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02.07.2010
Auf dem Weg zur Rederepublik
von Alexander Kissler

Nach der Vereidigung: Christian Wulff erweist sich als Meister des rhetorischen Kurzpasses und der nationalen Ermutigung. Ob seine wenig kunstvolle Antrittsrede als sprachökonomische Effizienz und insofern als rhetorische Antithese zu Horst Köhler wie auch zu Joachim Gauck gewertet werden kann? Das wäre doch mal ein Anfang.

Ein Bundespräsident müsse ermutigen und warnen. Mit dieser Stellenbeschreibung, die auf Theodor Heuss zurückgeht, leitete Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Feierstunde zur Amtsübergabe vom bisherigen zum neuen Schlossherrn von Bellevue über. Zweimal zitierte er das seinerseits mahnende Wort. Der Neue hat gut zugehört. Christian Wulffs Antrittsrede brachte nicht nur inhaltlich allen etwas. Sie war auch ein Muster an sprachökonomischer Effizienz und insofern die rhetorische Antithese zu Horst Köhler wie auch zu Joachim Gauck.

Köhler, heißt es, sei auch an seinem eher wurschtigen Umgang mit der Sprache gescheitert. In der Tat brachte den präsidialen Groll wohl die Reaktion auf ein Interview zum Überlaufen, in dem Köhler über den Zusammenhang von wirtschaftlichen und militärischen Interessen extemporiert hatte. Ein solcher Fauxpas wäre dem Vollblutpolitiker Wulff nicht passiert. Er hat die Grundregel aller Rhetorik verinnerlicht: Wer öffentlich redet, der muss verstanden werden. Der darf weder durch forcierte Schlichtheit noch durch angestrengte Komplexität Missverständnisse auslösen. Redner, die danach einen Dolmetscher ihrer Rede brauchen, haben den Sinn der Übung verfehlt.

Und auf Sinn, sagte Wulff in einem der wenigen sentenzenhaften Momente seiner Antrittsrede, „auf Sinn sind wir alle angelegt“. Der recht kühle, fast technische Ausdruck – Menschen als Lebewesen mit eingebautem Sinnmodul – zeigt, wie sehr dem Redner und Präsidenten Pathos zuwider ist. Konkurrent Gauck erinnerte sich in der Bewerbungsrede vom 22. Juni an sein einstiges Sehnen nach dem Westen und fuhr fort: „Diese Sehnsucht nistete sich in unseren Herzen ein“. Schöngeist Gauck ließ nisten, wie es auch Dichter gerne tun, Macher Wulff beschrieb Anlagen, wie es Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern zukommt.

Gauck warnte mit Erich Fromm vor der „Furcht vor der Freiheit“, er zitierte Thomas Mann, berief sich auf Biermann, Solschenizyn, Sacharow. Wulff ließ in seine Rede kein einziges Zitat ein. Namentlich erwähnt wurden nur Christo und Jeanne-Claude, die vor 15 Jahren den Reichstag verhüllten, und der „Vater von Frau Özkan, der ersten Landesministerin muslimischen Glaubens in Deutschland.“ Glatter, anspruchsärmer, fugenlos geriet so seine Rede, aber eben auch gänzlich undramatisch. Absolut undenkbar, dass Wulff je wie Gauck zur verschränkenden Kreisfigur griffe und sagte: „Wir dürfen glauben, was wir konnten, und wir werden können, woran wir glauben.“

Stattdessen dominierte, um im derzeit allgegenwärtigen Fußballjargon zu reden, der risikolose Kurzpass im Mittelfeld. Wulffs Sätze sind längst nicht so knapp, so provokativ kurzatmig wie jene Horst Köhlers, aber auch bei weitem nicht so rhythmisiert wie bei Joachim Gauck. Wulff liebt, wie allzu viele Politiker, das Substantiv mehr als das Verb, fordert etwa „für die Gestaltung des Globalisierungsprozesses“ einen „festen Ankerpunkt in der Europäischen Union“. Variantenreich, floskelarm ist sein Ausdruck nicht immer: Parteien seien „viel besser als ihr Ruf“. Er selbst wolle „Brücken bauen“, damit „wir unvoreingenommen aufeinander zugehen können“ und weil „wir auch hier auf andere zugehen und den Austausch verstärken müssen“.

