13.07.2010
Interview mit Thomas Hoepker
Thomas Hoepker gilt als einer der besten Bildreporter der Welt. Mit Cicero Online sprach der Fotograf und ehemalige Präsident der weltbekannten Fotoagentur MAGNUM Photos über Motive, Realität und was passiert, wenn einen das Elend auffrisst.
Sie haben vielfach in Krisenregionen fotografiert. Manchen Menschen auf Ihren Bildern ist die pure Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Was fühlen Sie, wenn Sie solche Aufnahmen machen?
Man ist als Fotograf sehr schnell involviert. Manchmal ist es sehr schwierig, sich davon nicht auffressen zu lassen, weil man eine gewisse Distanz braucht, um ein gutes Bild zu machen. Als ich eine Pockenepidemie in Indien oder Hunger in Äthiopien fotografiert habe, hat mich dieses Elend überwältigt. Natürlich habe ich mich dann gefragt, warum ich hier knipse statt zu helfen und bin aktiv geworden. Im Grunde ist es aber nicht die richtige Reaktion, da ich kein professioneller Helfer bin. Ich kann durch eindrucksvolle Fotos mehr erreichen als mit solchen impulsiven Handlungen, beispielsweise haben meine Bilder aus Äthiopien eine riesige Spendenwelle ausgelöst.
Ist das die Aufgabe von Fotojournalisten?
Sie sollten über Realität guter wie schlechter Natur berichten. Natürlich wird die Wirklichkeit dabei interpretiert, denn sie wird durch das Auge des Fotografen gezeigt. Stellen Sie fünf Fotografen zum selben Zeitpunkt an dieselbe Stelle und Sie werden fünf verschiedene Bilder haben.
Ihre Fotografie ist dokumentarisch. Wie wählen Sie ein Motiv?
Ich habe schon früh als Fotoreporter gearbeitet und im Grunde hat mich immer nur die Wirklichkeit interessiert. Ich gehöre nicht zu den Fotografen, die sich Bilder ausdenken und im Atelier oder auf dem Computer zusammenbauen. Für mich ist es aufregend, wenn man irgendwo spazieren geht und lauter Bilder sieht. Es gibt nichts Spannenderes als die Realität. Wenn ich einen Auftrag habe, versuche ich, mich so gut wie möglich über das Thema zu informieren. Man braucht viel Zeit, bis die richtigen Fotos entstanden sind, bis man seine Geschichte buchstäblich im Kasten hat. Früher konnte man sich diese Zeit nehmen und mehrere Wochen an einem Ort bleiben. Heute ist das leider kaum mehr möglich, da der finanzielle Druck der Verlage zu groß ist.
Sollte der Fotograf nur abbilden oder die Geschichte, von der Sie sprachen, auch in das Bild bringen?
Ich versuche, in meinen Bildern meine Ansichten wiederzugeben. Bilder können viel über das reine Abbild hinaus vermitteln – Ironie, Humor, Schmerz und Vieles mehr können sichtbar werden. Ich hoffe, dass meine Bilder eine Reaktion beim Betrachter erzeugen.
Was halten Sie von Bildbearbeitung?
Ich bearbeite meine Bilder mit den gleichen Mitteln, die mir früher in der Dunkelkammer zur Verfügung standen. Das ist jedoch das Äußerste. Ich mache niemals Ausschnitte meiner Fotos. Ich würde auch nichts ins Bild hineinmontieren oder etwas herausnehmen. Beim Fotojournalismus ist das ein Tabu, der Betrachter muss sich darauf verlassen können, dass die Situation genau so stattgefunden hat.
Warum ist derartige Bildbearbeitung heute an der Tagesordnung?
Weil sie so leicht geworden ist. Das Positive daran ist jedoch, dass die Menschen Fotos heute auf ihre Echtheit hinterfragen, das gab es früher kaum.
Auch MAGNUM folgt der ständigen Realitätsbeobachtung und will aufmerksam machen. Wie kommt es, dass solche, eher dokumentarischen, Bilder nun in einer Kunstaustellung hängen?
Es ist bei MAGNUM ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich alle mit der Realität beschäftigen. Einige Kollegen bei MAGNUM interpretieren diese Realität so stark, dass eher künstlerische als rein berichtende Bilder entstehen. Gute Reportagefotos haben immer eine Handschrift , eine spezielle Ästhetik. Zu meiner Zeit beim Stern nannte mich Chefredakteur Henri Nannen ziemlich kritisch „den Künstler“, weil ich schon immer die Tendenz hatte, über den reinen Bericht hinauszugehen. Heute hat sich der Galeriemarkt für Fotografie stark weiterentwickelt, das ist insofern erfreulich, dass heutzutage kaum noch ein Fotograf von reiner Zeitungsarbeit leben kann.
Eigentlich eine traurige Entwicklung. Was früher Standard in den Medien war, findet man heute im Museum.
So lange Fotografie noch etwas bedeutet und gesehen wird, ist nicht wichtig, wo das passiert. Ich glaube, dass Fotografie durch diese Entwicklung sogar ein höheres Ansehen gewonnen hat.
MAGNUM ist ein sehr elitärer Verein. Was muss ein Fotograf mitbringen, um dort aufgenommen zu werden?
Unsere Aufgabe besteht darin, aus dem Wirrwarr des Alltags einen sehenswerten Augenblick herauszugreifen. Es gibt natürlich unterschiedliche Ansichten darüber, was ein gutes Foto ist. Wir versuchen, uns immer wieder neuen Trends zu öffnen, auch wenn das zuerst auf Widerstände trifft. Da unser Aufnahmeverfahren ja mehrere Stufen durchläuft muss ein Fotograf mehrere Jahre bei MAGNUM sein, ehe er/sie Vollmitglied wird. Diese harte Methode hat sich bewährt.
Seitdem Sie angefangen haben, hat sich die Fotografie stetig verändert. Ihr Erfolg ist konstant geblieben. Was haben Sie richtig gemacht?
Ich bin sehr neugierig und werde es hoffentlich immer bleiben. Als Computer und das Internet immer wichtiger wurden, habe ich mich da mit Begeisterung hineingestürzt. Die Bereitschaft, Neues zu probieren und zu experimentieren ist enorm wichtig.
Welchen Veränderungen muss MAGNUM ins Auge sehen, um in Zukunft zu bestehen?
MAGNUM gibt es seit 63 Jahren, solch eine lange Tradition kann auch zum Ballast werden. Offenheit für das was kommt, ist unerlässlich. Der Markt verändert sich rasant und wir müssen ihn verstehen und mitgestalten. Bewusst haben wir auf unserem letzten Meeting mit Jonas Bendiksen einen Präsidenten gewählt, der aus der jungen Generation kommt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Jessica Vanscheidt
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