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14.07.2010
Das Kreuz mit dem Kreuz
von Alexander Kissler

Joachim Löw soll das Bundesverdienstkreuz erhalten. Warum eigentlich? Die höchste Auszeichnung der Republik läuft Gefahr, zum Operettenrequisit zu verkommen.

Joachim Löw bleibt auch gar nichts erspart: Sein Team ist chancenlos im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft, verliert wie schon vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft 0:1 gegen Spanien. Dann ereilt ihn, hin und her geschüttelt zwischen südafrikanischer Winterkälte, Strandwärme und klimaanlagengekühlten Hotelzimmern, eine fiese Erkältung. Nach dem Spiel um Platz drei will ihn DFB-Präsident Theo Zwanziger dennoch knuddeln und herzen und so zur Vertragsverlängerung nötigen. Und dann muss er auch noch mit anhören, wie Bundespräsidentennovize Wulff ihm coram publico das Bundesverdienstkreuz anträgt. Spätestens damit wurde klar: Die blanke Hysterie um „Jogis bunte Truppe“ ist da. Abkühlung tut not.

Christian Wulff sucht wie fast jeder Politiker die Nähe zu Fußballern, vor allem zu erfolgreichen. Deren Popularität soll abfärben auf die traditionell unbeliebte eigene Berufsgruppe. Insofern ist es business as usual, wenn der Präsident sich vor Kameras als Deutschlands oberster Fußballfan präsentiert, und keineswegs zu beanstanden. Eine ganz andere Sache ist es, wenn der Präsident, wie das Bundespräsidialamt erklärt, „als Ordensstifter und Ordensherr“ handelt und die „höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht“, mit einem Handstreich dem Bundestrainer zuerkennt.

Besagter Verdienstorden, das Kreuz der Nation, wird für Verdienste verliehen, „die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wurden“. Ausdrücklich heißt es, „eine einzelne Leistung genügt im Allgemeinen nicht.“ So bleibt denn im Falle Löws zu fragen: Definieren sieben WM-Spiele, von denen zwei verloren wurden, bereits einen längeren Zeitraum? Oder müssen wir die Vorbereitungszeit, vielleicht auch sämtliche Qualifikationsspiele hinzurechnen? Und worin bestanden in dieser gemeinwohlorientierten Phase Joachim Löws eigene Interessen? Im Drehen von Videoclips vielleicht oder im Aushandeln weiterer Werbeverträge? Das Trainieren, Aufstellen, Coachen, Siegen, kurz: all das Tun, wofür Löw sehr auskömmlich bezahlt wird, kann mit den eigenen Interessen nicht gemeint sein. Schließlich soll der prämierte Verdienst genau das sein, was übrigbleibt, wenn man die eigenen Interessen abzieht. Oder aber ist der schmucke Badener die Ausnahme von aller Regel, das Nicht-Allgemeine?

Der Bundespräsident begründet die mit den offiziellen Kategorien nicht begründbare Auszeichnung wie folgt: Löw habe „die Mannschaft zusammengestellt, motiviert, Ausfälle ausgeglichen, die uns hätten zurückwerfen können“ und eben „in besonderer Weise auch Trainerqualitäten bewiesen“. Man wisse schließlich, „wie wichtig ein Trainer für ein Team ist.“ An anderer Stelle sagt Wulff von diesem Team, der kickenden Elite aus Deutschlands höchster Profiliga, es sei „bester Botschafter im Sinne unseres Landes in der Welt“ gewesen. Es habe „uns Deutschen viel Sympathie in der ganzen Welt erworben“, indem es ein „buntes, weltoffenes, fröhliches und sympathisches Deutschland“ repräsentierte.

Kaum anders dachten Wulffs Amtsvorgänger, die wiederum Löws Amtsvorgängern Herberger, Schön, Derwall, Beckenbauer, Vogts, Völler, Klinsmann denselben Orden verliehen. In einer fußballverrückten Nation darf eine solche Tradition sich getragen wissen vom Konsens der Masse.

Doch es bleibt eine falsche Tradition. Das Bundesverdienstkreuz ist kein Motivationspreis. Es ist nicht das Siegel nach einer ordentlichen, keineswegs überragenden Vertragserfüllung, ist nicht der Lorbeer auf dem Haupt der Lieblingsdeutschen, nicht das Führungszeugnis für leitende Verbandsangestellte, ist kein Talisman für das glückliche Händchen und kein Eintrittsbillet in die höhere Diplomatie. Es muss sein, was es meint, die außergewöhnliche Anerkennung eines uneigennützigen Einsatzes für das Gemeinwohl – oder aber es verkommt zum Operettenrequisit.

Gewiss gibt es unter den rund 240.000 Trägern weit unsympathischere Gestalten als den bescheidenen Herrn Löw. Gerade deshalb könnte er den Rat beherzigen: Joachim, bleib standhaft, und widerstehe.


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Leserkommentare
Calu.Z (Berlin) 21.07.2010
Herr Kissler hat das wunderbar auf den Punkt gebracht. Der Vergleich macht natürlich flexibel. Es haben viele schon für meines Erachtens nach weniger Leistung diesen Orden erhalten. So betrachtet - wieso nicht auch Löw. Aber eigentlich macht er doch nur "seinen Job" richtig gut. Und dafür gibt es normalerweise keine Orden. Was machte aber eigentlich der Bundespräsident bei der PK? Wenn dort ein Politiker hätte sitzen sollen, dann doch wohl eher der zuständige Bundesminister für Sport, Thomas de Maizière. Auf mich wirkte die Teilnahme an der PK und das großzügige Streuen von Orden nur wie eine populistische Aktion, von der Beliebtheit der Bundes-Elf etwas abzubekommen. Manchmal ist weniger mehr. Der Vorschlag zur Ordensverleihung, wenn es denn so sein sollte, hätte auch dezent aus dem Hintergrund erfolgen können.
Annette Wiemeyer (Münster) 19.07.2010
Herr Kissler spricht mir vom ersten bis zum letzten Satz aus dem Herzen . . . . !!!!!
Mehr möchte ich nicht dazu sagen. Hervorragend!
klein (trier) 19.07.2010
Wer hat, dem wird gegeben werden. Warum nicht auch das Bundesverdienstkreuz?! Die, denen es von der Idee her wirklich zustehen würde, sollten es demonstrativ ablehnen.
Claus W. (Hamburg) 19.07.2010
Die Kanzlei im Bellevue sollte sich sehr genau anschauen wer mit dieser dieser Auszeichnung zu ehren ist und nicht wie ein Discounter zu reagieren. In Deutschland gibt es wahrlich andere menschen die sich Jahrzehnte lang verdient gemacht haben. Kölnische Kungelei hat in Berlin nix zu suchen!

David_ (Berlin) 18.07.2010
"Besagter Verdienstorden, das Kreuz der Nation, wird für Verdienste verliehen, „die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wurden“. "

Warum Löw?

Um mit ihm im Sonnenschein zu stehen - wie vulgär!

Was ist mit den tausenden Menschen die täglich uneigennützig ihre Pflicht erfüllen?
Was ist mit den Soldaten die ihr Leben für weiss ich was riskieren?
Was ist mit den Ärzten die sich für einen Handschlag um Obdachlose kümmern?
Was ist mit den Menschen die sich alltäglich um Gestrandete, Kranke und Verwirrte kümmern?

Löw wird mit einem sehr guten Salär für eine gute Arbeit entlohnt, aber er ist keiner der eine Leistung „die in der Regel unter Zurückstellung der eigenen Interessen über einen längeren Zeitraum mit erheblichem Einsatz erbracht wird" - Mensch.

Deutschland - was ist los mit dir?????????????

Sind wir alle krank?

Oder ist es das was wir verdient haben, weil wir es dulden!

Es ist Zeit für einen Wechsel!

Damit meine ich nicht Schröder/ Fischer!

.
Brandenburger (Velten) 17.07.2010
Ein aufklärender Artikel. Danke dafür. Ich denke an meinen hilflosen Sohn und den Hinweis auf die Pflegekräfte, die das nicht nur tun um ein "Amt auszufüllen", sondern oft auch aus Berufung. Wer kennt das heute noch...
Ich denke an die "Ordensverleihungen" (Sowjet-"Führer") während und nach den Kriegen...Ich denke an die "Helden der Arbeit" der DDR...usw. Herr Platzeck, der "Deichgraf", Frau Merkel fehlte in diesem Jahr auch nicht an der Oder...Es scheint üblich zu werden, so "Aufmerksamkeit" zu erlangen oder sich mit fremden Federn zu schmücken.
Belassen wir es dabei und erinnern an Herrn Marcel Reich-Ranicki als mögliches Verhaltensmuster... Wer hat aber den Mut, ein Amt auch zu beschädigen, wenn es um Interessen geht...Nur Herr H. Köhler???
Ökonomisieren ja, aber Maß halten. Ergänzend: Das Maß aller Dinge anstreben...
Wolfgang Schmid (Berlin) 17.07.2010
So exklusiv ist das Kreuz auch nicht - jeder Kommunalpolitiker, der der richtigen Partei ein paar Jahre als Bürgermeister gedient hat, bekommt es nachgeschmissen, scheidende Bundesminister bekommen zu ihrer Pension auch noch Stern und Schulterband.

Löw hat der Bundesrepublik internationales Ansehen verschafft - er hat einen Orden mehr verdient als viele anderen.
Gerhard Wilden (52445 Titz) 16.07.2010
Ganz meine Meinung. Finde ich unmöglich.
G. Wilden
knodt (berlin) 16.07.2010
Preise inflationieren schon seit längerem. Der Artikel hätte über den Nobelpreis für Obama beginnen und bei Löw enden müssen... aber vielleicht gibt es ja mal wieder ehrenhafte Verweigerer. Für eine erste Medienauffällige Tat des neuen Präsidenten ist das ein schlechtes Omen
Annelie Siebert (34471 Volkmarsen) 15.07.2010
Die Leistungen, Kompetenz und das Charisma von Löw sind unbestritten und gewiss anerkannt. Gut dotiert werden diese Leistungen ebenfalls. Das ist o.k., in dieser Position, in der man so viel Öffentlichkeit hinnehmen muss, kaum Privatleben mehr hat.
J. Löw sollte sich trotzdem Gedanken machen, ob er das Bundesverdienstkreuz annimmt. Dem "Drumherum" haftet ein "Geschmäckle" an.
"Brüh im Lichte", sang einmal Sarah Connor, als sie die Nationalhymne vortrug.
Hierzu könnte man umformulieren:
"Politik im Sportabglanze"? Wollen wir das? Will das Joachim Löw?
Er ist Sympathieträger vieler Deutscher. Will er die Sympathie bewahren, denkt er auch mit Sicherheit mal darüber nach, ob er das Bundesverdienstkreuz "auf die Schnelle" mal eben verdient hat.
Unser neuer Präsident wäre gut beraten, wenn er dann auch dieses "Bonbon" z.B. all den ungenannten Pflegekräften in den bundesdeutschen Heimen und Einrichtungen zukommen liesse, die meist unterbesetzt , unter Einsatz aller körperlichen und psychischen Kräfte und somit der eigenen Gesundheit, aufopfernden Dienst an Alten und Kranken tun! Und das unabhängig von Public Viewing und publicity....jeden Tag!
Dieter Reiber, IbF (Gammertingen) 15.07.2010
Das Bundesverdienstkreuz für Joachin Löw soll ablenken, von dem desatrös geführten Regierungshandeln.

Merkel ist nicht ohne Grund immer dabei, wenn die Nationalmannschaft auftritt.

Mit der Auszeichnung anerkennt sie (der Präsident) die Mannschaftsführung, die ihr im eignen Lager nicht so recht gelingt.
Man sollte einen Löw anstellen, die ungezügelten Politiker einmal auf dem Platz zu exerzieren, damit die wieder umgänglich werden und nicht jeder sich ohne Abstimmung öffentlich plamiert.

Wie es jetzt Jens Spahm und Karl Lauterbach im Falle der Volksmedizin "Homöopathie" Verbotsantrag getan haben.
Jürgen Landes (84036 Kumhausen) 14.07.2010
Was Sie über den Orden schreiben (Operettenrequisit) ist bei anderen Orden (der Bundesländer) längst eingetreten. Sie wer-
den verliehen, wenn z.B. Bürgermeister ihr Amt über längere Zeit ordentlich d.h. pflichtgemäß ausgeführt haben.
Man kann eigentlich die gan-
ze Ordensverleihung wie sie
heute praktiziert wird, in
Frage stellen.
typo () 14.07.2010
endlich mal ein Artikel, der das Kind beim Namen nennt!
Gerhard Sponsel (Kunreuth) 14.07.2010
Ich möchte auch mal so Urlaub machen wie der Jogi Löw. Den Orden brauche ich allerdings nicht.
Nema () 14.07.2010
Damit ist das Bundesverdienstkreuz endgültig: Nichts mehr wert als Auszeichnung. Eine Auszeichnung muss immer exklusiv sein.
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Alexander Kissler
Alexander Kissler ist freier Autor. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet." (Gütersloh 2009).


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