Wulffs Verbeugung vor dem klassischen Spontispruch, Deutschland sei eine „bunte Republik“, wäre Gauck nicht über die Lippen gekommen. Der ehemalige Bürgerrechtler schloss mit Erich Fromm und seinem persönlichen Traum von einem Deutschland, das „sich selber aus der Unkultur von Angst, Resignation und Tristesse erlöst, indem es gestaltet und das Seine eigenständig sucht, erkämpft, betreibt.“ Nichts ist Wulff fremder als nationale Selbsterlösung. Er wirbt schlicht dafür, neugierig zu bleiben und aus Neugier gesamtdeutsch miteinander „ins Gespräch zu kommen“. Deutschland, ließe sich sagen, soll vom Land des Geredes zur Gesprächsrepublik werden – „unabhängig von Herkunft und Wohlstand“, getragen allein von „Gemeinschaftsgefühl und Begeisterung, von Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen, von kühnen Ideen und gekonnter Verwirklichung“. Nur so könne das Land seine „vielen Erfolgsgeschichten“ fortschreiben.

„Versöhnen statt spalten“ lautete einst das Motto von Amtsvorgänger Johannes Rau. Es nutzte sich rasch ab, weil unterhalb der präsidialen Ebene die Erneuerer und die Besitzstandswahrer wie die Kesselflicker stritten. Wulff könnte sein Programm auch deshalb in rhetorisch so kleiner Münze ausgeteilt haben, weil er diesen Kampf wider die begriffliche Abnutzung gar nicht erst beginnen will. Die Gefahr, die hinter so viel Zurückhaltung lauern könnte, heißt indes Langeweile.

Vorerst müssen wir uns damit begnügen, einen Präsidenten zu haben, der sagt: Liebe Leute, redet miteinander, seid wach und bleibt neugierig, schaut keinen scheel an. Es hat schon unpassendere Zeitansagen gegeben.


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Leserkommentare
Martin (Magdeburg) 04.07.2010
Wulff ist für mich ein guter Schwiegersohn, aber kein Bundespräsident dieses Landes. Wir hätten an seiner Stelle jede X-beliebige Person nehmen können. Mit dem widerlichen Geschachere um Wulff hat sich zwar unsere Obrigkeit noch halbwegs gerettet, aber für das Volk bringt das überhaupt nichts. Wulff hatte sich eigentlich verraten indem er sagte, dass er als Ministerpräsident viel um die Ohren hatte. Das wird ihm als Bundespräsident bestimmt nicht passieren. Er hat jetzt den Job seines Lebens!
David_ (Berlin) 04.07.2010
Was für eine Foto!
Ein lächelnder 50er mit blonder Frau und Kind.
Wie in der Zeitung meiner Krankenkasse.

Ein Politiker.
Der Erste im Staat.

Ich liebe Euch doch alle.

Der soll nicht versöhnen!
Vor lauter Versöhnung findet dann nichts mehr statt.

Er soll sich einmischen.
Er soll Vorschläge machen.

Sich gegen den Mainstream wenden.
Die Zukunft in den Augen haben. Streiten!

Den Regierenden oder den Regierten eine klare Ansage machen!

Er soll nicht Bunte Republik sagen.
Er soll Deutschland sagen und trotzdem alle Bürger meinen.

Er soll Stellung beziehen!
Er darf auch scheitern.
Er ist auch nur ein Mensch.

Kann er das?

JA. Das Foto!
Ein lächelnder 50er mit blonder junger Frau und Kind.
Wie in der Zeitung meiner Krankenkasse.

..
.
Reinhard Moysich (Karlsruhe) 03.07.2010
Wulff diskriminiert Nicht-Gottesgläubige.

Der neue Bundespräsident Wulff sagt sehr erfreulicherweise, dass er das Gemeinschaftsgefühl stärken und Brücken bauen wolle zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen.
Seine erste Rede nach der Wahl hatte er jedoch mit den Worten beendet: "Gott schütze unser Land!"
Indem der selbst ernannte Brückenbauer sich offen zu dem Lager der Gottesgläubigen bekannte, hat er dessen Position kraft seines Amtes massiv gestärkt und somit die Brücke zwischen Gottes- und Nicht-Gottesgläubigen noch mehr zerstört!

Diesen Fehler hätte die vorherige Kandidatin für das Bundespräsidentenamt und Katholikin, Frau Prof. Schwan, wohl kaum gemacht. Denn beim Streit um einen Gottesbezug in einer Europäischen Verfassung hatte sie sehr richtig gesagt:
"Glaube ist eine Ermutigung zur verantworteten Freiheit, aber jeder spürt eine andere Verantwortung. Heute in der säkularen Welt gilt, dass der Glaube nicht mehr alle verbindet. Der Gottesbezug bildet keinen Grundkonsens. Deshalb kann er nicht als gemeinsame Grundlage in der Präambel genannt werden."

Außerdem: Wulff bezeichnet sich als Christen. Wäre er es wirklich, dann hätte er jedoch jenen Satz nicht gesagt, welcher nach dem Regelwerk der Europäischen Union eine indirekte Diskriminierung darstellt.
Denn ein wahrer Christ befolgt die christliche Nächstenliebe, welche lautet:
"Liebe deinen Nächsten; denn was dir unlieb ist, tue ihm nicht!" (Lev. 19,18).
Sicher wäre es ihm sogar höchst "unlieb" gewesen, wenn der vorherige Präsident z.B. gesagt hätte: "Buddha schütze unser Land!"

Wenn er wirklich das Zusammengehörigkeitsgefühl auch zwischen Gottes- und Nicht-Gottesgläubigen fördern will, muss er sich exakt weltanschauungsneutral verhalten und dabei auf die Menschenrechte verweisen, welche jegliche Bevorzugung einer religiösen oder nichtreligiösen Weltanschauung verbieten.
Hermann Eisenhardt (82256 Fürstenfeldbruck) 02.07.2010
War es wirklich der neue Herr Bundespräsident Wulf, der seine Funktion bzw. sich selbst als "Brückenbauer" bezeichnet?? Im alten Rom war das der Titel bzw. die Funktion des obersten Priesters (Pontifex Maximus). Heute ist es der Titel des - Papstes. Der baut ja an der Brücke zwischen Christus und der Kirche bzw. Himmel und Erde. Zwar werden also mit dieser Titelannexion durch Herrn Bundespräsident Wulf die Bereiche Religion und Politik miteinander meines Erachtens eher unzulässig vermengt , aber es hat schon was: Es zeigt, dass mittlerweile offensichtlich auch schon Politiker Politik nicht mehr als einen Bereich begreifen, der dazu da sei, einander widerstrebende säkulare, materielle, finanzielle Interessen sachlich zu diskutieren und auseinander zu klamüsern Max Weber). Sollte der Bundespräsident wirklich schon soo abgebrüht oder ironisch sein, dass er Politik wirklich ernsthaft in den Bereich der Religion und der Transzendenz verschiebt? Dann hätten wir ja den Übergauck bekommen, was einer Art Supergauck der Politik gleichkäme. Oder war das alles nur beliebige Politiker-Rhetorik, die man nicht weiter zu hinterfragen braucht. Oder der Herr Bundespräsident machte sich einfach mal mit einem Bisserl Ironie Luft nach dem anstrengenden Wahltag. Das wäre schon wieder sehr sympatisch.
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Alexander Kissler
Alexander Kissler ist freier Autor. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet." (Gütersloh 2009).


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