsetzen: Angela Merkel
zoom
27.06.2010
Gipfelstürmer III: Deutschland: 0,25 Punkte!
von Wolfram Eilenberger

Konkrete Entscheidungen waren am zweiten Tag des G8/G20-Gipfels in Toronto Mangelware. Wolfram Eilenberger ist für Cicero Online vor Ort und bringt täglich Hintergründe und Kuriositäten. Heute hat er exklusiv vorab den Munk-Report einsehen können. Dieser bewertet, wie es den Teilnehmern gelungen ist, ihre Agenda durchzusetzen - und zeigt vor allem eines: Deutschland ist an seinen ehrgeizigen Ausgangszielen gescheitert. Auf zum Gipfelstürmen!

Zu Teil 1: Wilkommen in Toronto
Zu Teil 2: Die große Zusammenkunft
Zu Teil 4: Das Wunder von Toronto

Das Wort vom Übergangsgipfel macht am zweiten Tag des G8/G20-Gipfels in Toronto die Runde. Konkret beschlossen wurde also wenig. Und keiner der Beteiligten will darin ein Problem oder gar Scheitern erkennen. Zumindest nicht offiziell. Vielmehr sei es normal, wie von amerikanischer, wie französischer, wie japanischer wie deutscher... Seite in verdächtig gleichlautenden Stellungnahmen erklärt wird, dass die stärksten Industrienationen der Welt, einmal vom einenden Druck des unmittelbar drohenden Systemkollapses befreit, nun eigene und damit verschiedene Strategien verfolgen, das Wachstum der eigenen Volkswirtschaften zu verstetigen.

Zudem befinde man sich mit der Weitung des Gipfels zum G20-Format in einer frühen Erprobungsphase globalpolitischer Steuerung, deren eigentliche institutionelle Ausgestaltung noch Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Das wird schon, nickte man einander zu.

Von der frohen Hoffnung, dass sich in Zukunft vieles besser und einfacher gestalten wird, lebt freilich nicht nur die internationale Politik, sondern auch deren Stille Herrin, also die Weltwirtschaft - und zwar in Gestalt des Dogmas vom notwendigen Wachstums. Ein Dogma, so viel Einigkeit besteht dann doch, das auch auf dem Gipfel von Toronto von niemanden infrage gestellt wird.

Fern versöhnlicher Wachstumsfloskeln hat eine Forschergruppe der international höchst angesehenen Munk School for Global Studies der Universität Toronto rein faktenorientiert analysiert, in welchem Ausmaß es den einzelnen Staaten gelang, ihre jeweils explizit formulierten Zielvorstellungen auf dem Gipfel durchzusetzen.

Das Ergebnis ist gerade für die deutsche Delegation alles andere als schmeichelhaft. Insbesondere bei dem bestimmenden Thema “Weltwirtschaft” erreicht Deutschland im Munk-Report gerade einmal 0.25 Punkte (Maximalwertung: 1 Punkt). Konkret bedeutet dies, dass sich Kanzlerin Merkel in keinem der von ihr priorisierten Themen entscheidend durchzusetzen wusste: So wird es auf absehbare Zeit keine international verbindlichen Regeln geben, Banken an den Kosten der Krise zu beteiligen (etwa in Form einer Finanztransaktionssteuer). Auch findet sich in dem Abschlussdokument des G8-Gipfels keine spezifischen Formulierung, mit welchen Maßnahmen das Ziel nachhaltiges Wachstums verfolgt werden soll.

Die Enttäuschung beschränkt sich allerdings nicht allein auf die globale Wirtschaftspolitik. Auch in den Bereichen “Klimawandel” und “Regionale Sicherheit” (Schwerpunkt Afghanistan) erreicht Deutschland gerade einmal 0.25 Punkte. Tatsächlich erwies sich Deutschland gemäß Munk-Report von allen G8-Teilnehmern als durchsetzungschwächste Nation des Gipfels - weit hinter Japan, Italien, Frankreich und dem klaren Bewertungssieger USA.

Das klingt nicht gut. Doch sollte man sich vor kurzsichtigen Lesarten des Reports etwa im Sinne eines “Obama schlägt Merkel” hüten. Zum einen, weil das simplifizierende Einteilen in Gewinner und Verlierer nirgendwo fatalere Folgen hat als auf dem Gebiet internationaler Beziehungen. Vor allem aber, weil die Ausgangsziele der deutschen Delegation ausgesprochen ehrgeizig und präzise formuliert waren. Es war mit anderen Worten Angela Merkel, die auf dem Gipfel von Toronto die Themen setzte und europäische Gesamtpositionen am nachdrücklichsten vertrat. Sie scheiterte auf hohem Niveau. Mehr war von diesem Übergangsgipfel einfach nicht zu erwarten.

Quelle: 2010 Muskoka G8 Summit Country Assessment Report by the G8 Research Group at the Munk School of Global Studies at Trinity College in the University of Toronto


Cicero Online exklusiv

Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Leserkommentare
Nema () 02.07.2010
@Dr. Nobbe:
Sie haben recht!
Dr. Manfred Nobbe (Kalübbe) 29.06.2010
Mir ist die Art und Weise wie sich Merkel nicht durchsetzt immer noch zehnmal lieber als die Art wie Schröder sich durchsetzte.
Nema () 27.06.2010
Au waia. Ich will mir gar keine Welt vorstellen müssen, in der wichtige politische Entscheidungen auf globaler Ebene von solchen Eliten getroffen werden. Reicht ja schon, wenn vereinzelte Völker das zweifelhafte missvergnügen haben, müssen ja nicht gleich alle sein, oder?

Wie dem auch sei: Statt Wirtschaftswachstum also Stagnation (oder lieber gleich Abbau?), denn das ist ja wohl das Gegenteil von Wachstum?
Das bedeutete nichts geringeres als den Untergang dieser Zivilisation...Es gibt in der Natur nunmal kein Beispiel von stabilier Stagnationen oder ähnlichen, alles wächst - wächst zumeist expotentiell - oder geht wieder ein. Und das macht es auch zumeist nicht gleichmäßig sondern rückartig (gut, hier bestehtigen die Ausnahmen die Regeln). Wollen wir wirklich, das unsere ganze bisherige Zivilisation untergeht und wie das alte Rom im Mittelalter und früher Neuzeuit nur noch eine Erinnerung an eine bessere Vergangenheit darstellt? Ich glaube hier im Namen der Mehrheit der Weltbevölkerung sprechen zu können wenn ich vorsichtig sage: Nein. Ne, wir wollen lieber ein langfristiges, stabiles Wachstum, aber ein Wachstum!
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Netzstücke als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Online exklusiv
Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Gratis Probeheft

Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada.


Gebührende Prioritätensetzung
mehr lesen
Moral war keine Kategorie“
mehr lesen
Aufbruch der Leistungsträger
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Weltbühne
Schluss mit den Ausreden
mehr lesen
Ruandas Wunderheiler
mehr lesen
Berliner Republik
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Tschernobyl ist jetzt
mehr lesen
Kapital
Die Politik fördert die Altersarmut
mehr lesen
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
„All deine Ängste ablegen“
mehr lesen
Lesende Autoren, essende Köche
mehr lesen
Leinwand
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
"Mit Busen ist es so..."
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben